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Die Welt · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Article
Socialismus und Zionismus
Date
1899-10-20
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 42 Seite 3 „Die H Welt“ ist ja bestenfalls nur ein Classensiaai mit etwas Liberaleren Principien, und es verlohnt der ungeheuren Anstrengung nicht, die Ihr macht., um die Form der Lohnsclaverei zu ändern. Wie wenige dieser Sprecher sind sich wohl über die thatsächlichen Verhältnisse klar. Gewiss, in Galizien, in Russland wie anderswo sind Juden in erheblicher Anzahl Socialisten, d. h. sie stimmen bei den Wahlen für den socialistischen Candidaten und erklären, sich für eine bessere Zukunft der arbeitenden Massen. Aber im Osten so wenig wie im Westen haben sie in grösserer Zahl wirklich sich zur Marx-Lassaile’schen Lehre bekannt. Den besten Beweis dafür liefert ja gerade der Umstand, dass der Zionismus überall da, wo er mit dem Sociaiismus concurriert hat, Sieger geblieben ist. Und das ist durchaus verständlich, denn die Massen kümmern sich wenig darum, ob die Lehren von der Vergesellschaftung der Productionsmittel, von der Verelendungs- und Katastrophentheorie richtig sind, sondern sie wollen eine Besserstellung ihrer materiellen Lebenshaltung und eine Befriedigung ihrer ethischen Bedürfnisse erzielen. Jawohl, eine solche auch, so sehr man auch auf dem hannoverischen Parteitage über die „Ethik“ herzog. Und bei uns Juden ist das ethische Bedürfnis stärker als sonst bei irgend wem. Und deshalb, gerade durch den ethischen Gehalt, den nationalen Gedanken, hat der Zionismus den Sieg erfochten. Wenn unser Stammesgenosse Bernstein noch einen Beweis dafür gebraucht hatte, dass die materialistische Geschichtstheorie nur beschränkt richtig ist, denn er hat sie tliatsächlich, wenn auch nicht den Worten nach angegriffen, so hätte er nur auf die Geschichte der Rasse hinzu weisen brauchen, der er entstammt. Man sieht, es kann auch für einen socialistischen Theoretiker sehr nütz Lieh sein, wenn er in der eigenen Vergangenheit und Gegenwart bewandert ist Gewiss, auch weil Palästina ihm ein besseres Leben verspricht, will der Jude dorthin wandern. Aber weshalb wandert er nicht auch ebenso gerne nach Cypern? Freilich will er unter freiheitlichen Verwaltungen leben, aber warum wird dann der englische Jude und der amerikanische unser Anhänger? Die haben es doch in ihrem hochcivilisierten Lande besser, als wir es ihnen in absehbarer Zeit in der Stammesheimat zu bieten vermögen. Und man sage nicht, dass das Leute sind, die auch nach dem Gelingen unserer Idee in Ihrer Heimat bleiben würden. Ein sehr grosser Theil würde freudig mit heimziehen, aus durchaus nicht materiellen Gründen, und sich wohier fühlen im Mutterlande als im Vaterland. Neben dem materiellen Interesse läuft ein starkes idealistisches einher, und das bestimmt zum guten Theil mit die Geschichte und den Verlauf der Bewegungen. Aber wenn das selbst nicht richtig wäre — und über Theorien kann man streiten — was hätten insbesondere unsere östlichen Brüder vom Sociaiismus zu erhoffen? Die Verelendungstheorie und die Aussicht auf eine baldige Katastrophe hat ein bedenkliches Loch bekommen. Auer konnte unter stürmischem Beifalle der Versammlung die Prophezeiungen Bebels auf den „baldigen Zusammenbruch“ ins Lächerliche ziehen, und gewiss wird ein jeder, der kein Partei Fanatiker ist, mit uns annehmen, dass weder in Ostnoch in W esteuropa die grosse Expropriation schon während der Pariser Weltausstellung zu erwarten ist. Vielmehr wird sie recht lange auf sich warten lassen. Nun, wenn dem also ist, so kann für die Hebung der Massen nur gesorgt werden durch sofortige deformen. Darin war man auch in Hannover einig. Aber in Russland, Rumänien, ist es doch schwer möglich, durch Einflussnahme auf die Regierungen, einschneidende Reformen durchzuführen.Im constutionellen Deutschland bessert sich die Lage der