Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Mark Twain über die Juden
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315838-3391123--15212-3391253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 „Die Hr Welt“ Nr. 41 scharfen Blick, und man nimmt den Amerikaner, wenn er als Humorist kommt, recht ernst. Wenn er aber ernst sein will — scharfer Blick und Ernst sind keine unnatürliche Verbindung — dann schütteln die Leute den Kopf und wollen ihm um keinen Preis auf den „guten Witz“ hereinfallen. Die Wahrheit ist : er kann sehr ernst sein. Das beweist von neuem ein aus seiner Feder stammender Artikel in „Harpers Magazine", ein Artikel, der sich mit der Judenfrage, also einer bitter-ernsten Sache, beschäftigt "Keiner^wird es ihm verdenken, dass er auch hier lustige Einfälle einstreut, unversehens die Glöckchen an der Narrenkappe in Bewegung setzt und von Zeit zu Zeit durch ein überlautes Wort verblüffen möchte. Bedenklicher ist schon, dass auch dieser freieste Kopf seines freien Landes von manchem Vorurtheil an gesteckt ist und auf Grund einer ganz verfehlten Statistik zu mehr als einer unrichtigen, längst abgethanen Behauptung sich verführen lässt. Es mag noch hingehen, .wenn die Zahl der Juden in Oesterreich mit 5 Millionen, die der amerikanischen Juden mit 250.000 angegeben wird. Das sind Irrthümer, aus denen keine Schlüsse gezogen werden, und die uns nicht weiter schaden können. Weniger harmlos sind gewisse, gegen den jüdischen Charakter vorgebrachte Beschuldigungen, die sich nur dadurch erklären lassen, dass tausendmal wiederholte Verleumdungen schliesslich auch zu einem sonst unbefangenen Beobachter den Weg finden. Der Artikel stellt sich als Antwort auf den Brief eines Juden dar, der den berühmten Schriftsteller um seine Meinung bezüglich verschiedener Punkte in der Judenfrage angegangen hatte. Indem MarkT wa in sich anschickt, diese Fragen der Reihe nach zu erledigen, betheuert er zunächst seine Unbefangenheit. „Wüsste ich mich,“ so meint er, „nicht vollständig frei von jedem Vorurtheil gegen die Juden, so würde ich es anständig finden, das Thema solchen Leuten zu überlassen, deren Urtheil in dieser Frage noch nicht verkrüppelt ist. Vor Jahren machte ein Jude mir gegenüber die anerkennende Bemerkung, dass sich in meinen Schriften keine Unhöflichkeit oder Feindseligkeit wider sein Volk vorfinde, und fragte mich' wieso das komme. Ganz einfach: weil die Disposition fehlt.“ Mark Twain rühmt die Bürgertugenden der Juden. „In keinem Lande ist er der Friedensstörer. Er ist kein Müssiggänger, kein Trunkenbold, kein Lärmmacher, nicht händelsüchtig und bei Strassenkrawallen höchstens ein unbethciligter Zuschauer. Den Criminalstatistikern gibt er wenig zu thun. und, allen gewaltthätigen Verbrechen abgeneigt, bleibt er für den Henker nahezu ein Fremder. Das jüdische Familienleben ist anerkannt musterhaft. Der Jude belästigt weder die staatlichen noch die communalen Wohlthätigkeitsanstalten. Solange er gesund ist, arbeitet er; ist er zur Arbeit unfähig, so sorgen seine Leute für ihn.“ „Der jüdische Charakter/ fährt Mark Twain fort, „hat aber auch seine Schattenseiten. Der Jude hat einen gewissen Ruf für verschiedene niedliche Arten des Betruges, für Ausübung des Wuchers, für Aufsetzung von Contracten, die wie ein Haus mit bequemem Ausgange für ihn selbst, dagegen mit schmalem für den andern sind, und für schlaue Umgehungen, wodurch er den Buchstaben des Gesetzes unversehrt lässt, während der Richter entsetzt bemerkt, wie sehr der Geist des Gesetzes verletzt wurde. Ferner ist der Jude ein fähiger und vertrauenswürdiger Staatsdiener, aber, wie der christliche Quäker, hat er eine unpatriotische Abneigung gegen den Waffendienst“. Man sieht, das könnte ebensogut ein europäischer Antisemit geschrieben haben, und es istgewiss, dass Mark Twain, wenn man ihn aufforderte, den Quellen seiner Behauptungen nachzugehen, zur grössten