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Die Welt · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Article
Socialismus und Zionismus
Date
1899-10-20
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die H Welt“ Nr. -42 Denn es beweist das wachsende Verständnis für die Politik der That und der Selbsthilfe. Und darum ist nicht nur kein Grund vorhanden, die Gewerkschaften zurückzuweisen, sondern wir sind gerne und jederzeit bereit, sie freudig bei uns aufzunehmen. Nicht das Trennende soll man betonen, nicht den Zionismus zum Versuchskaninchen für Experimente benützen wollen, die ihn vernichten können und die ganz überflüssig sind. Wir sind social auch ohne Socialismus, ohne Verelendungstheorie und Expropriationsgelüste. Und darum brauchen wir keine künstlichen Unterschiede zu schaffen, sondern wir haben deren Ausgleichung zu erstreben. Wir sind ein Volk von Brüdern und als solches wollen wir uns bekennen. Uns schmieden die Leiden zusammen, statt uns zu scheiden, und darin liegt der Beweis unserer Kraft. Denn die Wucht des Hammers zersplittert das Glas, aber schmiedet das Eisen. Geschichte der Gegenwart. Tn dem Sammelwerke „Am Ende des Jahrhunderts“*) ist als dritter Band eine Abhandlung von S. Bernfeld erschienen : „Juden und Judenthum im neunzehnten Jahrhundert.“ Das Sammelwerk soll eine „Rückschau auf hundert Jahre geistiger Entwicklung“ sein, weshalb man auch von Bernfelds Buch erwarten darf' dass es, rückblickend, hundert Jahre jüdischen Lebens zusammenfasse. Aber solche Ansprüche werden nur zur Hälfte erfüllt. Bernfeld nahm die Hundert nicht allzu genau; er hat ein paar dutzend Jahre, zufällig sind es die letztvergangenen, einfach übersehen. Das mag für ihn einige Bequemlichkeit gehabt haben, für den Wert seines Buches war es keineswegs von Vortheil. Es ist ein braves Buch, gutherzig, von jener ehrenhaften Gesinnung, die sich manchmal in die Brust wirft, von jener salbungsvollen Wichtigkeit, die das Erbtheil der sentimentalen Liberalitäts-Epoche bildet, und von jenem correcten Temperamente, das stets innerhalb aller nöthigen Grenzen und stets uninteressant bleibt. Nichts davon prägt sich dem Gedächtnisse ein, nirgends ein Blatt in dem ganzen Buche, das in die glühenden Farben jüdischen Lebens getaucht wäre, - nirgends ein Satz, der von den Flammen einer Idee beleuchtet, weithin sichtbar wird, nirgends ein Wort, das seine Flügel breitet. Alles geht bürgerlich, gemässigt, unauffällig, würdig, oder wie die Umschreibungen für langweilig noch lauten mögen, vor sich. Es ist wie der Rechenschaftsbericht eines Vereines, wie das Referat eines Clubs, und wenn man fertig ist, hat man vom Judenthum die dunkle Empfindung, es sei irgendeine Vereinigung, welche mit der bei Rechenschaftsberichten üblichen Befriedigung auf etliche Errungenschaften zurückblicke und auf etliche verdiente Vereinsmitglieder mit Stolz verweise. Und in der Vorrede findet sich unter dem abgebrauchten Prunk einleitender Bescheidenheit ein gutes Wort, das beste im ganzen Buche: „Die historischen Begebenheiten“, sagt Bernfeld da, „habe ich objectiv erzählt — das ist aber noch keine Geschichte.“ Sehr wahr, und schade, dass es wahr ist. Niemand könnte das Buch schärfer kritisieren, als es sich mit diesem Satze selbst richtet. Wäre Bernfeld doch weniger objectiv gewesen und hätte besser Geschichte geschrieben, Da er es doch vveiss, dass objectives Erzählen der That- Sachen noch keine Geschichte ist, was hielt ihn ab, es besser zu machen? Die Objectivität, die sich einer vorhängt wie einen Orden, dient gar oft nur dazu, eine leere Stelle zu verdecken. Diese Objectivität, deren man sich in Vorreden rühmt, ist nicht immer ein Sieg, den man seiner niedergerungenen, eigensinnigen Subjectivität abgewonnen. Es lässt sich keine Subjectivität niederringen, die nicht vorhanden ist. Wer mit seiner Persönlichkeit zu schwächlich ist, eine Sache umzuformen, einen Gedanken neu zu be¬ *) Verlag Siegfn Cronbach, Berlin. leuchten, die Geschichte eines Jahrhunderts in überraschende Motive