Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Mark Twain über die Juden
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315838-3391123--15213-3391254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 41 „Die H Welt“ Seite 9 reich und Deutschland würde das Beispiel der englisch redenden Jadenschaft gewiss Nachahmung finden.“ Von diesem, man kann sagen, streng jüdisch-nationalen Rathschlage bis zur Besprechung des Zionismus, ist nur ein Schritt. Mark Twain führt gegen den Zionismus einen höchst eigenartigen, für uns ehrenvollen Grund ins Treffen. „Ich bin nicht der Sultan und ich habe nichts gegen den zionistischen Plan als solchen. Aber ich glaube, es wäre klug, eine solche Concentration der leistungsfähigsten Talente in einem Lande nicht zuzulassen. Es wäre nicht gut, diese Rasse ihre ganze Stärke entdecken zu lassen. Hätten die Pferde ein Bewusstsein von ihrer Stärke — kein Mensch würde je eines reiten.“ Besteht die Aussicht, dass die Judenverfolgungen aufhören werden? Mark Twain theilt die Frage. Er zweifelt keinen Augenblick daran, dass die Zeit des religiösen Hasses vorüber ist. Dagegen hält er den wirtschaftlichen Kampf und die persönliche Antipathie wider den Juden für etwas Dauerndes, Untilgbares. Er meint, dass der Deutsche, hierin einem Winke seiner Sprache folgend, keinen Unterschied macht zwischen dem Eingewanderten (foreigner) und dem Wesensfremden (stranger). Beide betrachtet er als Fremde. Gegen dieses Vorurtheil ist der Jude machtlos. Mark Twain schliesst seine interessanten Ausführungen mit einem schönen Complimenbv das er dem jüdischen Volke macht. „Das Judenvolk hat alle anderen überlebt. Alles ist sterblich, nur nicht der Jude. Alle Mächte gehen über diese Erde, um wieder zu verschwinden, nur der Judo bleibt. Worin liegt das Geheimnis dieser Unsterblichkeit?“ Tribüne. Von der furchtbaren Feuersbiunst, die unsere Stadt Grodno am 22. August d. J. heimgesucht hatte, ist in verschiedenen Zeitungen des In- und Auslandes berichtet worden. Es konnte aber keinem Berichterstatter gelingen, die Verwüstungen des schrecklichen Brandes, die Noth und das Elend, die er zur Folge hatte, auch nur annähernd zu schildern. Wir wollen bloss im allgemeinen hervorheben, dass hunderte v o n F a m i 1 i e n, die v o r d e m i n m ehr o d e r wenige r b evorzugter m a t e r i e I ler Lage lebten, mit einem Schlage b r o tu n d obdachlos geworden und fo r t a n n u r a u f d i e M i 1 d t h ä t i g k e i t der Mitm e n s e h e n a ng ewiesen sin d. Zur Linderung der Notli haben die vom Unglücke verschont gebliebenen Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde die grössten Opfer gebracht und mit einem Aufwand von seltener Energie, wie sie den Menschen nur in kritischen Momenten eigen ist, sich den Pflichten der Hilfeleistung gewidmet. Es gelang ihnen denn auch zunächst, die Abgebrannten in Wohnungen unterzubringeu und ein Hilfscomite zu bilden, an dessen Spitze Seine Exeellenz der Gouverneur von Grodno steht. Wir haben allen Grund zur Hoffnung, dass der an unseren Glaubensgenossen seit jeher gerühmte Wohlthätigkcitssinn auch in diesem Falle sich bewähren wird. Die Sammlungen und die Organisierung der Hi 11saetion für die Abgebrannten dem erwähnten Hilfscomite überlassend, glauben wir Endesunterzeichneten als Hab bin er der Stadt Grodno uns der Verpflichtung nicht entziehen zu dürfen, Mittel und Wege zu suchen, um zu der Ersetzung des grossen Schadens, den die .jüdische