Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Zangwill als Zionist
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315838-3391155--15281-3391259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite II „Die Welt Nr. 41 diese Krage zu stellen, die wohl niemals endgiltig wird heantwortet werden kommen. „Auch ein Judenstaat würde nicht den ganzen Judenschmerz beseitigen. Es giebt drei Möglichkeiten: Nationale Wiedergeburt, geistige Wiedergeburt und Auflösung; ich bin geneigt, alle drei zu acceptieren und eine dreifache Lösung der überlangen historischen Tragödie zu bieten. Diejenigen, die Israels Isolierung für einen unseligen Aberglauben halten, sollten bewusst in ihrer Umgebung aufgehen. Diejenigen, die Israel eine Mission zuerkennen, der durch die Zerstreuung besser gedient sei als durch die Concentration in einem eigenen Staate, sollten überall Missionscentren bilden und ihre Ideale im bürgerlichen und nationalen Leben laut und ohne Scheu verkünden. Für die orthodoxen und unterdrückten Massen in den halbbarbarischen Ländern würde ein Staat eine W ohlthat bedeuten.6* Diese Antwort bietet eine Lösung, welche, um den Ausdruck eines bekannten deutschen Sprichwortes weiter zu entwickeln, dreifach genäht ist. Genau betrachtet, braucht sie sich von zionistischer Seite keiner Einwendung zu versehen. In seinem „Judenstaat66 sagt Dr. HerzI selbst, dass diejenigen, die mit uns nicht übereinstimmen, nicht mit uns zu gehen brauchen. Der Zionismus hat es nicht nothwendig, die Schar seiner Anhänger auf die Art zu ver grossem, wie man ehemals Leute für die Armee presste. Den Missionstheoretikern sagt der Zionist: Setzt eure Theorie in Wirklichkeit um. Und den Anhängern der Assimilation sagt er: Nach unserer 'Meinung seid ihr zwar von vornherein zu einem Bankerott eurer Absichten verurtheilt, aber wir sind gerne bereit, jeden ernsten Versuch, der euch dem Ziele näher führt, anzuerkennen. Die wirkliche Schwierigkeit wird von Mi*. Zangwill kaum begriffen. Von den oben erwähnten drei Lösungen meint er, „es seien ideale Möglichkeiten, keine von ihnen leicht in die Wirklichkeit zu übertragen, am wenigsten leicht die Judenstaats-Idee.66 Das mag für sich wahr sein, aber den Kernpunkt trifft Zangwill da nicht. Der ist: Abgesehen von einem vereinzelten und auch mir discussionsweise aufgetauchten Versuche auf religiösem Gebiete, ist von den Vertretern jener Möglichkeiten der Zionist der einzige, der etwas für seine Sache thut. Die Gegner der Zionisten thun aber gar nichts, sie benützen .ihre Theorien einfach, um die zionistische Bewegung zu unterbinden. Nun ist eines in Zangwills Artikel klar. Er hält die zionistische Idee für gut genug, einen Versuch mit ihr zu wagen, und darum vertheidigt er sie gegen alle Angriffe. Es ist also vielleicht gewagt, Zangwill als Zionisten zu bezeichnen. Wägt man jedoch die von ihm vorgebrachten Argumente gegeneinander ah, so zeigt es sich schliesslich, dass sein Herz auf der Seite des Zionismus steht. Zangwill beginnt seine Darlegungen mit der Constntierimg des Judenelends, dessen Ursachen er nachgeht. „Nach den ehrlichen Anstrengungen edcldenkender Christen, den Juden ein freies Arbeitsfeld zu gewähren, ist es betrübend, sich eingestehen zu müssen, dass es kein Land in der Welt gibt, in dem es nicht ein Unglück ist, Jude zu sein. Max Nord a n übertreibt nur wenig, wenn er behauptet, der Jude müsse dreimal so klug als jeder andere sein, um im Daseinskämpfe die gleichen Erfolgschancen zu haben. Niemals ist bei den Massen oder selbst bei den besseren Ständen die „Gerechtigkeit für den Juden66 mit der Gewalt eines spontanen Instinctes gegeben. