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Die Welt · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Article
Dorf und Ghetto
Date
1899-10-06
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 „Die B Welt46 Nr. 40 gemildert. Dazwischen in der Mitte der Jude Leopold Komperts im nordböhmischen Isergebiet, weicher, unausgeprägter, phantastischer, wie es auch Josef Ranks nordwestböhmischer Bauer ist. Man stösst immer wieder auf diesen merkwürdigen Rapport von Dorf und Ghetto. Und das böhmische „Tauschkind“ stellt ihn sogar körperlich dar; der Jude gibt sein Kind dem Bauer, der Bauer das seine dem Juden für etliche Jahre zu wechselseitiger Gewöhnung an fremde Art. Kompert, der einst als Student mit dem Ränzlein auf dem Rücken durch die Taborlinie in Wien eingezogen war, vergass niemals, auch als er bereits Ländesschulrath war und in Wohlhabenheit lebte, der Einwirkungen, die er in kümmerlicher Kindheit von der Dorfnachbarschaft empfangen hatte; in dem Roman „Am PflugA hat er das Tauschkindmotiv ergreifend verwertet. Wenn er so dasass in seinem grossen, luftigen Bücherzimmer eines dritten Stockwerkes am Wiener Franziskanerplatz, jede Bewegung leise, behutsam, fast ängstlich, mit dem weichen Blick träumerisch vor sich hinschauend, erschien er als leibhaftiger Gegensatz des resoluten, weltsicheren Auerbach und des scharfen, dialectisch aggressiven Bernstein. Aber darin war zwischen allen ein voller. Einklang, dass ihre Worte sonorer, tönender wurden, wenn sie vom Volke sprachen. Das Volk! Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, mit welcher Andacht im Vormärz vom Volke geredet wurde; es war der alles umfassende Begriff, die Quelle ihres Lebens, aller Poesie, aller Freiheit und aller Herrschaft, aller Keuschheit und Glückseligkeit — ein mysteriöses Collectivum, das in sich jede Art von menschlicher Fortentwicklung einschloss. Wir sind ja allgemach skeptischer geworden, aber damals schwor noch jeder ehrliche Menschheitsbeglücker auf das Volk. Und unter denen, die giengen, um das Dornröschen aus dem Schlafe zu wecken, wandelten, anscheinend auf verschiedenen Wegen, Berthold Auerbach aus dem Ghetto ins Dorf; Bernstein und Kompert aus dem Dorf ins Ghetto. Das Volk war ja überall, und überall sollte sich an seiner Erweckung vollenden, was mit der Ermannung des Bürgerthums begonnen war. Es sind seitdem viele, viele Illusionen zerronnen. Berthold Auerbach verzweifelte am Ende seines Lebens, als er sah, wie wenig ihm die Arbeit für das Volk angerechnet wurde. Dorf- und Ghettogeschichte waren überhaupt Illusionen. Die Literaturhistorie weiss von ihnen zu erzählen, aber in der Literaturhistorie liegt unter mehr oder min der pruDkhaften Leichen steinen alles begraben, was einst an dem gewaltigen Werke der Emancipation mitthat. Die Emancipierten gehen gern in weitem Bogen um diesen Friedhof herum. Das verträgt sich auch vollkommen mit der Parole vom Selbstzweck des Kunstideals. Mit der Dichtung etwas zu wollen und gar noch etwas für das Volk — wie mitleidig wird auf diesen verstaubten Idealismus herabgeschaut! Aber der alte Homer schon hat der Vergesslichkeit der menschlichen Generationen, die er mit den Blättern im Walde verglich, das wahre Kennzeichen abgelauscht. Die wenigsten Söhne, lautet sein Spruch, werden ihren Vätern gleich, die meisten werden geringer. (Bester Lloyd). Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Die beiden Männer traten in ein grosses, gewölbtes Thor, giengen eine Freitreppe hinauf, die in einen breiten, säulengetragenen Gorriclor mündete und klopften endlich an eine Stubenthüre. Das Zimmer war ganz nach Art der Bocharen und Perser eingerichtet, rings um die Wände liefen Divans, in der Mitte ein Teppich; in der Ecke bei der Thüre stand ein europäisches Bett. Auf diesem lag das, genesende Kind mit verbündenem Halse. Der Arzt untersuchte den Verband und er war sehr zufrieden mit dem Aussehen der kleinen Patientin. Als er fertig war, schob er Chajim vor. . „Sehen Sie, Frau Rose, das ist der junge Mann, der Ihnen das Kind abgenommen hat und es zu mir brachte.“ Die Frau wurde roth vor Verlegenheit, dass sie den jungen Mann nicht sofort erkannt hatte. Sie entschuldigte sich mit ihrer damaligen Aufregung. „Der Herr wird das begreiflich finden", klang es von der Ecke des grossen Saales. Sowohl Chajim als DoctorRapp blickten erstaunt auf. Die lichtgeblendeten Augen hatten nicht sofort gesehen, dass noch ein weibliches Wesen im Zimmer sei. Das Mädchen stand auf und näherte sich den fremden Männern, reichte dem Arzte unbefangen die Hand und dankte in wohlgesetzter Rede für die Mühe und für die Sorgfalt, die er der kleinen Patientin an gedeihen hatte lassen. „Sie haben meiner Cousine wie so vielen in Jerusalem das Leben gerettet, wie können wir Ihnen danken, Herr Doctor!“ „Meine Cousine aus Kattra“, warf die Frau ein. „Ah, eine Golonistin!" rief Dr. Rapp feurig. „Eine Golonistin, wie mich das freut! Sehen Sie, junger Mann, so sehen unsere Schwestern aus dem Lande Juda aus, die draussen in der frischen Gottesnatur leben und deren Rrüder die Erde bearbeiten, den Weinstock pflegen!“ Das junge Mädchen lächelte. „Sie haben Recht, Herr Doctor, es sind wirklich meine Brüder, die die Erde bearbeiten und die Weinstöcke pflanzen und pflegen; wir Colonistentöchter ihun nur sehr wenig dazu, um die grosse ' Frage der Ansiedlung Palästinas der Verwirklichung zuzuführen. Aber unsere Brüder ja. Wenn ich bedenke, dass wir vor sechs Jahren noch alle in Charkow gelebt haben, in einer engen, dumpfen Gasse; in einer Stube unterwies der Vater die Kinder des Ghetto in Talmud, Bibel und ausnahmsweise auch in der Landessprache, in der anderen Stube lebten wir recht uud schlecht. Und heute pflegen meine Brüder über dreissigtausend Rebstöcke, das heisst, der älteste, Chajim, besorgt diese Arbeit fast allein.“ „Er heisst also auch Chajim, Ihr Bruder, genau wie dieser junge Mann,“ warf Dr. Rapp ein. „Und die jüngeren Geschwister, der eine zwölf und der andere zehn Jahre alt, die tummeln sich auf den Pferden herum, reiten in die Weinberge und wieder zurück, lernen bei den Nachbarn und beim älteren Bruder jegliche Arbeit — ja, es ist ein Vergnügen, es ist mehr, es ist ein Glück, da draussen zu leben als Herr auf der eigenen Scholle! Oh, wenn Sie nur unsere jungen Leute an der Arbeit sehen könnten.“ Die Augen Dr. Rapps leuchteten, er nahm beide Hände des schlanken, jungen Mädchens, sah ihr in das weisse Antlitz, dem eine kleine Stumpfhase ein schelmisches Gepräge gab, und sie erwiderte seinen Blick klar und offen und ihm lächelnd zunickend. Chajim wandte sich verschämt ab. Er hatte noch nie ein Mädchen gesehen, das dergleichen gewagt hätte. Ja, ja, man erzählte nicht umsonst in dem Beth Hamidrasch zu Jerusalem, dass *ie gottlos seien draussen in den Colonien — und Dr. Rapp, von dem hätte er so etwas schon gar nicht gedacht, ein so frommer Mann. Hatte er denn vergessen, dass es unschicklich sei, ein fremdes Mädchen so — so — kühn anzusehen? Schliesslich war er doch unbeweibt, wenn

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