Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Article
- Zionismus und Mitleid
- Date
- 1899-09-29
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die H Welt“ Nr. 39 „Der Zionismus ist eine Gefahr, denn er sucht Mitleid für die Juden zu erregen“. Also ist Mitleid mit den Juden eine Gefahr! Mit diesen armen Juden im europäischen Osten, auf denen ein unaussprechlicher Druck lastet, die kein Heim, keine Lebensfreude, kein Recht besitzen, mit diesen armen Juden darf ein germanischer Europäer, der sich als die „Blüte der Menschheit“ betrachtet — so sagte der quästionierte Sprecher auf dem Hamburger Antisemitentage — kein Mitleid haben. Gut denn, so sei das Mitleid aus der Reihe der menschlichen Regungen gestrichen, welche den Juden gegenüber gehegt werden dürfen. Zwar hat man allezeit geglaubt, das Mitleid gehöre zu den Untergründen der Menschlichkeit, in Kunst und Dichtung bildet das Mitleid eines der edelsten Motive der Humanität; der Philosoph Arthur Schopenhauer erhob sogar das Mitleid zum Centrum aller Weltanschauung. Doch wenn der Jude nun, weil er Jude ist, von alldem ausgeschlossen sein soll, was würde daraus folgen? Wir denken, die Antwort ist leicht. So muss er umso beharrlicher auf dem Rechte — wohlgemerkt: auf dem Rechte — zur ungehinderten Hebung seiner Kräfte bestehen, und das bedeutet, dass er in seinem nationalen und in seinem Heimatsgefühl, in seiner Volksseele, die Quellen seiner Existenz, zu suchen hat. Hält der Zionismus nicht gerade in diesem Sinne all seine Bestrebungen darauf gerichtet, die Juden zu einigen, sie zur Besinnung auf sich selbst zu drängen, ihnen zu zeigen, dass sie für sich nichts zu erwarten haben von den anderen und alles nur von ihrem eigenen Wollen und Können? Worin lag denn die traurige Unfruchtbarkeit der Assimilationsära, die mit so finsterer Enttäuschung geendet hat? Darin, dass für Recht genommen wurde, was doch nur Toleranz, für Sonnenschein, was Irrlichtglanz war? Und sagen wir es nur gerade heraus: Auch bei den anderen war eine unbewusste Begriffsverwechslung im Spiele. Sie meinten, den Juden ein Rocht zu bieten, und es war nur im allgemeinen Aufschwünge der Geister ein widerrufliches Geschenk des Mitleids. Dieses Geschenk begrüssten die Juden mit einer unbegrenzten Dankbarkeit, die leider bis zur charakterlosen Selbstenttäuschung sich verirrte. Da kam der Zionismus und rief: Haltet ein! Von diesem Momente gab es wieder ein sich selbst achtendes Judenthum, das etwas anderes beansprucht, als eine auf das Mitleid der Nichtjuden begründete Existenz. Die Toleranz ist im besten Falle das Product einer Stimmung, und zwar einer solchen „auf Kündigung“, die Juden können dies mit den blutigen Striemen bezeugen, die uns trotz der Assimilation nicht vorenthalten blieben. Und nun sollte der Zionismus eine Gefahr sein, weil er nur das Mitleid für die Juden erregen will? Für wen denn eine Gefahr? Er will ja nichts, als dass man die Juden zn ihrer geschichtlichen Ueberlieferung und zu ihrem Volksthum zurückkehren lasse, dass man ihren Versuch, sich zu ihrem eigenen Heile und ohne Schaden für die anderen selbst in ihrer Kraft zu bethätigen, die Förderung gewähre, die man auch den Samoanern und Tagalen nicht verweigert. Nein, Gefahr ist der Zionismus für niemanden! Und Mitleid mit dem Judenthum zu erregen, hat ihm wahrhaftig von Anfang an ferngelegen. Achtung für das Judenthum, Recht für das Judenthum, jawohl, das verlangt, darum kämpft der Zionismus. Nur das Mitleid von Juden mit Juden spricht er an, die Juden, die materieller Wohlfahrt sich erfreuen, möchte er — nicht etwa tributär für die armen Glaubens- und Volksgenossen des Ostens, nein, solidarisch mit ihnen möchte er sie machen. Leider kann er gerade in diesem Punkte sich noch nicht umfassender Erfolge rühmen; aber er wird nicht rasten, bis er ans Ziel kommt. Und allerdings, wo seine eigene Kraft nicht ausreicht, besorgen ändere sein Geschäft. Mit sich selbst, bedünkt uns, wird zunächst die Gultur Mitleid haben müssen, die es so herrlich weit gebracht hat. Dann mag auch der Moment kommen, in welchem der Zionismus die Würdigung findet, die er verdient. Dann wird er aber auch niemandem mehr als ein Gefahrbringer und als ein Mitleidswerber erscheinen. Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische Volk. Von Bernard Lazare. (Autorisierte Uebersetzung.) n. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche Vorstellung sich die gelehrten Talmudisten von den Quellen des Reichthums gemacht haben, und wie beschaffen ihr sociales Ideal war. Da das Werk der Rabbinen nur ein ausführlicher Commentar der Bibel war, so musste darin ebenfalls der Ackerbau als die wichtigste Angelegenheit erscheinen. „Ebenso“, sagt ein Midrasch, „wie Gott sich im Anfänge der Schöpfung mit der Anpflanzung des Gartens Eden beschäftigte, so muss die erste Sorge eines jeden Juden auf den Ackerbau gerichtet sein.“ Elf Tractate des Talmuds waren der Landwirtschaft gewidmet und bildeten eine Art Ruralcodex, den Seder Zeraim, und ein gefeierter Gesetzeslehrer, Rabbi E.l e a s a r, sagte: „Alle Menschen werden einst ihren Beruf verlassen, um sich dem Ackerbau zuzuwenden. *) Dieser Ausspruch legt aber bereits Zeugnis davon ab, dass in der talmudischen Epoche der Stand des Landwirtes nur mehr der Gegenstand lebhafter Sehnsucht war. Aus einem Volke, das ausschliesslich aus Hirten und Ackerbauern bestanden hatte, waren die Juden hauptsächlich ein Volk von Handwerkern geworden, und der sociale Geist der Talmudisten ist der einer Nation von Handarbeitern und Gelehrten. „Wer seinen Sohn nicht ein Handwerk erlernen lässt, lehrt ihn den Raub“, sagt Rabbi Jehuda Hakadosch. „Wer seinen Lebensunterhalt durch seiner Hände Arbeit gewinnt, ist grösser als der Gottesfürchtige“* sagt ein anderer Gelehrter. Man findet dijese Verherrlichung der manuellen Arbeit, welcher Art sie auch sei, auf jeder Seite des Talmuds. „Ehe Du müssig bleibst,“ heisst es dort, „suche lieber auf den öffentlichen Strassen das Aas zusammen, um Deinen Lebensunterhalt zu gewinnen, und wärest ..Du selbst Hoherpriester oder ein Mann von Rang.“ Selbst , der Gelehrte, der doch solche Ehre genoss, dass man sagte.: „Ein Gelehrter, und wäre er ein Bastard, hat den Vorrang vor dem Hohenpriester, der ein Ignorant ist“, selbst der Gelehrte durfte keinerlei Nutzen aus seiner Wissenschaft ziehen, sondern für ihn galt der Grundsatz des Rabbi Zadok: „Mache nicht aus der Thora eine Krone, mit der Du Dich schmückest und mit der Du grossthuest, und nicht ein Instrument des Gelderwerbs.**) Der Gelehrte musste ein Handwerk betreiben, denn er wusste wie Rabbi Gamaliel: „Wo sich mit der Thora keine andere Arbeit verbindet, da ist das ein verlorenes Wissen, das am Ende in sich zerfällt und zur Sünde führt.“ ** **) Alle die grossen Gelehrten waren auch wirklich Handwerker. Rabbi Schammai war ein Maurer, HiileLein Holzhauer, Rabbi Izchak ein Schmied, Rabbi Nehemia ein Töpfer, Rabbi Jochanan ein Schuster, Rabbi Pinchas ein Steinmetz. „Schrecke vor keiner Arbeit zurück,“ sagte Rabbi Akiba zu seinen Schülern, „zerlege, wenn es noththut, todtes Vieh auf öffentlichem Markte. Sage nicht: „Aber ich bin ja ein Gelehrter!“ Eben dieser Grundsatz der Talmudisten ist es, den der heilige Paulus, der Commentator des neuen Testaments befolgte, wenn er sagte: „Ihr wisset selbst, dass mir diese Hände für meine Bedürfnisse und für die, welche mit mir waren, gedient haben.“****) Später lebte Spinoza nach demselben Grundsätze. Immer beschäftigt mit philosophischen Betrachtungen über die Ewigkeit der Substanz, zog er doch niemals von seiner Metaphysik materiellen Vorth eil. Er wies die Geschenke *) Midrasch Rabba zu Leviticus. **) Pirk e Ab o th: IV. 7.... ***) Pirke Aboth: H. 2. ****) Apostelgeschichte XX. 34.