Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Article
- Gerechtigkeit für Dreyfus
- Date
- 1899-09-29
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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‘ Seife 8 „Die $ Während des heurigen Sommers führten mich Studienzwecke nach der Bretagne, die ich nach verschiedenen Richtungen durchkreuzte. Ich liehe dieses Land, dessen kahle, felsige Strandgegenden sich in einem ewigen Kampfe mit dem Meere befinden. Das ist eine traurige, verlassene Gegend, eine verbrannte, dürre Heide; mit Gestrüpp bewachsene Hügelabhänge. an deren felsigem Gestade seit Jahrtausenden die Wellen desOceans branden, sie zerreissen Felsen, Höhlungen < wie Wunden in ihren Leib grabend. Trotzdem aber ragen diese Felsen in regungsloser Erhabenheit, fest und unerschütterlich, wie im Mittelpunkte der historischen Zeiten die Wahrheit, die für einen Moment wohl verdunkelt werden kann, welche aber selbst die bis zum Himmel aufsteigende Hochflut der Lüge niemals hinwegzuschwemmen vermöchte. Hier bedeutet der Boden die Entbehrung, das Elend! Aus dieser „les landes“ genannten Heide wächst nichts als Ginster, jene kleine gelbe Blüte auf stacheligem Stengel, die den einzigen Schmuck der bretanischen Gestade bildet. Sie nimmt alle Felsabhänge ein, indem sie uns unaufhörlich an das Wort der Bibel von dem verfluchten Lande erinnert : — Dornen und Disteln wird Dir der Boden tragen, solange Du nicht zurückkehrst zum Staube, aus dem Du geschaffen bist. Den Reichthum, das Leben der Bevölkerung bildet hier der Ocean. Das Meer ist der Herr, das Meer ist alles! Das Meer ist es, welches dem armen bretanischen Fischer Brot gibt, der auf gebrechlicher Barke in den Kampf mit den Wellen hinauszieht und Tag für Tag mit denselben auf Tod und Leben ringt. Wie der Steinadler seinen Horst verlässt, obwohl er weiss, dass der Jäger auf ihn lauert, weil sonst seine flaumbedeckten Jungen verkommen müssten, so setzt doe bretanische Fischer bei jeder seiner Ausfahrten sein Lebn aufs Spiel, damit seine Kleinen nicht der Hunger tödte. Was für Helden sind diese einfachen Menschen von reinem Herzen, die ihr Haupt in dem vom Sturme gepeitschten Boote mit reinem Gewissen zur Ruhe neigen. Dieser Muth ist die wahre Seelenstärke, in welcher weder Ruhmsucht noch Eigennutz, sondern bloss die Selbstlosigkeit des Opfermutlies zu finden ist, die, wenn nothwendig, selbst bis zum Martyrium geht für die Familie, für die Kinder. * * * Ich war in Rennes und habe von Auge zu Auge jenen Mann mit dem traurigen, bleichen Gesichte gesehen, welchen der hierfür von seinen 0 olle gen verachtete Verth eidiger mit den Worten begrüsste: — Sie sind der grösste Märtyrer dieses Jahrhunderts. Ich sah ihn und auch ich hätte zu ihm hintreten, seine Hand an mein Herz drücken und zu ihm sagen mögen : — Bruder, ich beklage und bedauere Dich! Ich hin bloss hierher gekommen, um Dich zu sehen, und wenn Dir der Händedruck eines ehrlichen Mannes einen Trost bietet, lege Deine Hand in die meinige, und glaube mir, dass auch Du mir damit so viel gibst, als ich Dir damit zu geben wünschte! Das Leid eines gequälten Lebens ist in sein Antlitz gegraben, und dieses Leid verklärt selbst seine unsympathischer» Züge. Er stand da ruhig vor seinen Richtern; kein Zug regte sich in seinem Gesichte, als seine Ankläger mit niedergeschlagenen Augen und leiser Stimme ihre Aussagen gegen ihn machten. Als ob seine Seele nicht mehr auf dieser von der Lüge befleckten