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Die Welt · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Article
Der Mord in Polna
Date
1899-09-29
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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Nr;*39 „Die 2^ Wfelt“ Seite 11 Zei.tdesJ^p^gsim Kj.ank & ikK a u's 1 n D e u t's c K - B r o d und E’rfm?an^' gleichfallstf i ch tA 11 P olna gewesen sei. -hat-sich^. wie':sich nach einer authentischen nach Wien gelangten Mittheilurig^herausstellt;* E r b- M a.hMiiUdMler. -Zeit?vorn 25. dis zum 28. März in Neu-? Rj^snit|5^in^;yMähren^ . aufgehalten . und es ist, wenn nicht ganz. unmöglich,’ döch zumindest höchst - unwarscheinliqh, dass er schon am nächsten Tag ~ in; Pojna in Böhmen sollte. * •Verhaftung W a s s e T m a n U's wirdaus Leitmeritz gemeldet: - - In Au sehn.M ,am 29. Sepjfc. der jüdische Arbeiter Salomon Wassermann, der bei einem Bau beschäftigt Er,'^Mäftet worden. Derselbe gab bei dem Verhöre an, ^'?hE^K Äuschav beim Bezirksgerichte drei Gulden I^eiseerhalten mit;dem Aufträge, sofort sich in. KutteribAkg oöinzustellen. W a s s e r.m a n n, der Papiere besitzt, ^ÄE'WÄd -Identität riachweisen,<nnd der auch eine Vorladung fürdas EUt^ehberKer Ereisgericht bei sich -hier . festgehalten'. *^s wurde ..sofort an das EtMeriberger -Ereisgeiicht telegraphiert, was' mit ihm zu j^M^M'häbe? 'Die "Nachtricht.'von seiner Verhaftung hat .irL?., .a. g r o sses A ü f s eh e n . hervorgerufen und eiAKriAxMtz.s e M e n}-s ch e n ip e n g e. umsteht das Stadthaus;i^i^ölctiem i'Wa s«>s er man n interniert ifet. V‘ / f Buröh die Einvernahme dieser .beiden Angeschuldigten mh?svsicäiy nunmehr unfehlbar her ausstellen, welcher Wert denp -KtzWnrinisse“ Hülsner’s beizumessen ist. Allem Ansdh^ine' nach wird dieses „Geständnis“, das die antisfmimische PTess^ in. einen solchen Bausch des Entzückens v-ersetHe^Kass sie (Jie geradezu wahnwitzigsten Lügen erfand, iran&eT* problematischer. '2r' JC^Ä^^eine" der angeblichen Mitschuldigen, Josua Erb- ,nt.;Ap%<^vidonta,g am 25'.- Sepjfc. mit seiner Gattin Hermine in SchlaiWiTjeiFhaftet worden,;. während es beinahe zur selben Zeit KMiMeri ist, auch des Salpmon W as s ermann, des Zweien "?HHtzMchen. . Mitsbhuldi'g'en. Hülsner, habhaft zu vxerdeW^D^<MM^ in Böhmen verhaftet, wo er b^i einem:Bapje; als Täglöhner beschäftrgt war. Es hat .sich indisch ein f'bestätigt,, dass-. W asser,mann zur Zeit dns MÖrdH^ifiM^ in ' Polna gewesen sein kann, da ex im iAUgehXeineuj^-.-Krjaiikenbause^...in * Y.eutsch-Brod an einem Brucftleiden darödederläg. . . .. , .:i'JosuaV p a.nn }/sollte am 26. September dem ..Ereisgenchte-jl-Kutfeiiberg . eingeliefert werden. Da sich 'aber unter dei^BeVölkerung 'eine namhafte Erregung bemerkbar’ machte,'; Wüid^ lron der Einlieferung des Verhafteten vprläuüg abgesehep^ " / .. . ' Salomon W a a.oe r'm.a y-n hat sich, in Auscha frei- . willig dem Gerichte!- gestellt, um — wie er an gibt — sein 'Alibi'zur Zeik des Mordes'naclizüweisen. . ,, Den- „Narodui Listy“ * zufolge hätte der städtische Rentmeister Herr G a zd a, ü&n den Steckbrief gegen Erbin a nn und W a s s e r p a h h karirite, auf der Strasse einen Mahn.- hepbrkt/* auf den die Personsbeschfeibung des Letzter 0U; passte, wprauf, der städtische Wachtmeister Laube in dem Hause des Realitäten Besitzers und: Viehhändlers L ö wy, yvöhin; sich ErBmann begebeh hatte, um dort zu übernachten, den ^Gesuchten fand und ihn und seine Gattin Hermijie verhaftete^nachdem er aus deren Documenten ersehen hatte, dass er es mit Josua Er b mann aus Trebitsch unA^mit.dessen;Weib zu thun hatte. Die „Narodni Listy“ erzählen weiters,, ein .Wachmann habe den Erb mann gefragt, ob e)' wisse, warum er verhaftet w.orden sei. Er bman,n sagte: ^Ich .weiss e.8 nicht; aber ich glaube wegen . der Geschichte.in JPolna.‘‘ „Warum?“ fragte der Wachmann.- — „Nup, vielleicht hat dieser Hülsner eine Geschichte gemacht,“ ,enwiderlia E rb m aji n.„. .Waren Sie.einmal in Polna?“ — „Ja, vor längerer Zeit. Ich werde mich ausweisen - können, wo' ich’überall war;“ —: „Wissen Sie etwas über den Mord in Pöltä?“*— „Ich weiss nichts,“ sagte Erbmaun Im Hutfutfcer des Verhaftetensoll sich eine Bestätigung über die Absendung von, Eieidern aus Polna nach Earlsbad befunden haben/ Diese Kleider sollen saisiert worden sein. Der Prinz von Homburg, und Moriz Hülsner. . . . den Trossknecht könnt’ ich, Den schle htestep» der Deine Pferde pflegt, Gehängt am Halse flehen : „Rette mich!