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sind niemals mehr gewesen als ein Schimmer, der über die Herzen der grossen, als eine Formel, die über die. Lippen der kleinen Geister lief. Selbst auf den Hochschulen Europas, wo man doch, wenn irgendwo, die ausschliessliche Herrschaft von Milde, Licht und Gerechtigkeit vermuthen sollte, werden dem glänzendst begabten Juden, der sieb um Lehrstellen mitbewirbt, in aller Feinheit und Hinterhältigkeit die Hände gebunden. Nicht einmal in England und den Vereinigten Staaten ist der Jude gegen das sociale Vorurtheil gefeit. In den meisten anderen Ländern lebt er nun gar in dem unheimlichen Bereiche eines Vulkans, dessen Ausbrüche in unregelmässigen Zwischenräumen, aber unausweichlich erfolgen. In der vielgerühmten Hauptstadt der Civilisation hat eben erst die Ausstellung der „Gerechtigkeit für den Juden66 die sittliche Empörung der ganzen Welt erregt. Dazu ist der Antisemitismus, gleich anderen an sich furchtbaren Krankheiten, epidemischer Natur. Von keiner Quarantäne behindert, wandert er von Land zu Land. Woher stammt nun dieser beharrliche Judenhass? Zum Tlieile ist er zweifellos ein Ueberbleibsel aus den finsteren Tagen des Mittelalters, ein religiöser Antagonismus, der durch das christliche Gebetbuch noch genährt wird; zum Tlieile Rassen-Antagonismus, eine Episode in dem langen Kampfe zwischen dem Osten und dem Westen. Wirtschaftliche Concurrenz und geschäftliche Eifersucht steuern ihr Theil zur Mischung bei. Und dann darf man nicht vergessen, dass es eine pure Freude an der Schlechtigkeit gibt.. . Nichts behagt dem Mob mehr, als eine complexe Erscheinung unter einem einfachen Namen zu begreifen, und das Wort „Jude66 ist immer zur Hand, um die nie ausbleibenden Krankheitserscheinungen des öffentlichen Lebens zu erklären. Seit es diese Verwendung gefunden, ist das Wort „Jude66 ganz erstaunlich mit historischem Hasse, Bigotterie und Antipathie belastet worden . . Die nationalistische Frage stellt Zangwill mit charakteristischer Kürze fest: „Die Anschauung, dass der Jude ein Fremdkörper inmitten seiner Umgebung ist. wurzelt so tief, dass sie nicht einmal mit der Heugabel zu vertreiben ist. Die Juden mögen sich Engländer, Franzosen, Deutsche oder Italiener nennen, die Frage ist aber nicht, wie sie sich, sondern wie die Engländer, Franzosen, Deutschen oder Italiener sie nennen. Sie mögen sich, eine Generation nach der anderen, mit Leib und Seele dem Vaterlande hingeben — immer wird ein Goldwin S m i t li aufstehen und tragen: Kann der Jude patriotisch sein? Und so wird jede Nation der Gegenwart wie der Zukunft ihre plötzlichen Krämpfe von Pseudo-Rassengefühl bekommen und nach absoluter Concentration verlangen — Pan-Slavismus, Pan- Germanismus . . . und wie sie sonst heissen mögen, diese Pan-ismen, die die Juden durch die stürmische Forderung der unmittelbaren Eliminierung des jüdischen Elementes in panischen Schrecken versetzen . . .“ Der Artikel wendet sich nunmehr der eingehenden Besprechung der bereits erwähnten Heilmittel zu. Die Lösung der Juden frage im Sinne der Assimilation, die von einigen der Besten unter den jüdischen Intellectuellen empfohlen wird, hält Zangwill für nicht so leicht ins Werk zu setzen, wie cs den Anschein habe. „Die religiöse Wiedergeburt, gedacht als ein resolutes Fortschreiten auf der Basis einer schliesslichen Emancipation des Judenthums von der Palästina-Erde oder von der Palästina-Sehnsucht, stellt sich dem Zionismus als Alternativlösung entgegen, wird aber an sich durch den Zionismus nicht ausgeschlossen.66 Der Behauptung, der politische Zionismus sei irreligiös, weil die Führer irreligiös seien, begegnet Zangwill mit einem geschickten Ausfälle: „Um zu erfahren, wie die Menschen es mit der Religion halten, darf man sich nicht an ihre Aeusserungen oder philosophischen Meinungen kehren, sondern nur an ihre praktische Haltung gegenüber dem Leben und den Nebenmenschen. Und bei solcher Prüfung — fürchte ich — wird man die Religiösen ebenso oft bei Lippenbekenntnissen ertappen, wie die Irreligiösen.66 In vielen Punkten beweist Zangwill eine so genaue Kenntnis unserer Bewegung, dass man mit Bedauern fragt