Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- Zangwill als Zionist
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315839-3391367--15435-3391452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. m „Die Welt44 Seite 13 lassung des jüdischen Volkes in Palästina und einen mit localer Selbstverwaltung verwandten Zustand. Zweitens, uni comm.erci.elle Concessionen, z. B. für den Bau von Eisenbahnen und Hafenanlagen zu erhalten. Drittens, um die nöthigen Bodencomplexe zu erwerben. Viertens, um arme Einwanderer durch Gewährung materieller Beihilfe in der Gründung von Colonien und Factoreien zu unterstützen. Dr. Herzl ist ein entschiedener Gegner der Fortdauer der gegenwärtigen Einwanderung nach Palästina seihst seitens bemittelter Juden, da hierdurch die Bodenpreise in [die Höhe getrieben werden, ohne gleichzeitige Stärkung der Rechtsposition, und weil ferner die Schwierigkeit der Verhandlungen vermehrt wird. „Lasst uns", sagt er, „nach Palästina als in einen Staat kommen, der uns nicht als Ausländer betrachtet, und wir versprechen Euch ein blühendes modernes Gemeinwesen, das im Herzen der Welt, ein Vermittler zwischen Osten und Westen, nach Indien und Bagdad Eisenbahnstränge entsenden und nicht nur Israel, sondern auch die Türkei regenerieren wird. Keiner will, dass das Judenvolk, in seiner ganzen Masse auswandere. Aber ein anerkanntes Gentium jüdischen Lebens soll einfür allemal gesetzt und dann seinen ihm innewohnenden Entwicklungskräften überlassen werden. Ein Centrum. der Arbeit und der Würde, von dem man erwarten darf, dass es die Verfolgten und die Patrioten mächtig an ziehen werde.“ Die gegen den Zionismus gewöhnlich vorgebrachten Argumente thut Zangwiil mit einer einfachen Constatierung und Zusammenfassung ab, ohne sich mit ihnen weiter zu beschäftigen. „Man hat behauptet, der Zionismus sei gefährlich, er gebe dem Antisemitismus, der ohnehin den Patriotismus der Juden zu verdächtigen suche, eine Waffe in die Hände. Er trage zur Erhöhung der Bodenpreise bei und störe dadurch die Entwicklung der sonst gedeihenden colonisatorischen Wohlthätigkeitsschöpfungen in Palästina. In religiöser Beziehung sei er ein blasphemischer Versuch, der Vorsehugvorzugreifen; in spiritueller eine Entstellung der wahren Zukunft und Mission Israels; in intellectueLler eine reine Carle atur des übertriebenen Nationalismus, der in unserer Zeit an die Stelle des Kosmopolitismus des achtzehnten Jahrhunderts getreten ist; und in politischer Beziehung sei er die Preisgebung all der constitutionellen Rechte, die Israel unter so viel Mühen von den civilisierten Gemeinschaften erlangt habe.“ Mehr als diese antizionistischen Gründe interessiert Zangwiil die Frage nach der Ausführbarkeit des zionistischen Planes. Was diese betrifft, wird gegen Palästina ins Treffen geführt, dass es ein Armenland ist, dass es Mangel an Wasser hat und in grossen Strecken wüst liegt, und dass die Sicherheit von Abmachungen mit der Türkei nicht allzuhoch zu veranschlagen sei. Auch befürchtet man, dass im Momente der Wiederbevölkerung Palästinas viele alte religiöse Bodengesetz-Fragen sich erheben werden, und man weist mit Besorgnis auf den streitsüchtigen Charakter der Juden hin. Darauf gibt der Artikelschrei bei* folgende herzhafte Antwort: „Gerade der sogenannte praktische Mensch, der geeignet ist, diesen intimen Schwierigkeiten zuviel Gewicht beizulegen, ist in Wahrheit ein Träumer. Vielleicht ist Dr. Herzl, mehr noch als durch seine politische Einsicht, durch seine objectivere Stellung zum Judenthum von solchen entmutlügenden Gedanken bewahrt geblieben. Er hat vor allem den Beweis geliefert, dass das Brudergefühl in Israel, dessen Isolierung zu einem Theile eben diesem Brudergefühle zuzuschreiben ist, genug Stärke besitzt, um für eine gemeinsame Anstrengung, den jüdischen Boden zu regenerieren, die Arbeitsbasis zu schaffen. Auch an den anderen dunklen Wolken, mit