Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- Strandhütten
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Discussion über den Mädchenmord bei Pol na wird in den Blättern noch rüstig fortgesetzt. Und das Thema wird voraussichtlich auch fernerhin eine geraume Weile als stehende Rubrik in den Zeitungen zu finden sein. Die Wiener Antisemitenliga zeigt hei Ausschrotung der Angelegenheit ebensoviel Geschicklichkeit wie Niedertracht. Nach gewonnener Schlacht, nach der Verirrt hei lung des Hülsner, wird der Sieg nach allen Regeln der Kriegskunst sorgsam ausgonützt. Statt auf den Lorbeern von Kuttenberg träge und finden los auszuruhen, wie dies vielleicht weniger raffinierte Kämpen gethan hätten, veranstalten die vereinigten österreichischen Antisemiten eine planvolle Judenhetze. Das Ritualmord-Thema wird in der antisemitischen Presse bis in seine entlegensten Nebenverzweigungen mit pedantischer Gründlichkeit, ja fast mit gelahrtem Ernst durchgesprochen. Da über die Methode der rituellen Mord voll führung bei der Kuttenberger Verhandlung keine Einzelheiten fest-gestellt werden konnten, so füllt jetzt die antisemitische Presse diese fühlbare Lücke mit dem reichen Actenschatze des Mittelalters. Das Beweismaterial des Trientiner Ritualmord- Pro cesses, das vor Jahrhunderten in der Folterkammer mit Hilfe der grässlichsten Torturen gewonnen wurde, wird heute von der antisemitischen Presse als beweiskräftige, gleichwertige Ergänzung den Ergebnissen des Kuttenberger Processes angegliedert. Die „Geständnisse“, die von thierischen Henkersknechten den unglücklichen Trientiner Juden damals abgepresst wurden, werden beute mit einem widerwärtigen, blutrünstigen Behagen von der antisemitischen Presse abgedruckt; mit spaltenlangen Inquisitionsberieliten, die aus dem dicksten Staube des Mittelalters herausgegraben sind, wijrd die etwas schwerfällige Phantasie des Wiener Spiessers aufgekitzelt, das „christliche Volk", das leider durch die Kuttenberger Verhandlung über alle Handgriffe des rituellen Sch achtens nicht genügend informiert wurde, erfährt jetzt genau, da s die Juden bei solchen feierlichen. Anlässen ihre Opfer mit Zangen zu kneipen, mit Nadeln zu spicken pflegen, und andere appetitliche Einzelheiten. Man kann schon heute, soweit sich die Sachlage überbliken lässt, sagen, dass die Situation der österreichischen Juden durch die Po Inner Alfa Ire sehr empfindlich verschlimmert worden ist. Der Judenhass ist aus dem Blutrummel neugestärkt und verjüngt liervorgegangen. Das Blut der Ermordeten ist thatsächlich zu üblen Zwecken verwendet worden, es hat für den Antisemitismus als kräftigendes Elixir gedient. Die weitesten Volkskreise sind heute fest davon überzeugt, dass „die Juden" zur Oslerzeit dem Menschenmorde fröhnen. Auf jedem Juden sehen sie einen Tb eil cler Blutschuld lasten. Zu dem Gefühiscumplex, der den Judenhass bildet, ist eine neue GefühIsnuance hinzugekommcn: das Gefühl , das der Anblick eines Mörders erweckt. Das nichtjüdische Volk sicht jetzt in dem Juden einen Menschen, der eine heftige Neigung zur Verübung von Mo.rdth.aten hat. Aus Mähren wird berichtet, dass jüdische Familien keine christlichen Dienstboten bekommen können, weil die letzteren das Haus eines Juden für eine Mördergrube halten. Wenn ein Kind vermisst wird, so ist der erste Gedanke, der wie eine Zwangsvorstellung auftaucht, der Gedanke an jüdische Mörder. Aus Galizien wurde dieser Tage ein derartiger Fall gemeldet, in den Wiener Kaffee- und Gasthäusern, wo das „Volk“ verkehrt, wird über die Mordliebhaberei der Juden schon seit Wochen mit einer ehrlichen, durch keinerlei Skepsis beeinträchtigten Ueberzeugung gesprochen. So ist es heute mit der gesellschaftlichen Stellung der Juden bestellt. Hugo Schenk, Dolezal, Stellmacher, Schiossarek — nennt man die besten Namen, wird auch der Name der J uden genannt, Es gibt gewiss oftmals abgestrafte Gewohnheitsdiebe, die dem „Volke" unendlich ehrenhafter erscheinen, als der unbescholtenste Jude, Der Hang zum Diebstahl ist ja doch beiweitem verzeihlicher als die Mordlust, in den böhmischen Städten und Dörfern gibt man den Juden durch eine drastische Geberde zu verstehen, zu welcher Kategorie von Menschen sie gerechnet werden. Der Nichtjude, der einem Juden auf der Strasse begogmd. markiert mit einer bezeichnenden Handbewegung am Halse den Schacht-Schnitt. Diese Sitte wird viel geübt. Das gesellschaftliche Ansehen des Juden ist also das denkbar niederste. Er mag noch so achtenswert sein, man behandelt ihn gleichwohl wie einen Galeerenhabitue. An der Art, wie jemand gegrüsst wird, erkennt man gewöhnlich das Mass der Achtung, das ihm gezollt wird. Vor dem einen wird der Hut bis zur Erde gezogen, den anderen begrüsst man mit leicht salutierender Hand, die kaum den. Hutrand berührt. Die Juden grösst man, indem man die Hand salutierend kaum bis zum Hemdkragen hebt. Mancher Jude, der die Meinung der Menge verachtet, wird vielleicht vornehm ein Auge zudrücken, wenn ihm