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Die Welt · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Article
Dorf und Ghetto
Date
1899-10-06
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4-0 „Die Welt“ Seite 13 zünftigen Literaturgeschichte bisher entgangen ist. Dorf und Ghetto rücken in dem Lebensbilde. Berthold Auerbachs so nahe zusammen, als ob sie zueinander gehörten. Und damals - es geht bis zum Jahre 1840 zurück — lagen sie in derThat auch ganz, ganz nahe beieinander. Die Dichtung, die mit der Laterne umherleuchtete, nach den Beladenen lind Mühsamen, nach den Gedrückten und Vergessenen, fand sich gleichzeitig im Dorf und im Ghetto ein, wo soviel zu erhellen, zu befreien, zu erlösen war. Und der ins Dorf hineinleuchtete, war ein Jude, war einer, dem das Ghetto im Blute lag. Man hat an diesem merkwürdigen Zusammenhänge vorbeigesehen und die Dorfgeschichte als einen Gegensatz zum Salonroman, Berthold Auerbach als einen bewussten Antipoden der Gräfin Ida Hahn-Hahn verstanden. Aber das war und ist auch heute noch eine der sonderbarsten Verwechslungen von Ursache und Wirkung. Dass in demokratischer Zeit und von einer Literatur, die deren politische und sociale Kämpfe ausfocht, der Bauer dem Aristokraten gegenübergestellt wurde, war etwas Selbstverständliche?; aber dass der Jude, der für sich selbst noch um den Zulass zur Sonne zu ringen hatte, den Bauer bei der Hand nahm und in das deutsche Volksthum hin ab griff, wo es — man möchte sagen — sich selbst noch am wenigsten vertraut war, darin bestellt das Phänomen. Ob Berthold Auerbach selbst sich dessen bewusst war, dass er mit seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ eine Mission erfüllt hatte, ist mir nicht bekannt; ich erinnere mich keiner schriftlichen oder mündlichen Aeusserung von ihm, aus der darauf zu schliessen wäre. Nur als ich einmal in einem Aufsätze über Ghetto-Literatur den Zusammenhang mit der Dorfgeschichte ganz flüchtig gestreift hatte, ermunterte er mich, den Gedanken weiter zu spinnen, und auf meine Entgegnung, dass mir dazu die erforderliche Zeit fehle, erwiderte er halb pikiert: „Zu den Vielzuthunhabern gehöre ich auch“. Es fällt mir nicht ein, den süddeutschen Juden, der das Schwarzwälder Dorf in das Licht der Dichtung rückte, mit dem galizischen Christen zu vergleichen, der später aus dem polnischen Ghetto einige lebensvolle Gestalten auflas. So weit der Abstand zwischen dem „Diethelm von Buchberg“ und dem „Don Juan von Kolomea“ ist, so weit ist die Kluft zwischen Berthold Auerbach und Leopold v. Sache r-Masoch. Der schwäbische Jude war ein durch und durch national gesinnter Deutscher, der ein Herz für seine Schwarz wälder Bauern hatte,jer redete ihre Sprache und sie redeten die seine bisweilen sogar, wie manche aussetzten, wider ihre Natur, dass es scheinen konnte, sie wären mit ihm bei Spinoza in die Lehre gegangen. Der galizische Christ war ein unbeständiger, ruheloser Geselle ohne eine Spur nationaler Empfindung, er wollte nichts wirken, nichts erhellen, nichts zeigen als sein Talent. Auch in seiner Lebensführung unterschied sich der christliche Ghettodichter von dem jüdischen Dorfgeschichtenerzähler durch den absoluten Mangel sesshafter Beständigkeit. Aber zu den andern Ghetto-Dichtern, zu den jüdischen, führt allerdings ein Steg aus dem Auerbach’schen Dorfe. Aaron B ernstein, der Westpreusse, und Leopold K omper t, der Böhme, wollten mehr sein als lebenswahre Schildere!