denen inan den Himmel der zionistischen Hoffnungen verhängen möchte, lassen sich silberne Streifen entdecken. Die Schönheit und Fruchtbarkeit Palästinas ist wie eine unter der Asche fortlebende Glut. Die Hügelterrassen können wieder, wie einst, mit Weinstöcken und Olivenbäumen bekleidet werden; da und dort wuchern die wilden Blumen. Die Ceder ist den Abhängen des Libanon treu geblieben. Eine Neubeforstung würde den Regen zurückbringen und dadurch das Klima verbessern. Durch reichliche Anpflanzung von Eucalyptusbäumen lässt sieh dem Fieber begegnen. Die alten Brunnen könnten mit leichter Mühe wieder ausgegraben werden. Schon gibt es Stellen im Lande, wo durch jüdische Arbeit „die Wüste gleich der Rose blüht“ .... Wenn die Rothschild- und Hirsch-Colonien so geringe Erfolge hatten, so ist dies nur dem Umstande zitzuschreiben, dass sie philanthropische Gründungen und nicht das Product schöpferischer Begeisterung sind. Der Bericht der von Baron Hirsch gegründeten Colonisations-Gesellschaft bildet das pathetische Andenken einer heroischen Kraftanstrengung, einen Felsen den Berg hinaufzurollen. Einzig und allein in der „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte“ liegt ein wahrer Wert und eine wirkliche Zukunftsaussicht, und soviel Geld verwendet würde, dieses Ziel zu erreichen, es wäre gut verwendet. Für den Rest muss man sich auf die spontane Immigration, auf die ohne materielle Unterstützung aus Eigenem wirkende Begeisterung, auf das Privatcapital und die Privatarbeit verlassen.“ „Unmöglich lässt sich annelnnen, dass der jüdische Geschäftsgeist“ selbst in einem Lande wie Palästina versagen könnte. Dr. Herzls Idee, die heiligen Stätten Jerusalems extraterritorial zu machen, wie es in ähnlicher Weise der Vatican in Rom ist, setzt bloss ein mögliches Compromiss mit dem Christenthum, voraus . . . Das gegenwärtige Einwanderungsverbot arbeitet Dr. Herzl geradezu in die Hände. Was die bekannte, in Washington gefallene Aeusserung betrifft, wonach die Türkei nicht daran denke, Palästina zu verkaufen, so ist das ein nicht weiter beunruhigender Theatercoup : Die Dolchklinge schlüpft schon wieder in die Scheide zurück. Palästina als Land zu kaufen, ist nicht ganz die Absicht des Zionismus, und wäre sie’s selbst, so sind auch die Anschauungen des Sultans keine invariablen Grössen. Sultanslaunen kommen und gehen — auch Sultane. Die Alpen fortzurücken, ist vielleicht ein Ding der Unmöglichkeit, in der Politik gibt es aber keinen unverrückbaren Zustand. Und ausserdem bin ich als einer, der viele Stunden in orientalischen Bazaren feilschend zugebracht hat, nicht der Mann, mich durch das so resolut klingende Wort dessen, der in diesem Falle der Verkäufer ist, erschrecken zu lassen. Das Wort des Herrn geht von Zion aus, und ich sage mir, dass das Wort des Sultans derzeit von Washington aus geht.“ Selbst vom zionistischen Standpunkte ist an dieser Entgegnung wenig zu verbessern. Daran knüpft sich eine nette, verständliche Belehrung für Leute, die mit den Theorien der „Choveve Zion“ liebäugeln : „Wenn auch die Aussichten in Palästina nicht so düster sind, wie es auf den ersten Blick scheint, düster genug sind sie jedenfalls, um jede Einwanderung, ausgenommen die nach H e r z l’s Plan erfolgende und die (so zu nennende) heroische, zu entmuthigen. Der Gedanke, auf dem alten Heimatsboden einen Judenstaat, welcher Art immer, zu errichten, ist ein Ideal, das zum mindesten eine Stärkung und Erhöhung des jüdischen Selbstbewusstseins in der ganzen Welt bewirkt. Hingegen eine Immigration nach der bisherigen Methode zu befürworten, ist einfach verbrecherisch. Die „Choveve Zion“ — eine Organisation zur allmählichen, nüchternen Colonisierung Palästinas, werden weder von einer Inspiration, noch von einem Ideal geleitet, ja nicht einmal durch den Vorwand eines praktischen Systems. Um einen einzelnen Bauer und seine Familie auf dem heiligen, jedoch