aufzulösen, der haspelt die Kette der Ereignisse ab, für den werden keine tieferen Zusammenhänge sichtbar, als dass eben auf das eine das andere Ereignis folgte, kurz, der geht hin und wird objectiv. Zur Objectivität sind gar viele verdammt, deren Mittel zur Subjectivität nicht reichen, aber die Objectivität der Uninteressanten ist lahm; sie geht auf allerhand anderen Subjectivitäten, wie ein Gichtbrüchiger auf Krücken. Bernfeld hat keine Geschichte geschrieben; er gesteht das selbst ein; allein auch sein Referat ist unvollkommen. Von jenem trefflichen Satze in der Vorrede ist nur die zweite Hälfte wahr; es ist eben alles halb in diesem Buche. Bernfeld hat sich geirrt, als er sagte, er habe die historischen Begebenheiten erzählt. Das ist ja eben das Malheur, dass er sie nicht erzählt hat. Er hat einige Begebenheiten erzählt, einige! Der umfassende Titel klingt hohl, er ist ein Gefäss, ein geaichtes Mass: „Juden und Judenthum im neunzehnten Jahrhundert.“ Was gehört da nicht alles hinein? Aber es ist nur halb ausgefüllt. Rein zeitlich genommen, hat Bern fehl von den hundert Jahren nicht ganz siebzig erzählt. Von 167 Seiten sind den letzten dreissig Jahren nur ungefähr acht bis zehn Seiten gewidmet. Was kann uns das vorhergegangene noch bedeuten, wenn diese wichtigsten, diese inhaltsreichsten Jahre fehlen? Bernfelds Geschichte gibt einen Stumpf des Jahrhunderts, einen kopflosen, lahmgewordenen Leih. Der Klotz der Emancipation, der Freiheit, der Gleichheit ist da anatomisierfc, ohne sein Gesicht. Das Antlitz sehen wir nicht, das wahre Antlitz, das sich in den letzten dreissig Jahren gezeigt. Das Humanitätsprogramm, das Aufklärungsmanifest, das Toleranzedict des Jahrhunderts ist in breiten Sätzen vorgetragen, aber die Ausrufungszeichen, die Gedankenstriche und Frageschnörkel, welche in den letzten dreissig Jahren ans Ende dieser hoch gestimmten Manifeste gesetzt wurden, die fehlen. Bernfeld hat sich gescheut, eine so beredte Interpunktation anzuwenden. Er hat in die letzten dreissig Jahre, in dieses Antlitz des sterbenden Humanitäts-Jahrhunderts geblickt, und ist erstarrt darüber, als hätte er die Gorgo gesehen. Es ist eine Ausflucht, wenn die alte Weisheit herbeigeschleppt wird, nur die Distanz gebe die richtige Perspecti ve, nur die Zukunft werde die Geschichte cler Gegenwart schreiben, Bis diese Zukunft, die wir ja doch nicht mehr erleben, kommt, und bis sie die Geschichte schreibt, die wir doch nicht mehr lesen werden, die Geschichte unserer Leiden, unserer Ziele und Kämpfe, können wir selbst unsere Geschichte aufschreiben. Liefern wir den Most für einen Wein, der späten Enkeln abgeklärt wird. Geben wir Documente unserer Zeit, Zeugnisse unserer Epoche —■ gar so bewusstlos haben wir doch diese drei Decennien nicht gelebt, gar so sehr berauscht sind wir doch nicht von den Dämpfen der Gegenwart, dass nicht einer der Welt ein Licht aufstecken und in jene Krater hineinleuchten könnte, aus denen all der Qualm entstiegen. Bernfeld ist diese Leuchte nicht, und damit ist sein Werk unbeträchtlich und überflüssig. Ein sanftes Tagebuch synagogaler Verhandlungen brauchen wir nicht, und die Erzählungen aus den Fünfzigerjahren sind wertlos ohne die Geschichte von 1899. Diesem Buche fehlt so ziemlich alles — das Resultat. Von Anfang und Mitte des Jahrhunderts ist das Ende ein Resultat; mag auch die kommende Zeit anderes bringen, wozu unsere Resultate wieder nur die Prämisse abgeben — die Gegenwart ist immer ein Resultat. Ja, wenn wir auf den Schluss warten wollen, auf den entfernten Ausgang aller Zeiten, finita comedia, dann müssen wird das Wort „Resultat“ überhaupt streichen und ohne Ausnahme so objectiv werden, wie der Herr Bernfeld. Es ist die Furcht der Gegenwart, von der seine Feder gestoppt wird, und so beginnt er auf den letzten Seiten seines Buches eine Flucht, beginnt zu laufen und rennt schliesslich über wenige Blätter, durch eilige Sätze hindurch, seiner Geschichte davon* er gibt Fersengeld vor

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