Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- Zangwill als Zionist
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 14 „Die 305 Welt“ Nr. 42 sterilen Boden anzusiedeln, braucht man 5 UDO Hund. Der Thätigkeit dieser Gesellschaft steht nur e i n Feld mit Recht zu: die jüdische Armenbevölkerung, die bereits in Palästina lebt. Hier, in der jüngeren Judengeneration, liegt ihre einzige Daseins-Entschuldigung. Jerusalem möge auch fernerhin seine Function als spirituelles Centrum des Judenthums erfüllen, die Chaluka-Spender sich auch in Zukunft auf ihre moralischen Scheingründe berufen — wem es sich aber um blosse Colonisation ohne politischen Grundgedanken handelt, der gehe überall anderswohin, nur nicht nach Palästina.“ Bei Zangwill geht man nie sicher. Auch heute, nachdem wir seinen prächtigen Artikel gelesen, wollen wir die Frage nicht entscheiden, ob der jüdische Geist in ihm stärker ist, als der Eigensinn des Dichters und Schriftstellers. Der Artikel enthält aber ein paar Zeilen, in denen sich das Herz des unverbesserlichen Dialektikers zu entblössen scheint: „Bliebe der Judenstaat eine unausgeführte Idee, so wären daran weniger äussere Schwierigkeiten als Mangel an gutem Willen bei den Juden schuld. Ohne inneren Enthusiasmus nützen auch ungezählte Millionen nichts. Dieser Enthusiasmus ist bis jetzt auf eine Minorität beschränkt geblieben, er muss sich aber verbreiten . Und er w i rd sich verbreitet. Mr. Zang will, der die Zionisten einst Träumer genannt hat, und der hoffentlich den Traum sich stufenweise zur Wirklichkeit entfalten sehen wird, ist der beste Beweis für die werbende Kraft des Zionismus. J. de H. Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) „Heilig bist Du, o mein Herr und Gott“, rief es in ihm, „geheiligt ist der Boden, den Du uns verheissen hast, geheiligt sei die Arbeit“. Das Gebet war zu Ende. „An die Arbeit!“ rief der Vormann. Die Meissei tönten, die Splitter krachten, die Stimmen erschollen; mit erneuter Kraft wurde gearbeitet, bis nach rascher Dämmerung die Nacht den Tag abgelöst hatte. Nach beendeter Arbeit zahlte man Chajim zehn Silberpiaster in die Hand. Zehn Piaster, verdient durch die eigene Arbeit! Er schaute nach dem Vormann, der ihm das Geld hinlegte, er wagte aber kein Wort zu sprechen, nicht einmal ein „Danke!“ brachte er zwischen den Zähnen hervor-: er fürchtete, entweder laut aufjauchzen oder aufschluchzen zu müssen. Erhalte doch so wenig gethan für das Geld! Immer wieder Mörtel ein gefüllt, die Leiter hin aufgetragen, das leere Gefäss hinuntergebracht und wieder gefüllt — und dafür bekommt man zehn Piaster! Wie herrlich es doch in der Weit eingerichtet ist! Nun wollte er sich hinsetzen neben seinen Vater und, wenn es sein musste, die ganze Nacht über die schwierigsten Talmudprobleme grübeln. Der Eifer und die Freude trieben ihn rasch heimwärts. Der Vater erwartete ihn traurigen Angesichts, die Augen der Mutter leuchteten. Er warf sich vor das Bett, legte sein Angesicht in ihre fieberglühende Hand, und als er zu sprechen begann, stieg ein Schluchzen in ihm auf, das er vergeblich zu ersticken versuchte. „O Mutter, Mutter, ich konnte nicht anders, ich kann Dich nicht leiden sehen! Es sind unser zuviel in Jerusalem, die nur dem Gesetze und der heiligen Lehre leben. Gott wird uns verzeihen und der geliebte Vater auch. — Denke Dir, zehn Piaster hab’ ich verdient, zehn Piaster, und ich werde vielleicht alltäglich eine solche Summe nachhause bringen!“ Doch darin hatte er geirrt. Am vierten Tage meldete sich der kranke Taglöhner gesund, und Chajim war beschäftigungslos. Auf Dr. Rapp machten seine Klagen gar keinen Eindruck. Er sagte nur kurz : „ln den Colonien werden zur Erntezeit immer Arbeiter gesucht, und jüdische Arbeiter ganz besonders.