arbeitenden Ciasse dadurch, dass die anderen Parteien ihre Thätigkeit mit Rücksicht auf die Bociaiisten ausüben* Weil die Socialdemokratie erstarkt. treibt man Socialpolitik. Sollen die Juden etwa dort, wo man an dergleichen gar nicht denkt, ruhig auf den grossen Zusammenbruch warten, der vielleicht in 1—500 Jahren eintritt oder vielleicht gar nicht kommt? Was sollen jene Aennsten in Erwartung des grossen Tages thun, die nicht wissen, wie sie am kommenden Morgen die hungernden Kinder beschwichtigen sollen? Diese Hoffnung wärmt nicht und sättigt nicht, und alle Theorien der Welt können darüber nicht hin weghelfen. Nun sagt inan uns: Auch Ihr verweist ja auf einen Zukunftsstaat. Gewiss. Aber das Gemeinwesen, das wir schaffen wollen, wird nicht in unabsehbaren Zeiten geschaffen werden. Es kann in wenigen Jahrzehnten entstehen. Wir hegen keine überschwenglichen Erwartungen, dass unser Ziel morgen verwirklicht werde, aber wir geben uns der Hoffnung hin, dass es in absehbarer Zeit keine Utopie mehr sein wird. Denn was wir wollen, ist greifbar, lediglich von der Gunst politischer Combinationen und unserem eigenen festen Willen abhängig und nicht basiert auf schwankende und sehr bestrittene Theorien. Und kommt ein jüdisches Gemeinwesen zustande, dann wird es kein Sclavenland für die Armen und keine Ausbeutungsstätte für die Capitalisten sein. Dafür haben wir bessere Bürgschaften, als sie uns alle Classenkämpfe bieten können und alle Arbeiterschutzgesetze liefern. Denn wir haben seit 2000 Jahren eine Arbeiterschutzgesetzgebung, die nicht in äusserlicher Casuistik, sondern in grundlegenden, lapidaren Gesetzesparagraphen niedergeiegt ist. Wir sind an eine Socialpolitik grössten Stils gebunden, wollen sie alle und brauchen sie niemandem abzutrotzen. Darf doch der Arbeitgeber den Lohn nicht über Nacht behalten, den er dem Arbeiter schuldet. Muss er doch für ihn sorgen, wie für sein Kind, kraft desselben Gesetzes, das den Arbeiter verpflichtet, die Arbeit nicht sinken zu lassen und den vorüberwandernden Freund nicht zu grüssen, weil er damit dem Arbeitsherrn die Zeit stiehlt. Und dafür, dass unsere Lehre nicht auf dem Papier bleibt, dass sie lebendig werde und wirke, ist gesorgt. Denn ein zionistisches Gemeinwesen kann und wird nie vergessen, dass nicht die Reichen und Grossen in Israel ihm die Hilfe in der Verzweiflung brachten, sondern die Producenten der mateiiellen und geistigen Werte. Aber weil dem so ist, hat auch die Theorie des „Classenkampfes“ keinen Boden bei uns. Wir haben das Volk nie in künstlich gesonderte Stände geschieden, wir haben nie zwischen Arm und Reicln Adel und Bürgerthum Schranken aufgerichtet, einen Adel haben wir nur in geistiger Beziehung anerkannt und der hat Schuhe geklopft, Steine behauen und Hausrath verfertigt: Weiche Ciasse sollte wohl bei uns bekämpft werden? Haben also die Arbeiterorganisationen für einen Kampf im eigenen Lager keinerlei Bedeutung und können sie für den Osten aus anderen Gründen nicht in Frage kommen, so ist doch die Sachlage in Holland, England, Amerika eine ganz andere. Dort sitzen breite Massen, die, ohne gerade im Endziele des Sociaiismus ihr Heil zu sehen, von der grossen Arbeiterbewegung nur profitieren können. Die englisch-jüdischen und amerikanischjüdischen Gewerkschaften können ihren unter dem ärgsten Ausbeutungsverlähren leidenden Brüdern manche Erleichterungen schaffen, können ihnen die Lebenshaltung verbessern und das berechtigte Selbstgefühl heben. Auch zur wissenschaftlichen und politischen Erziehung der Massen können sie nur beitragen. Mit solchen Tendenzen sind wir durchaus einverstanden; sobald man nicht versucht, den Zionismus auf das unbewiesene theoretische Programm einer bestimmten politischen Partei einzuschwören, lassen wir dem Organisationsbedürfnisse einzelner Schichten nicht nur gerne freies Spiel, sondern wir freuen uns desselben.

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