Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Zangwill als Zionist
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. il „Die O Welt“ »Seil C? 1 5 warum er sich in anderen, z. B. bezüglich der .Lebendigkeit des Nationalgeftihles und der Palästina-Liebe unseres Volkes, nicht ebenso genau hat unterrichten lassen. Zangwill geht mit seinen eigenen Sympathien ein wenig hart um. Es ist ja wahr, dass Dr. H e rz 1 seine Ideen vor Leuten entwickelte, die sich von ihnen zunächst sehr überrascht zeigten. Gleichwohl darf nicht vergessen werden, dass dem „Judenstaat“ achtzehn Jahre einer, wenn auch unvollkommenen, sporadisch und von vereinzelten Gruppen geleisteten nationalen Agitationsarbeit vorausgiengen. Die zionistische Bewegung ist weniger, als viele an nehmen möchten, die ausschliessliche Folge der Judenfrage, das ist des Judenelends. Noch heutigen Tages sind hervorragende Männer des zionistischen Lagers in Oesterreich und Deutschland vor allem anderen Jüdisch-Nationale. Da Zangwill zugibt, dass die Bewegung ihre Richtung durch die Liebe des Volkes zum Ahnen lande erhalten hat, so sollte er auch weiter zu gehen, dass dieses Gefühl ein gesundnatürliches und darum machtvolles, und dass ein jeder jüdisch-politische Plan, der das historische Zion durch irgendein anderes ersetzen möchte, ein ungeheurer Fehler wäre, weil die erste, durch Logik und Gefühl dictierte Nothwondigkeit in einem solchen Plane ohne Befriedigung bliebe. Mit Dr. Herzls politischem Gedanken, den als Feh warm geisteret zu kritisieren, Zangwill für den Ausfluss unsinniger Gegnerschaft hält, setzt sich der Artikelschreiber in folgender Weise auseinander: „Wie ich es verstehe, sind es vier Zwecke, für die Her/1 das beanspruchte Capital verwenden will.“ (»Schluss folgt.) Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Jude n i n P a 1 ä s t. i n a.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Dr. Rapp Hess sich die Listen vorlegen. ./Es fehlt ein Handlanger?“ „Ja,“ entgegnete der Vormann, „er ist krank.“ „Ah ja, ich habe ihn in Behandlung. Es wird noch zwei, drei Tage dauern. Während dieser Zeit könnt Ihr Arbeit haben, länger nicht; der Mann hat Weib und Kinder.“ Chajim blickte ihm flehend ins Gesicht. „Es hilft nichts, lieber Freund, für länger haben wir keine Arbeit. Bedenkt, wir sind in einer Stadt, die fast ausschliesslich von Wohlthätigkeit lebt. Engländer, Amerikaner. Russen, Deutsche und Franzosen, sie alle bauen prachtvolle Hospize, Spitäler, Schulen und Kirchen, sie sind reichlich dotiert von ihren Kirchen in Europa und in der ganzen Welt. Wir Juden kommen selten in die Lage, einen grossen Bau aufzuführen, und die Leute, die Ihr seht, warteten schon mit Sehnsucht auf diese Arbeit, in der sie geschult sind. Ja, wenn erst der Boden Palästinas wieder das sein wird, was er in der Vergangenheit war, wenn ein fleissiges Volk die Scholle bearbeiten wird, soll man nicht Mangel an Arbeit beklagen müssen!“ Wieder sah er prüfend Chajim ins Gesicht, doch dieser wandte sich erschreckt mit einem Gefühle von Scham zur Seite, er dachte an Mirjam — ihm bangte — er wusste nicht weswegen. Nun aber musste er an die Arbeit. Er legte den langen Kaftan ab, mit einem Gefühle von Scham schlug er die Aermel seines Hemdes in die Höhe und begann gleich anderen Männern den Mörtel aus einer Grube in ein Holzgefäss zu füllen und eine Leiter hinaufzutragen. Die Arbeiter wollten ihn ursprünglich ihre Üeberlegenlieit fühlen lassen und sahen lachend seine unbeholfenen Bewegungen. aber ein strenger RI ick von. Dr. Rapp belehrte sie eines besseren. Von den Steinmetzen her erklang es : „Ein Felder ist es nicht, wenn man Talmud gelernt har. mich für die Arbeit nicht!