Gemeinde in ihrer Gesa m m theit erlitten hat, nach Möglichkeit beizutragen. Es sind nämlich dreizehn Gotteshäuser, darunter eine uralte, historisch berühmte Synagoge, eingeäschert worden. Diese Synagoge war durch den grossen y'ätt welcher in der jüdischen Decisoren- Literatur unter dem Namen bekannt ist, vor 350 Jahren errichtet worden. Dieser Schaden ist umso schwerer zu ersetzen, weil, im Gegensätze zur Sammlung für die Abgebrannten, bei welcher Juden verschiedenster Gesinnung und selbst Nichljuden sich betheiligen, wir in diesem Falle nur auf den Beistand solcher Glaubensgenossen rechnen dürfen, deren Verständnisse die Nothwendigkeit von Gotteshäusern leichter zugänglich ist. Die Mittel der hiesigen Gemeinde sind durch die oben angeführte private Thätigkeit zugunsten der Abgebrannten sehr erschöpft und reichen nicht hin, um auch nur ei n Gotteshaus, selbst in bescheidenster Ausführung, wieder herzustellen. Wir wenden uns deshalb an unsere mildtliätigen Brüder mit der innigsten Bitte, uns beizustehen und uns durch Unterstützung in den Stand zu setzen, unsere Gotteshäuser wieder aufzurichten, damit unser armes Volk in den schweren, kummervollen Tagen, die es jetzt verlebt, wenigstens trostvolle Andacbtsstütten habe, wo es sein Gemüth im Gebet erleichtern kann. Die Spenden bitten wir an einen der unten verzeiehneten Vorstandsmitglieder der grossen Synagoge befördern zu wollen. Rabbiner E 1 i o k i m Sch a p i r o, Rabbiner W o 1 f M a r g o 1 i s, Rabbiner Abraham G e 1 d b o r t. Adressen der Vorstandsmitglieder: Josef F r u m k i n, Grodno, Russland; Oscher W i 1 n a e r, Grodno, Russland; Ghaim L a n d a u, Grodno, Russland- Weltchronik. Antisemitische Strafanzeigen. Gegen Oberrabiner Güdemann wurde wegen seiner Aeusserung in der jüdischen Protest Versammlung im Musikvereinssaale, dass die Blntbesehuldigung eine schamlose Fälschung der Wahrheit ist, von seiten der Wiener Antisemiten die Strafanzeige hei der Staatsanwaltschaft erstattet, u. zw. nach § 303 St.-G. (Herabwürdigung einer gesetzlich anerkannten Religion). In der am jl.Octoher an die Staatsanwaltschaft geleiteten Strafanzeige wird darauf hingewiesen, dass das Mnrtyriologium die Heiligsprechung des in Trient von den Juden angeblich ermordeten Knaben Simon enthält. Die Strafanzeige ist gezeichnet von dem sattsam bekannten antisemitischen Abgeordneten Gregorig und dem ebenso sattsam bekannten Redacteur des „Deutschen Volkshlaltes“ Hans Arnold Schwer. Das „Deutsche Volksblatt“ fordert ferner, die Mutier der ermordeten Hruza solle gegen Herrn Richard Rappaport und Dr. Fuchs-Jelenski die Ehrenbeleidigungsklage erheben. Letztere hatten nämlich in der Protestversammlung des „Jüdischen Volksvereines“ erklärt, es seien gegen die Mutter und den Bruder der ermordeten Hruza gerichtliche Vorerhebungen gepflogen worden. Eine ruchlose That wurde dieser Tage in Fulda verübt. Gegen 9 Uhr traf der 17jährige Fabrikarbeiter Josef B u r k a r d t an der Ecke der Carl- und Mittelstrasse in Begleitung einiger anderer Burschen mit dem 19jährigen Sohne der Witwe Lcvy zusammen und versetzte demselben ohne jede Veranlassung einen Messerstich in die rechte Schläfe. Der Getroffene brach lautlos zusammen und wurde von einigen herbeieilenden Männern in das Haus des Bäckers Blumenthal gebracht, wo er nach einigen Minuten starb. Der Mörder eilte nachhause und legte sich zu Bette, wurde aber bald nachher vom Schutzmanne Selig abgeholt und in^ GpiVmgiiis abgefüiirt.