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Die Welt · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Article
Strandhütten
Date
1899-10-20
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 42 „Die H Welt“ .seine Mitmenschen auf der Gasse durch Demonstrierung des Schächtschnittes Ovationen bereiten. Er wird erklären, es sei ihm völlig gleichgiltig, ob er von Hinz und Kunz für einen passionierten Halsabschneider gehalten werde oder nicht. Nun, das ist ja Geschmacksache. Nicht immer beschränkt sich jedoch Hinz und Kunz auf das Gebiet der Schächtpantomime. Die Polnaer Affaire hat für dieJudenheit auch recht schmerzhafte Folgen nach sich gezogen. Die meisten Ortschaften in der Kuttenberger Gegend sind heute ..judenrein“. Man hat die Juden ausgetrieben, wie dies im Mittelalter geschah, wenn irgendwo die Blutlüge grassierte. Die Form der Judenaustreibung war nicht so wüst und stürmisch wie in der guten alten Zeit, es vollzog sich alles auf legalem, gemächlichem Wege. Boycott! Man hungert die Juden langsam aus. Man behelligt sie nicht weiter in ihren Wohnungen, man betritt ihre Kaufläden nicht mehr, und man verschliesst ihnen auch die christlichen Kaufgewölbe. Man nimmt ihnen nichts und gibt ihnen nichts. Sie werden isoliert inmitten der menschlichen Gemeinschaft, wie Pestkranke. Der Vergleich hinkt übrigens. Denn die Pestkranken werden in ihren Baracken wenigstens mit Trank und Speise versorgt. Man wirft die Juden nicht mehr in den Hungerthurm, wie vor Zeiten, man lässt sie in ihren Wohnungen und verwandelt diese durch strengsten Boycott in Hungerthürme. Verhungere, Jude, oder wandere! Und die Juden wunderten. Eine Zeitung hat ein bezeichnendes Beispiel für die moderne, ruhige Form der Judenaustreibung berichtet: In einem Dorfe in der Nähe Polnas wurde der „letzte Jude“ von der christlichen Bevölkerung unter den freudigen Klängen einer Musikkapelle über die Dorfgemarkung hinausbegleitet. Sicherlich würden sich unter den heutigen Umständen zu diesem Zwecke in jeder anderen Ortschaft ebenfalls eine oder mehrere Musikkapellen auftreiben lassen. Dass in mehreren böhmischen Orten zur Feier der Kuttenberger Ereignisse den Juden die Scheiben eingeschlagen wurden, braucht nicht sonderlich hervorgehoben zu werden. Das kommt bei anderen Anlässen auch vor. Ein Umstand aber verdient noch erwähnt zu werden. Nämlich die besondere Lebensgefahr, in der sich die Juden jetzt befinden. Nicht die Lebensgefahr, die durch den naheliegenden Ausbruch von Excessen über die Juden herauf beschworen werden könnte, nein, wieder die Lebensgefahr in ruhiger, sturmloser Form. Ist es nicht leicht möglich, dass in irgendeinem anderen Orte jemand von unbekannten Thätern * ermordet wird, dass der Volksmund einen Juden als Mörder bezeichnet, und dass der Angeklagte in derselben Weise wie Hülsner auf Grund ähnlicher Verdachtsmomente zum Tode verurtheilt wird? Das kann sich alles ohne jede greifbare gesetzliche Incorrectheifc vollziehen. Die Richtenden können vollkommen von der Schuld des Angeklagten überzeugt sein. Ueberall kann ein Kuttenberg mit all seinen Stimmungen erstehen. Welcher Jude darf sich sicher fühlen? Das sind keine Uebertreibungen. Auch der Einwand, dass diese Stimmung des Hasses und des schroffsten Misstrauens übermorgen wieder verflogen sein werde, ist nichts weniger als stichhältig. Täuschen wir uns nicht! Die jetzige Erregung wird noch lange in der Bevölkerung nachzittern, die Polnaer Affaire wird ein scharfes Erinnerungsbild im Volksgedächtnisse zurücklassen, und der Demagoge, der den Judenhass für seine Zwecke braucht, wird die Erinnerung jederzeit mühelos auffrischen können. In je fernerer Zeit dies geschehen wird, desto willkürlicher wird er den wahren Thatbestand verzerren können. Ob nun die Polnaer Affaire noch irgendeine Wendung zugunsten des Hülsner nehmen wird oder nicht, ist ganz belanglos. Zugunsten der Judenheit