“ ^Nein,“ sagte Dr. Rapp, „und als Beweis besonderer Art führe ich Euch Reb Schmu! Leb an, der bis zu fünfundvierzig Jahren als Talmudbeflissener in Europa gelebt hat und nun zu den gesell ick'testen Steinmetzen der »Stadt gehört; er verdient täglich achtzehn Piaster,“ sagte er zu Chajim. Chajim sah nach dem alten Manne mit dem langen, grauen Barte mit jener Bewunderung, die grosser Besitz immer hervorzurufen pflegt. Achtzehn Piaster! Er und seine Eltern hatten nicht viel mehr, um eine Woche damit zu leben! Zu Mittag wusch er sich, nahm seinen Kaftan und wandelte den weiten Weg ins Hospiz. Die Mutter fieberte stärker denn je, und der Vater sass ganz gebrochen an ihrem Lager mit einem Folianten auf dem Schosse. Mitleidige Menschen hatten ihnen etwas Nahrungsmittel gebracht, er würgte einige Bissen davon hinunter, dann eilte er aus der Stube, zurück zur Arbeit. Der Tag vergieng rasch, und er fühlte trotz der ungewohnten Thätigkcit nichts Ermüdendes. Als die Schatten immer länger wurden und die Sonne sich dem Gebirge näherte, so dass der Rand der Scheibe von den Felszacken verdeckt wurde, blickte er forschend nach seinen Genossen : sie waren doch alle Juden, alle, sie würden gewiss ihrer Pflicht eingedenk sein. — Wieder füllte er das Ge fass mit Mörtel, wieder stieg er die Leiter hinauf, dann zögerte er, aber er mochte niemanden fragen. Vielleicht war das nicht Sitte bei der Arbeit. Rasch durchwühlte er sein Haupt nach passenden Talmudstellen : der Handwerker durfte während der Arbeit auf einem Baume sein „Schema“ rufen, dann durfte er gewiss auch auf dem Gerüste beten, aber beten musste er. Nichts, nichts — er fand keine »Stelle, die ihn entschuldigte, die ihn vom ersten Gebote der Juden freisprach, bald nach Sonnenaufgang und vor »Sonnenuntergang sein Gebet zu sprechen. Sollte er den ersten Tag der Thätigkcit, die ihm als eine Weihe für Leib und Seele erschien, mit einer Gottlosigkeit beginnen? Die Sonne war zur Hälfte untergetaucht, die Berge verklärte ein herrliches Farben spiel, er füllte nochmals das Holzgefäss, langsam, bedächtig, und bückte immer gegen Westen zu den Bergen empor, die nun in ein sanftes Violett sich einhüllten, während die Luft feurig erglühte. Jetzt wollte er noch einmal zum Bau hinauf und dann unten, ungesehen von den anderen, rasch sein Gebet hersagen. Doch gerade in dem Augenblicke, als die Sonne nur noch zum Th eile sichtbar war, da rief eine laute Stimme: „Zum Gebet. Ihr Männer, es ist Zeit für Mincha!“ Hammer und Meissel flogen zur Erde, die Kelle wurde hinge!egt, man liess die Gebisse stehen, wo sie standen und alles eilte behend hinunter; dort, an einer Erhöhung heim Steinbruch drängten sie sich zusammen, nun standen, sie mit dem Rücken gegen die sinkende Sonne, mit dem Gesichte gegen die nahe Stelle des Heiligthums, nach der sich alle Juden der ganzen Welt während des Gebetes wenden. Die Spitzen der Berge waren in glühende Farben getaucht, purpurnes Feuer, das sich in ein helles Violett aufiöste und in der Tiefe bis zu einem schwachen Grau verblasste. Wie sein Auge diese Farbenharmonie einsog! Wie schön doch die Welt dem Auge erscheint. O du goldiges Licht! Und nun wandte er der Lichterseheinung den Rücken und lauschte voll Andacht den Worten des Vorbeters. Im Beth hamidrasch drüben warfen sie sich in wilder Begeisterung zu Boden und krümmten den Körper vor Gott — seine Arbeitsgenossen aber standen aufrecht und blickten ernst in die Höhe: klar erklangen die Worte des Vorbeters, und sorgfältig wiederholten sie seine Genossen. Ihm war. als spräche er zum ersten male im Leben mit seinem Gotte von Angesicht zu Angesicht, hier di aussen in seiner freien Natur, hier auf diesem Boden, den der Herr der Heerscharen dom Volke Israel angelobt und gegeben, von dem er sie vertrieben und auf den er sie wieder zurückführen wird. Wie er sich eins fühlte mit dem felsigen Boden unter seinen Füssen, wie er herausgewachsen aus der Erde, ein Stück Natur! „Heilig, heilig, heilig!“ rief der Vorbeter. Inbrünstig hob und senkte sieh die ganze Masse der Betenden, ' (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. N—i Gr, Kolomea. Wir haben ihre Anregung dem Aetion s - C o mite ü 11 er ge den. H. L. Lau, Lemberg. So heisst „Hainaghl“ in Russland. B. 6., Bielitz. Bei* Betreffende hält sieh während des Winters in Meran (Tirol) auf. A. A., Rzeszöw. Der Herausgeber ist Prof. H. B ran n in Breslau, dem Sie per Adresse der dortigen jüdischtheologischen Lehranstalt schreiben können. Zionistischer Student, Drohobycz. „Jüdische Volksstimme“, Krakau, Grodgasse 62; „Jüdische Chronik“, herausgegeben von Rabb. Dr. Adolf Kurre i n, T e p 1 i t z. D. M., Rymanöw. „Der Jude“. Krakau, Dietelgasse 45; „Haiwri“. Lemberg. Ringplatz 17.