“ Zwei Tage lang hatte er seine Kräfte ruhen lassen, das stolze Gefühl, sich selbst zu ernähren, hatte der Niedergeschlagenheit und dem Missmuth Platz gemacht; der dritte arbeitslose Tag hatte den Rest seines Verdienstes aufgezehrt, am vierten Tage fehlte das Frühstück im Hause j noch ein . Tag des Almosens, noch einer der Entbehrung und des Hungers quälte ihn, und das Bild des gesunden Mädchens aus Kattra stand vor seinen Augen. Dort gab es Brot und Fleisch und Wein — aber gottlos waren sie, gottlos und ohne rechte Scham! Nach Kattra würde er nicht gehen, dort sollten sie ihn weder verlachen, noch auch — nein, nach Kattra gewiss nicht! Wenn er aber in die Colonien zur Arbeit gieng, wenn er überhaupt dauernd zur Arbeit sich stellte, dann verloren seine Eltern den Antheil an der Chaluka, der auf seine Person entfiel. „Audi da wäre Rath zu schaffen“, meinte Dr. Rapp. „Wir haben ja einen Verein, der alle jene unterstützt, die in den Colonien arbeiten wollen“. „Immer Vereine und immer Unterstützungen!“ rief Chaim bitter. Soli denn diese Bettelei kein Ende nehmen, selbst wenn man schon arbeiten will!“ „Ihr habt recht, mein Freund“, entgegnete ihm der Arzt, „aber wir Juden sind nicht die einzigen, die von Unterstützungen leben, es ist bei den Christen nicht anders, nur organisiert. Leben die Mönche und Nonnen und die protestantischen Pastoren und Missionäre nicht auch von dem Gelds, das von den anderen Ländern herüberkommt? Gewiss, dies ewige Unterstütztwerden ist ein V erd erben für diese Stadt, und darum sollt Ihr weg. Ihr seid nicht der einzige, unter der Jugend gährt es, und wenn man soviel Arbeit fände, als Arbeitsuchende, dann gäbe es keine Armut in Jerusalem“. „Und seid Ihr sicher, dass ich in den Colonien Arbeit finde?“ „In Rechobod auf jeden Fall, denn dort werden noch immer neue Weingärten angelegt“. Der Verein erklärte sich bereit, Chajims Eltern so lange zu unterstützen, bis er einen Ueberschuss von seinem Lohn werde nachhause schicken können. Frau Malke war zwar tief betrübt, ihr einziges Kind nicht bei sich zu sehen, aber sie bemühte sich, gefasst zu erscheinen. Reb Joine dagegen war ganz gebrochen von der Aussicht, die sich ihm eröffnete. Sein Kind, sein einziger Sohn, ein gewöhnlicher Arbeiter, und nun gar ein Knecht im Dienste der Colonisten, von denen man soviel Uebles sprach in den heiligen Gemeinden von Jerusalem. Aber auch er sah keinen Ausweg, keine Hilfe, und fügte sich in den .Rathschiuss Gottes, wenn auch mit brechendem Herzen. Der letzte Abend ihres Beisammenseins war herangekommen, die kurze Dämmerung hereingebrochen, da nahm er seinen Sohn bei der Hand und führte ihn hinaus vor die Thüre, und ohne ein Wort zu sprechen führte er ihn immer weiter und weiter. Chajim kannte den Weg sehr wohl, sie legten ihn jeden Freitag nachmittag miteinander zurück: sie gierigen hinunter zum Klageplatz der Juden, zu den letzten Resten des salomonischen Tempels. Die Sterne funkelten bereits am Himmel, als sie unten angelangt waren, aber man sah noch deutlich die Umrisse der Wände und die Fugen zwischen den einzelnen Quadern, Reb Joine schöpfte tief Athem und begann mit klagender Stimme: „Hierher liat’s mich gezogen, mein Sohn, von Jugend auf hab' ich nur den einen Gedanken gekannt, dereinst im Schatten der Reste dieses Heüigthums meine Tage zu beschliessen. Ich wollte im Golus keine Kinder in die Welt setzen, um sie nicht als Sünder zu erziehen. Hier hoffte ich sicher zu sein ihres Besitzes und ruhig der Zukunft entgegensehen zu können. Zu einer Leuchte der Wissenschaft wollte ich Dich erziehen, mein Sohn, zu einer Quelle des Glückes und des Stolzes für mich und für Deine Mutter. Ich aber habe eine schwere Sünde auf mein Gewissen geladen, und seit jener Stunde ist Dein Sinn gewandelt, es zieht Dich zum Weltlichen* Wenn ich gesündigt habe“ — bei diesen Worten blickte er hinauf zum Sternenzelt, das immer dunkler wurde und dessen Lichter immer glühender leuchteten und funkelten, und er seufzte tief auf — „wenn ich gesündigt habe, so habe ich schwer gebüsst, o Allerbarmer! Habe Gnade, verzeihe! Du aber, mein Sohn, lege die Hände auf diese Steine, die geheiligt sind durch das Andenken an die Grösse unseres Volkes, an sein Unglück, die geweiht sind durch die Thränen, die zahllose Generationen herniederträufeln Hessen, und schwöre mir, dass Du auch bei der Arbeit auf dem Felde, im Weinberge bei den Reben, bei den Kindern des Volkes niemals die Gebote Gottes vergessen und immer die heilige Lehre hochhalten wirst!“ Dies hatte er hebräisch gesagt, um die feierliche Wirkung zu erhöhen. Und während sein Sohn die Hände auf die Wand legte, beugte er sich über ihn, streichelte sein Haupt und flüsterte innig: „Gott segne und behüte Dich, und wende Dir sein Antlitz zu!“ (Fortsetzung folgt.)