Erde geweilt hätte, sondern bloss seine Staubhülle sich rege, damit man ihn nicht für todt halte. Was galt ihm auch noch das Leben, der sich Welt“ Nr. 39 bereits an den Gedanken gewöhnt hatte, dass nur im Tode Trost sei! Nur in einem Worte fand die ganze Kraft seines Lebensinstinctes Ausdruck, welchen er aus den Leiden langer schmerzerfüllter Jahre condensiert hatte : — Mein Oberst, ich bin unschuldig! Bloss ein einzigesmal sah ich einen Funken aufspringen in seinen eingefallenen Augen, als Mercier seine Aussage mit den Worten schloss: — Wenn ich Sie für unschuldig hielte, würde ich es sagen! Bei diesen Worten sprang er von seinem Sitze auf, und ein heiserer, aber markerschütternder Schrei war es, der durch den Saal gellte: — Das müssen Sie auch thun! Das wäre Ihre Pflicht! Wenn die ganze Welt diesen Aufschrei gehört hätte, würde man heute nicht mehr über die Dreyfus-Affaire debattieren. Das furchtbare Wort hatte sich aus dem überquellenden Herzen des an Subordination gewöhnten Soldaten emporgerungen und mit Verachtung schleuderte ■er es Mercier, seinem Generale, in das Antlitz. Es war, als ob uns allen plötzlich eine kalte Hand ans Herz gegriffen hätte und als ob das zurückgedrängte Blut dann plötzlich wieder in unser Gesicht geströmt wäre. Das war eine mächtige Scene, von einer unsagbaren dramatischen und erschütternden Kraft. Es bedurfte Zeit, bis das Auditorium wieder zu sich selbst kam, dann aber war es, als ob die gedrückte Stimmung im Saale plötzlich gewichen wäre. Und wir alle fühlten, dass wir denselben Gedanken hatten: — Dieses Wort ist das, was wir erwartet haben! Diese Stimme ist es, welche die Lüge durchbricht, wie den Sonnenstrahl den schmutzigen Nebel. Das ist der Accent der Wahrheit! Dieser Augenblick hat mir seine Erinnerung auf ewig in die Seele gebrannt, und ich werde dieselbe vielleicht Zeit meines Lebens nicht mehr vergessen können. Ich sah aber auch die Wirkung dieses Aufschreis; ich sah das Wunder jener Confrontation, als das Antlitz des Angeklagten strahlte und sein Auge Blitze sprühte, während der ihn anklagende Zeuge mit gesenktem Auge ihm gegenüberstand und sein blutloses Antlitz in der Lüge erbleichte. Bei meiner Seele beschwöre iches und würde meine Hand dafür aufs Grucifix legen, dass, wenn ich Geschworener wäre, ich mit ruhigem Gewissen sagen würde: — Dieser Mensch spricht die Wahrheit, jener lügt. So helfe mir Gott! Wozu sok ich mich in Einzelheiten einlassen, da doch die Presse die ganze Welt mit erschöpfenden Berichten über diesen Process versieht? Ich muss mich bloss auf die Schilderung meiner eigenen Eindrücke beschränken, auf jene Wahrnehmungen, die ich mich bestrebte, in jenem Saale mit meinen geistigen Augen klar zu erfassen. Aus allem aber, was ich sah, wage ich mit ehrlichem und aufrichtigen Herzen zu sagen, dass es ein Stolz meines Lebens sein wird, dass ich, indem ich meine Dreyfus-Artikel in den vaterländischen Blättern veröffentlichte, für einen unschuldig leidenden Nebenmenschen öffentlich ein Glaubensbekenntnis der Wahrheit ablegte. Ich hätte es nicht gewagt, zu glauben, dass auch ich Augenzeuge des Ausganges dieses welterschütternden Dramas sein werde. Allein die Gnade der Vorsehung hat mir auch das zu erreichen gestattet, und dankbaren Herzens löse ich mein Versprechen ein, indem ich mich beeile, den Sieg der Gerechtigkeit zu constatieren. Ich thue dies noch vor Beendigung des Processes, denn in mir lebt kein Zweifel darüber, dass die Gerechtig-