Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Transvaal-Reflexionen
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Erter. Das Schicksal hat die Juden durch die ganze Welt hin zerstreut. Deshalb sind sie an jedem geschichtlichen Vorgänge von allgemeiner Tragweite interessiert, wo immer er sich ereignen mag. Zu dieser Thatsache bietet jetzt wieder die Transvaal-Krise eine lehrreiche Illustration. Nicht in erster Linie darum, weil natürlich noch vor dem Kriegsausbrüche die Juden in Johannesburg die ersten waren, welche das Nahen der Kriegsfurie zu spüren bekamen, und von Käftern und Zulus schon jüdische Läden geplündert, deren Inhaber misshandelt und . erstochen wurden. Das gehört nun schon so zu in jüdischen Martyrium, und in der Aera, welche mit den Namen Rennes und Polna bezeichnet ist, braucht man sich kaum mehr darüber zu verwundern, dass auch Raffern und Zulus sich an Juden vergreifen. Merkwürdiger will es uns scheinen, dass die grossen Mächte, deren Wohlwollen der zionistischen Bewegung gewiss nicht abgewendet ist — und zu diesen Mächten zählen wir ausser England auch Deutschland und Russland — der unmittelbaren Eventualität eines Transvaal-Krieges mit verschränkten Armen zuschauen. Es ist weit und breit von Mediation, von Intervention, von guten Diensten keine Rede. Das muss wohl seine triftige Ursache haben, die zu ergründen sich unzweifelhaft der Mühe lohnt. Es ist keine Frage, dass inmitten der ungeheuren Bewegung, welche das allgemeine Colonisationsbedürfnis hervorgerufen hat, die Transvaal-Republik einen todten Punkt bedeutet. Man mag darüber streiten, ob das mächtige England sich im stricten Rechte befindet, indem es gegen den kleinen südafrikanischen Bauernstaat vom Leder zu ziehen droht, weil derselbe einer Einmischung in seine inneren Angelegenheiten sich widersetzt. Darüber aber kann es keinen Streit geben, dass der Präsident Paul Krüger und seine Boers einen hohen Grad von cultureller Rückständigkeit clocumentieren, indem sie sich sträuben, den Ausländern die bürgerlichen Berechtigungen einzuräumen. Den Ausländern — und unter ihnen auch den Juden in Johannesburg, welche bisher vergebens um die Gewährung der staatsbürgerlichen Rechte petitioniert haben — gebürt, was für sie von England begehrt wird, denn sie sind das produzierende Element in Transvaal, ohne welches die Republik noch heute auf der Stufe eines rusticalen Clans sich befinden würde, wie vor etlichen fünfzig Jahren, zur Zeit ihrer Begründung. Wenn der deutsche Kaiser das grosse Wort sprach: „Unsere Zeit steht im Zeichen des Verkehrs44, so sind es nicht die Boers, sondern die „Uitlanders“, welche sich rühmen dürfen, dass auch auf sie dieses Wort passe. Aus diesem Verhältnisse zwischen den Boers und den Ausländern ergibt es sich, dass England, trotzdem es anscheinend im Unrechte ist, der Transvaal-Republik gegenüber als der Vorkämpfer der grossen civilisatorischen Idee unseres Zeitalters sich darstellt, so sehr es auch den begründeten und unbegründeten Verdacht gegen sich haben mag, dass es sich von egoistischen Interessen leiten lasse. Käme es in den grossen Staats- und Weltfragen immer nur auf edle Sentimentalitäten an. so würde stets der Schwächere, der Muth zeigt, im Vortheile sein, denn auf seiner Seite sind zumeist die Sympathien. Es zeigt sich ja jetzt auch wieder, dass die Boers zahlreiche Fürsprecher linden, während England eines perfiden Gewaltstreiches geziehen wird. Aon solchen Erscheinungen gilt der bizarre Ausspruch Horace Walpoles: „Es ist ein Nachiheil, dass man in seiner eigenen Zeit lebt, denn inan erfährt über sie erst die -Wahrheit, wenn man schon toclt ist.“ Was in den geschichtlichen Vorgängen Recht oder Unrecht ist, können die Mitlebenden in der Regel nur schwer entscheiden. Jedoch über allen Zweifel gewiss ist es, dass die Erschliessung Afrikas für die moderne Cultur ein ungeheures Interesse darstellt, und dass diesem Interesse die „Uitlanders“ und deren britische Sachwalter besser dienen als die Boers mit ihrem rückständigen Atavismus. Nicht Prätoria, sondern Johannesburg, nicht Paul Krüger und die Burghers, sondern die Goldgräber von Wbitwatersrand repräsentieren den vorwärtsdrängenden Geist der Culturausbreitung, die sich durch akademisches Ermessen von Recht und Unrecht nicht aulhalten lässt, ln Johannesburg sind die Bienen, in Prätoria die Drohnen. Wenn man sich vergegenwärtigt, was der Welt der Schienenweg von Gapstadt bis Alexandrien bedeutet im Vergleich mit der Conservierung des boerischen