wird die Wendung nicht ausfallen. Heute schon sagt es die antisemitische Presse: Die übermächtige Judenschaft setzt sich für den Mörder vom Stamme Juda ein und sucht ihn der gerechten Strafe zu entziehen. Zur Legende des Ritualmordes fügt die antisemitische Presse nun noch eine zweite gehässige Legende: Die Sage von der gigantischen Macht der Judenschaft. Das Volk ist einerseits entlastenden Beweisgründen, die mit dem instinctiven Judenhasse eollidieren, unzugänglich, andererseits wächst die Erbitterung gegen das fabelhafte Riesenthier Judenthum, das den Schuldigen angeblich mit rettenden Fängen vom Richtplatze wegschleppen will. Mächtigeres Anschwellen des Judenhasses — das wäre die „günstige Wendung“. In der Trientiner Angelegenheit hat sich die Unschuld der Juden herausgestellt, der wahre Schuldige wurde ermittelt. Aber die Juden werden heute noch, wie in den Wiener Antisemitenblättern zu lesen stellt, als die Mörder des Knaben Simon bezeichnet. Und das Volk glaubt selbstverständlich seiner Leibpresse und ignoriert einfach alle gegenteiligen Berichtigungen. Trotz der „günstigen Wendung“, welche die Trientiner Angelegenheit genommen hat, ist der Blutaberglaube des Volkes nicht im geringsten erschüttert worden. Das ist ein dass! sch er Fall. Die Juden stehen all diesen Ausschreitungen wehrlos gegenüber. Was können sie thun? Das stärkste Abwehrmittel bestand in Protest Versammlungen. Aber man darf sich über den Wert solcher Proteste keinen übertriebenen Illusionen hingeben. Gewiss, es ist nur natürlich, dass die Juden ihrer Entrüstung über die Beschimpfung des Judenthums Ausdruck geben, nicht nur in kleinem Kreise, sondern auch in grösseren Versammlungen. Eine wesentliche Besserung der Situation darf man sich aber davon nicht versprechen. Auf die antisemitische Bevölkerung machen die Proteste der verhassten Juden blutwenig Eindruck. Der Wiener Spiessbürger findet es für selbstverständlich, dass die Juden die Blutgeschichte „leugnen“. Natürlich, wer wird denn so etwas eingestehen? Und im übrigen schenkt der gemüthliche Wiener dem hochwürdigen Pfarrer Deckert, der mit heiligem Eifer für die Blutlüge ein tritt, naturgemäss mehr Glauben, als dem Oberrabbiner. Der Judenhass ist jetzt wieder für längere Zelt mit ausgiebigem Proviant versehen, er kann sich jetzt munter regen. Es werden vielleicht Tage kommen, wo er wieder matt und schwächlich scheint. Aber er wird dann wieder ein Polna finden und sich neu stärken. Ebbe und Flut, ein monotones, Jahrhunderte währendes Einerlei. Es gibt Juden, die immer wieder hocherstaunte Augen machen, wenn die Flut zurückkehrt und die Strandhütten der Juden beschädigt. Wer an so gefährlicher Stelle sein Häuschen baut, darf sich über Unglück nicht wundern. Socialismus und Zionismus.*) Von Dr. Ad, Friedemann. In Hannover hat der Parteitag der Socialdemokratie getagt, das Parlament der Proletarier, wie die Parteipresse es stolz nannte. Ungezählte Begrüssungstelegramme gierigen' ihm aus allen Erdtheilen zu, von denen aber nur wenige besonders hervorgehoben wurden. Unter diesen wenigen aber ist der Glückwunsch der russisch-jüdischen Arbeiter mit Stolz verzeichnet. Beweist er doch für den oberflächlich auf die Zeitung Schauenden, dass auch diese elendesten der Proletarier in der allein seligmachenden Marx'schen Lehre ihr Heil suchen, und dass sie, die überall Verfolgten und Gehassten, unter der rothen Fahne eine Zuflucht finden. Und zahlreiche Juden in Deutschland und Oesterreich nehmen daraus Anlass, in Zeitungen und Versammlungen zu erklären: Wir brauchen den Zionismus nicht, der Socialismus genügt uns, er wird uns die Rettung bringen. Was kann uns überhaupt der zionistische Staat treten! Er *) Da im Zionismus jede Meinung zu Worte-kommen soll, so geben wir auch den nachfolgenden Ausführungen Raum, ohne uns in allem mit ihnen zu identifieieren.

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