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Die Welt · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Article
Gerechtigkeit für Dreyfus
Date
1899-09-29
Page
9 (sequence 3)
Language
German
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»Die % Welt“ Seite 9 Nr;. 39 keit in der Dreyfus-Sache gesiegt hat. Daran kann keinerlei Urtheil mehr etwas ändern, wie es auch den Anbruch der Morgenröthe nicht hindern kann, wenn diejenigen vor ihrem Glanze die Augen schliessen, welche die Finsternis künden wollen. An Alfred Dreyfus. Vor wenigen Tagen brachten die Tagesblätter die Nachricht Ihrer Begnadigung. Mit der ganzen gesitteten Welt freuen wir uns, dass Sie Ihrer trauernden Familie wiedergegeben sind, und dass das Justizverbrechen, das man an Ihnen zu verüben suchte, Frankreich erspart wurde. Den Gnadenact betrachten wir als eine Manifestation des erwachenden französischen Gewissens und als ein Zeichen, dass Ihnen in absehbarer Zeit Ihr gutes Recht zu Th eil werden wird. Vor fünf Jahren, als die niederträchtige Anklage des Verratlies erhoben wurde, als das entsetzliche Drama begann, da riefen Sie aus: „Meine Religion ist mein Unglück". In der That, Ihr Verbrechen war, jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung zu sein. Sie wurden verurtheilt, weil in dem Lande, dem Sie Ihre Liebe geschenkt und dem Sie Ihre Existenz geweiht hatten, Ihre Waffengefährten in Ihnen nur den Juden, den Fremden sahen. Von Ihren Leiden tief ergriffen war das jüdische Volk, Ihr Volk. Es vergoss Thränen des Schmerzes über das Schicksal seines Sohnes, erblickte es doch in Ihrem Los ein Spiegelbild des eigenen. Der religiöse Fanatismus, die naiionale Intoleranz, stempelten Sie zum Verräther; dieselben finsteren Momente sind es, die aus den Söhnen Israels die Parias des Menschengeschlechtes machen. Ihnen versuchte die bürgerliche Justiz Ihr gutes Recht zu geben, für das jüdische Volk versucht dies der Zionismus. Wie der Verbannte von der Teufelsinsel zurückkehrte, um wie ein Mensch wieder unter Menschen seine unveräusserlichen Rechte zu gemessen, so soll das jüdische Volk aus der Diaspora in das Land seiner Väter zurückkehren, seinen eigenen Boden bebauen, gleichberechtigt und gleichgeachtet, wie die anderen Völker. Schon hat der Zionismus Erfolge zu verzeichnen — auf Ihrer einsamen Tnsel konnten Sie davon nichts erfahren. Ihre traurige Geschichte beschleunigte dessen Fortschritte. Die Bande der nationalen Zusammengehörigkeit sind aufs neue geschlungen, dem Phönix gleichend, der aus seiner Asche steigt, stieg auf den Ruf unserer Führer in uns das jüdische Nationalgefühl wieder auf. Die ersten Schritte sind geschehen, die dem jüdischen Volke seine ihm gebürende Stellung unter den Völkern verschaffen sollen. Die Edelsten und Besten unseres Volkes stehen an der Spitze der modernen jüdischen Nationalbewegung, die erhabensten Häupter der Christenheit unterstützen sie. Das jüdische Volk hofft auch auf Sie. Sie waren bis jetzt das Symbol seiner Leiden; seien Sie fortan das Symbol seiner Hoffnungen. Hochachtungsvoll D. E. Mülhausen, 1. September 1899. Der Mord in Polna. H ü 1 s n e r hat ein Geständnis abgelegt. Er hat dem Untersuchungsrichter zwei „Mitschuldige" bekanntgegeben, einen gewissen Josua Erbmann und einen Salomon Wassermann. Die zwei sollen die H r u z a ermordet haben, er, H