“ Ach! Auf dein Wege, der mich zu Dir führte, Sah ich das Grab beim Schein der Fackeln öffnen, Das morgen mein Gebein umfangen .soll. Bestellt sind auf dem Markte schon die Fenster, Die auf das öde Schauspiel niedergeh’n . . . 0. Gottes Welt, o Mutter ist so schön Dass' mich nicht, fleh' ich, eh die Stunde schlägt. -Zu j'enen schwarzen Schatten niederst eigen! Mag-er doch sonst, wenn ich gefehlt, mich strafen, Mag er mich meiner Aemter doch entsetzen. Mit Cassation, wenn's das Gesetz so will, Mich aus dem Heer entfernen-: Gott des Himmels! Seit ich mein Grab sah, will ich nichts, als leben... Ein Held spricht das. Wohl nur der Held eines Theaterstückes, der aber aus dem Leben der Geschichte, wie aus dem Leben der Menschenseele vom* Dichter treu herausgebildet ist: Kleists „Prinzi v.on Homburg“’ den wir nächstens im Burgtheater, von Kai n-z dargestellt, wieder sehen sollen, und dessen Tragik, die Todesangst einer Heroennatur, in merkwürdiger Actualität, gerade jetzt dienlich sein mag zur Beleuchtung der Vorgänge in der Seele eines niedrigsten Individuums. Prinz Friedrich hat dem grossen Kurfürsten den entscheidenden Sieg cbei Fehrbellin erfochten, aber durch eine Subordinationswidrigkeit, durch eine eigenmächtige Action gegen die Schlachtenordre des .Kurfürsten, . und. dieser reicht dem Sieger den Lorbeer, bestellt aber zugleich das Kriegsgericht über ihn, welches lür die begangene Insubordination kein anderes Verdict hat und haben ■kann als den Todesspruch. Der wird auch gefällt — und nun, mit der .Schreckvision der auf ihn, den regungslos Dastehenden, gerichteten Gewehrläufe, des Todes ohne allen Widerstand,' der feigen Hinstreckung eines wehrlos Gemachten — nun überkommt ihn selbst eine jähe Feigheit, eine zusammenbrechende "Todesfurcht. Er, der im berauschenden Schlachtentaumel für Leben und vor Sterben nicht gezittert, überhaupt keine Seeuncle daran gedacht hatte — er schaudert in sich zusammen bei der Vorstellung, .mitten in einer sonnigen Lichtheit. des Daseins „ aus seinem jungen Lehen heraus in die Grabesnacht geschleudert zu werden, der natürliche Trieb der Lebenslust in ihm revoltiert gegen solche unnatürliche Vergewaltigung durch die „Unmenschlichkeit des Gesetzes“. Leben will er und nur leben und nichts als leben — und in dieser Sinnesverwirrung verzweifelnden Lebensdranges geräth er in das Ungeheuerliche, die schimpfliche Cassation ertragen zd wollen, . wenn er nur dadurch des Leben . errettet. Ein ans,chauernd grausamer und demüthigender Einblick, welchen , der Dichter da in die Tiefen; der menschlichen Creatur aufgerissen hat;— aber ein wahrer. , Nochmals, ein Held spricht das. Einer Heldenbrust, einem Heldensinne konnte der Dichter ein solches Aufgeben seines inneren, Selbst, eine solche Rücksichtslosigkeit des physischen Lebensbedürfnisses anzudichten wagen — weil es eben nichts An gedichtetes, ' weil es die brutale; für alle Menschenhoheit erniedrigende Wahrheit ist. Und nun denke, man sich einen Nicht beiden, ja nicht einmal ein Durchschnittsgeschöpf von alltäglicher Charakterbeschaffenheit, man denke sich einnn armseligen, verkommenen, versumpften Gesellen mit stumpfer Intelligenz und stumpfem Gefühle, der jählings den Galgen vor sich aufgerichtet sieht und, von thierischer Lebenslust gepackt, ihm entfliehen will — was für Verheerungen wird die Todesangst in diesem Jammerwesen anrichten, wie wird sie das schwache Glimmen der Vernunft auslöschen, die wirren Begriffe noch mehr verwirrep, aus den Dunkelheiten des getrübten Bewusstseins die groteskesten Phantome heraufbeschwören. Wenn so ein trauriges Individuum auch das Verbrechen nicht begangen hat, für das es nun vielleicht sterben soll, so ist es in der Todesverzweiflung imstande, jedwedes Verbrechen zu begehen, aus welchem ihm Lebenshoffnung winkt. Schlimmstenfalls ein paar andere an den Galgen bringen — was liegt daran — wenn nur e r ihm entgeht. Nur nicht sterben, nur;im Leben belassen werden, wenn’s auch im Gefängnisse wäre, . mit absehbarer Freiheitszeit. Das'war ja auch die Bewegkraft und die darnach sich qualificierende Beweiskraft der unter der Folter abgelegten Geständnisse und Enthüllungen — daher auch das Misstrauen aller erleuchteten Männer des Rechtes gegen Bekenntnisse, die unter solcher grimmen, alles durcheinanderwühlenden Verzweiflungsnothwehr der Lebensgier geschehen.

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