* einer absterbendenMenschengattung, sie wollten das Licht einer neuen Zeit hinüberleiten in das Dunkel des Ghettos. Sie waren Lichtbringer für das Ghetto wie Auerbach für das Dorf, und sie waren es im vollen Bewusstsein der Solidarität mit allen befreienden Gedanken der Zeit. Nur äusserlich als gemeinsames Merkmal mag es erscheinen, dass die Ghettogeschichte gerade so wie die Dorfgeschichte sich auf provinziell abgegrenzte Gebiete vertheilte, dass das preussische, das böhmische, das hessische, das polnische Ghetto ihre bebesonderen Epiker hatten, wie das schwäbische, das böhmische, das schlesische, das bairische Dorf die ihren. Aber ganz und gar nicht zufällig ist cs, dass der erfolgreichste aller DoiTgescliieliteiischreiber mit denselben-Waffen für die innerliche Befreiung seiner Bauern kämpfte, wie die erfolgreichsten Ghetto-Dichter seit Heinrich Heine für die Niederlegung der letzten Mauerreste des Ghettos. Das Heinesche Fragment „Der Rabbi von Bacharach“ war ein Aufruf zur Emancipation, wie in der Folge Bernsteins Erzählungen „Vögele der Maggid“ und „Mendel Gibbor“, wie Komperts „Geschichten einer Gasse“. Es ist mir nun weder damals darum zu thun gewesen, noch haben diese Bemerkungen den Zweck, Berthold Auerbachs Platz in der deutschen Literatur an dem Grunde und der Wirkung seiner „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ abzumessen. Ich weiss, dass er nicht der erste war, der Dorfgeschichten schrieb, und dass Immermann, Pestalozzi, Jeremias Gotthelf ihm vorangiengen. Aber weder die Vorgänger noch die Nachfolger Auerbachs haben der Dorfgeschichte, so wie er, die monumentale Bedeutung einer unvergesslichen Zeiterscheinung gegeben. Ich sehe noch — es ist gar nicht so lange her — den alten, schmalen, schüchternen Josef Rank, den deutsch-böhmischen Dorfgeschichtenerzähler, mir gegenüber am Tische sitzen. Er war damals Secretär des Wiener Stadttheaters, ein verkümmertes Männlein, dem man es beileibe nicht ansah, dass es einst im Frankfurter Parlament über die Geschicke des deutschen Volkes mitberathen hatte. Für Josef Rank nahmen manche sogar die Priorität vor Auerbach in Anspruch, aber Du lieber Gott, er selbst war doch zu bescheiden, um sich mit Auerbach zu vergleichen, ausser in dem Punkte der Thatsachentreue. „Da bin ich ihm doch wohl über gewesen“, meinte er und nickte lächelnd mit dem langhaarigen Schulmeisterkopfe. Er ist ihm aber doch auch darin nicht über gewesen, so wenig wie Melchior Meyr, der treffliche bairische Dichter der „Geschichten aus dem Ries“, oder irgend ein anderer. Und mich bedünkt, dass gerade die Nachbarschaft zwischen Dorf und Ghetto, die in ihm selbst wie ein Stück seiner Perönlichkeit wirksam war, ihm den Vorsprung vor dem schweizerischen Pastor Albert B i t z i u s (Jeremias Gotthelf), vor Immermann, Pestalozzi und allen übrigen Dorfgeschichtenschreibern sicherte. Die Entdeckung dieser Nachbarschaft war seine dichterische That und lieferte eine neue Waffe im Kampfe der sich selbst befreienden Zeit. Als ich mit Bernstein persönlich bekannt wurde, war er längst von der Leitung des populärsten Blattes des Revolutionsjahres, der Berliner . „Volkszeitung“, zurückgetreten. Er schrieb für sie nur noch Leitartikel und. seine unvergleichlichen naturwissenschaftlichen Essays. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich an einem Frühlingstage um die abendliche Dämmerstunde in sein Zimmer trat. Er durchmass es, mit den Händen auf dem Rücken, eine uralte hebräische Melodie vor sich hinsummend; den Blick, der zu Boden gesenkt war, erhob er nur, wenn er das Wort an mich richtete, und dann kam in die rechte Hand, die er vor sich hinstreckte, ein wunderbares Leben, der Daumen zeichnete jede Gedankennuance wie eine Figur in die Luft. Dieser Mann, an dem alles schärfste talmudische Dialectik zu sein schien, konnte als Politiker ein flammendes, als Gelehrter ein bis zur Durchsichtigkeit klares, als Dichter ein tief gemüthliebes Deutsch schreiben. Und war doch auch aus dem Dorfe wie Auerbach, denn was war das Ghetto anders als ein Dorf, nur dass die Mauern des Ghettos von aussen, die des Dorfes von den Bauern selbst aufgeführt waren? Das westpreussische Fordon oder das schwäbische Nordstetten —r dort wie hier eine dumpfe, abgeschlossene Welt. Ivo der Heierle oder der Zempliner Bachur — an diesem wie an jenem verwandte Züge uralter Isolierung und Zurückgebliebenheit, nur im Norden durch ironische Superklugkeit verschärft, im Süden durch humoristische Naivetät

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