ü 1 s n e r, sei nur Aufpasser gewesen. * Ueber das Geständnis Leopold Hülsners wurde officiell folgender Bericht ausgegeben, welcher bestätigt, dass Hülsner in seinen Angaben sich zu entlasten suchte. Das „Correspondenz-Bureau" meldet: „Nach an competenter Stelle eingelaufenen Informationen kann als authentisch gemeldet werden, dass Hülsner sich dem Untersuchungsrichter vorführen liess und diesem zwei Personen als die Mörder der Agnes Hruza bezeiehnete, und zwar den Josua Erbmann aus Trebitsch in Mähren und den Salomon Wassermann aus Windig-Jenikau, Bezirk Humpoletz in Böhmen. Hülsner für seine Person leugnet jede Mittäterschaft an der Ausführung des Mordes und gibt bloss zu, auf dem Thatorte mit dem Stocke den Aufpasser gemacht zu haben. Das k. k. Kreisgericht in Kuttenberg verfolgt die beiden von Hülsner beschuldigten Personen steckbrieflich. Nach den ausgegebenen Steckbriefen ist Erbmann im Jahre 1852 in Trebitsch geboren, mittelgross, hat ein rundes Gesicht, eine stumpfe Nase, schadhafte Zähne, rothen Vollbart, ist kahlköpfig, hinkt auf dem rechten Fusse, stützt sich beim Gehen auf einen Stock, er ist der deutschen und der czechischen Sprache mächtig und treibt sich in der Welt, von Bettelei lebend, herum. Wassermann ist 26 Jahre alt, grösser als mittelgross, hat einen schwarzen Schnurrbart, dunkle Haare, schwarze grosse Augen, eine krumme Nase, einen schwerfälligen Gang, ist ausgelernter Bäcker und treibt sich ebenfalls als Bettler in der Welt herum. * Der eine der angeblichen Mordgenossen des Hülsner, Erbmann, ist ein gebrechlicher, halbblinder Mensch, der sich nur mit Mühe fortbewegen kann. Er ist ein Gewohnheitsbettler, der nach Angabe von Trebitscher Ortsbewohnern, die ihn seit Jahren kennen, den Leuten immer als eine Art Gemeindetrottel zur Belustigung diente. Dass er einen Mord begangen haben soll, wollen diejenigen, die ihn kennen, schon deshalb nicht glauben, weil er sich immer ausserordentlich feige gezeigt hat und sogar als erwachsener Mann vor Kindern, die ihn beschimpften, davongelaufen ist. Er ist sehr unintelligent und kann weder lesen noch schreiben. Seit zehn Jahren gichtkrank und äusserst gebrechlich ist Erbmann seit zehn Jahren von Trebitsch abgängig. Dort hält man ihn einer Mordtat unfähig. Die Möglichkeit, dass Hülsner, bekanntlich ein Mensch von sehr geringer Intelligenz, aus Furcht vor einer seiner Meinung nach unmittelbar bevorstehenden Hinrichtung eine Mystification verübt hat, indem er die erwähnten Leute als Mitschuldige bezeiehnete, ist nach den jüngsten Nachrichten nicht ausgeschlossen. Eine Anzahl Kuttenberger Bürger, darunter die Geschworenen im Hülsner-Processe, hat beschlossen, für die Zustandebringung der Mitschuldigen des Hülsner einen namhaften Geldbetrag als Prämie auszusetzen. Der Schulknabe, welcher seinerzeit zuerst die Leiche der ermordeten Agnes Hruza im Brzezina-Walde auffand, erhielt von mehreren Bürgern eine goldene Busennadel mit einem Kreuze zum Geschenke. Das Kreisgericht in Kuttenberg hat eine neue Untersuchung, betreffend die Ermordung einer gewissen Klima angeordnet, welche vor einem Jahre angeblich in ähnlicher Weise, wie die Hruza, ermordet aufgefunden wurde. * Der „Boheraia" wird aus Warnsdorf berichtet: Der im Polnaer Mordprocess genannte Franz Wehr wurde be-

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