Selbstverwunderung gestehen müsste, es seien mehr Lesefrüchte als Erfahrungen. Nicht umsonst lebt man längere Zeit in Wien und ist eifriger Zeitungsleser. Am besten wird der letzte der oben erwähnten Vorwürfe durch die Thatsache widerlegt, dass ira spanisch-amerikanischen Kriege die jüdischen Landsleute Mark Twains sich nicht eben wie Feiglinge benommen und sogar eigene Freiwilligen-Corps gebildet haben. „Allerdings“, witzelt er, „bat der Jude auf all diese schönen Dinge kein Monopol, es gelingt ihm nicht, sich gänzlich der lästigen christlichen MitbeWerbung zu erwehren. Und wenn man seine guten und schlechten Eigenschaften gerecht abwägt und vergleicht, so wird man der christlichen Bevölkerung keine Superiorität über den Juden in Sachen der bürgerlichen Tugenden zugestehen dürfen. Und doch wird der Jude seit unvordenklichen Zeiten gehasst und verfolgt.“ Bei diesem Punkte wird natürlich nach den Gründen des Antisemitismus gefragt. Nach Mark Twain ist der Hauptgrund nicht im religiösen Antagonismus zu suchen. Der Judenhass ist vielmehr eine Frage der Concurrenz. „Der christliche Bauer und Städter konnte niemals gegen die commerciellen Fähigkeiten der Juden auf kommen. Daher musste in allen Jahrhunderten das christliche Europa die geschäftliche Thätigkeit der Juden gewaltsam einschränken. Ergriff der Jude ein mechanisches Gewerbe, so musste sich gewiss der Christ in Bälde davon zurückziehen. Wandte sich der Jude der Heilkunde zu, so war er gewiss der tüchtigste Arzt und hatte die meisten Kunden. Beschäftigte er sich mit Landwirtschaft, so konnten sich die anderen Bauern nach neuen Enverbsarten umschauen. (Mark Twain übertreibt hier nicht wie ein Prosa-Humorist, sondern wie ein Dichter.) Kurz und gut, es war mit ihm einfach nicht zu concurrieren, und die Gesetzgeber mussten darauf bedacht sein, die Christen vor dem Armenhause zu bewahren. (!) Man schloss den Juden von allen Berufsthätigkeiten aus und liess ihm nur eines, das Geldgeschäft. Unter diesen harten Bedingungen war er genöthigt, seine starken geschäftlichen Fähigkeiten fort und fort zu trainieren. Er hat es auch sehr weit darin gebracht, und der Antisemitismus ist in vielen Punkten dem in Amerika gegen den chinesischen Billigarbeiter geführten Kreuzzug vergleichbar. Religiöse Vorurtheile mögen zu einem Theile mitspielen, sind aber an den andern neun Th eilen unschuldig. Es haben die Protestanten die Katholiken, es haben die Katholiken die Protestanten verfolgt, aber niemals artete der Kampf zu einer Vexation auf dem Gebiete des Lebenserwerbes aus. In diesen Fällen handelte es sich eben um wirklich religiöse Verfolgungen und nicht um einen religiös bemäntelten Boycott.“ Auf die Frage nach der Möglichkeit einer V e rb esseruug dieser Zustände gibt Mark Twain eine hochwichtige Antwort. Er findet den verhängnisvollsten, von den Juden begangenen Fehler darin, dass die Juden keine Partei bilden. Sie sollten sich, sagt er, organisieren und ihr Stimmrecht a us n ü t z e n. „Wer gibt denn den Juden, wer gibt denn irgendeiner Rasse das Recht, in einem freien Lande still zu sitzen, und ihre Sicherheit irgendwelchen guten Leuten anzuvertrauen? Der unter der Gewalt brutaler Autokraten stehende Jude der früheren Zeiten, zu schwach, sich selber zu helfen, hatte Anrecht auf alles Mitleid. Jetzt aber hat er die Hilfsmittel in der Hand, und das seit einem Jahrhundert, aber ich sehe nicht, dass er bisher einen ernstlichen Gebrauch von ihnen gemacht hätte. In England und Amerika (Mark Twain nennt die Länder, deren Verhältnisse ihm ganz genau bekannt sind) sollte ein jeder Jude sich in das Censusbuch als Jude eintragen lassen. Die Juden sollten eigene Freiwilligen - Regimenter bilden. Ferner müssten sich die Juden auf politischem Gebiete zusammenschliessen, um, je nach der Lage, ein entscheidendes oder ihnen möglichst nützliches Resultat durch den Stimmzettel herbeiziifiihren. In Oesterreich, Frank-