Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Article
Transvaal-Reflexionen
Date
1899-10-13
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315838-3391118--15196-3391247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 „Die A Welt“ Nr. 41 "Ueborgowiclites in Transvaal, so hat man ungefähr den richtigen Massstab für die Frage, um die es in Wahrheit sich handelt. Mit diesem Massstabein der Hand kann man aber auch leicht verstehen, warum die grossen Mächte keine Neigung zeigen, für die Boers auch nur platonisch Partei zu nehmen. Es sind dabei sicherlich auch diplomatische Erwägungen im Spiele, denn es springt in die Augen, dass keine Macht der Boers wegen sich in einen feindlichen Gegensatz zu England stellen und dadurch vielleicht den Weltfrieden gefährden mag. Wenn Frankreich, das seit der Faschoda-Niederlage den Groll wider England nicht verwinden kann, auch jetzt wieder leise mit den Zähnen knirscht und Russland nicht verhehlt, dass es den Engländern in Südafrika eine Schlappe herzlich gönnen würde, so ist das doch nur das bekannte Ballen der Faust in der Tasche. Nicht den Boers wird der Sieg, sondern den Engländern die Niederlage gewünscht. Selbst in Deutschland, wo man an dem Schicksal der Transvaal-Republik viel näher interessiert ist als in Frankreich und Russland, und wo seit langem eine populäre Strömung gegen England existiert, kommt die Sympathie mit den Boers von staatswegen fast gar nicht oder nur sehr verclausuliert zum Vorschein. Warum, ist leicht zu errathen. Wenn die Mächte, ihre Interessensphären immer weiter vor schiebend, in fernen Welttheilen Fuss fassen, so ahmen sie das Beispiel Englands nach und ihre Rechtstitel in Kiaotschaou, in Port Arthur, in Tonking und Laurenzo Marquez begründen sie mit den zwingenden Erfordernissen des Verkehrs und der Givilisation. Die Politik der „offenen Thüren“ wird proclamiert und was anderes als eine solche Politik vertritt England der Transvaal-Republik gegenüber, indem es die staatsbürgerlichen Rechte für die „Uitlanders“ begehrt? Man darf also über den Umfang eines Krieges zwischen England und Transvaal, sofern es zu ihm noch kommt, sehr beruhigt sein. Es wird ein „localisierter“ Krieg bleiben. Aber um zu dem Ausgangspunkte dieser Betrachtung zurückzukehren: es wird auch, glauben wir, ein Krieg der Givilisation sein, wie immer er ende. Und das ist die naheliegende Ideenverbindung, die wir für uns mit ihm verknüpfen. Die Boers haben sich als unfähig erwiesen, die gewaltige Evolution mitzumachen, welche der überwältigende Colonisierungstrieb unserer Zeit hervorgebracht hat; sie sind kein Element der Entwicklung. Für sie und ihr Staatswesen können in der vitalen Krise, in der sie sich befinden, menschliche Sympathien zu Worte kommen, aber diese sind nicht entscheidend. Umgekehrt sind ja für den zionistischen Gedanken, der doch so ganz und unmittelbar mit den civilisatorischen Expansionsbedürfnissen der Gegenwart sich deckt, die menschlichen Sympathien leider so schwer in Bewegung zu setzen, obwohl die Juden doch sozusagen auch Menschen sind wie die Boers und auf keinen Sachwalter zu zählen haben wie die „Uitlanders“. Dafür aber kämpft mit ihnen der Geist der Zeit, die „im Zeichen des Verkehrs sieht.“ Die Juden sind ein Element der Entwicklung., Sie haben voll und ohne Rest die Ideen in sich aufgenommen, welche als Givilisationspionniere durch die Welt fliegen, und sie wollen für ihren Theil an der Verwirklichung dieser Ideen mitarbeiten auf dem Boden, den als ihr Erbtheil zu betrachten sie ein unbestreitbares historisches Recht haben. Was uns vorschwebt, ist das Gegentheil dessen, wodurch die Transvaal- Republik ihren Bestand selbst unterwühlt hat. Freiheit und Selbstbestimmung erstreben wir nicht abseits der allgemeinen Givilisation, sondern in ihrem Dienste — das Recht der unangefochtenen Existenz auf einer Scholle, die wir uns wieder urbar zu machen hoffen, wie einst unsere Väter sie urbar gemacht und zu einer strahlenden Lichtquelle für alle Völker erhoben haben — dieses Recht, das doch so ganz anders legitimiert ist, wie die starre Ausschliesslichkeit da unten in Transvaal, ist das Ziel unserer Arbeit, unserer Sehnsucht, unserer Kämpfe. Und ihm steht nicht das schreckende Gespenst eines kleinen oder grossen Krieges im Wege; wenn war.es erreichen, so wird die Sonne des segenbringenden Friedens leuchten über der Stätte, wo Unrecht durch Givilisation gut gemacht und öder Verfall verscheucht sein wird durch wiederhergestelltes Recht. Wir sagen im wörtlichsten Sinne mit dem Dichter: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Orientalische Autonomien. (Samo s.) Von Ben-David. Neue Ideen bedürfen der Zeit, um eine grosse Menge von Anhängern zu gewinnen. Der Widerstand der eingewurzelten Begriffe wird nur allmählich und mühsam gebrochen. Es ist nothwendig, dieselben Argumente immer und immer wieder vorzubringen. Einwände müssen von allen erdenklichen Gesichtspunkten beleuchtet und zurückgewiesen werden — mehr noch: man muss die nicht geäusserten Zweifel aufspüren und entkräften. Denn die nicht geäusserten Zweifel existieren darum nicht weniger und sind von starker Wirkungich möchte fast sagen, dass die stärksten Zweifel die Tendenz haben, nie h t ausgesprochen zu werden: — sie geben ihren Inhabern die Ueberzeugung von der Unmöglichkeit einer Sache, der gegenüber jede Formulierung des Einwandes zwecklos wird. Auch die zionistische Bewegung hat gegen solche Zweifler anzukämpfen — es sind diejenigen, die uns Träumer und verrückte Schwärmer nennen — wenn sie nicht noch weiter gehen. Sachliche Einwendungen kann man von diesen nicht zu hören bekommen. Selten, dass das Vorhandensein solcher einmal angedeutet wird. Und selbst dann werden sie nur so unwillig hingeworfen: „Wie lässt sich von einem so weit verstreuten Volke ein einheitliches Vorgehen erwarten!“ — Die Ereignisse der letzten Zeit — unsere Gongresse, unsere Bank — haben darauf eine Antwort gegeben, die jeder hörte, der da hören wollte. „Wir Juden (man beachte das „wir“, das in dieser Verbindung fast stets gebraucht wird) — „wir Juden sind nicht fähig, untereinander friedlich auszukommen oder eine eigene Autorität anzuerkennen.“ Ich weiss von einer Colonie — Pessach Tikwah — die seit 20 Jahren besteht, in der IG verschiedene Sprachen gesprochen werden, und in der man trotz der bunt zusammengewürfelten Bevölkerung noch nie einen türkischen Polizisten oder Richter in Anspruch genommen hat, sondern innere Angelegenheiten und auch Streitigkeiten ausnahmslos vor sclbstgewühlten Tribunalen schlichtet. Das Thema, das ich mir gestellt habe, ist ein dritter Einwand, der ernsteste wohl, den man eben deshalb auch seltener hört: „Ist es anzunehmen oder auch nur denkbar, dass die türkische Regierung unseren Plänen entgegenkommen wird, dass ein mächtiges Reich auf Hoheitsrechte verzichten sollte, was immer ihm auch für Vortheile geboten worden könnten? Hat man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.