Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Article
Zionismus und Mitleid
Date
1899-09-29
Page
1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315836-3390819--14994-3390901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

--- ' .. Redaction Erscheint jeden Freitag. ,-+ Preise der Anzeigen: und Administration Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petitzeile WIEN an die Redaction oder Administration: Wien, IX., IX., Tiirkenstrasse Nr. 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. JL/ör iRSGFät611tll6li wird Dienstag abends geschlossen. Telephon 14199. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. ♦---- > Manuseripte nicht zurückgesendet. < >------ — » RjWllrfQnrßkfl' Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. 12 Kr., halbjährig B fl. 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- ÜG4UgojUuldCa land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Fr cs., halbjährig 8 Fr cs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 39 Wien, 29. September 1899. 3. Jahrgang 0^» Da Ende dieses Monats eine grössere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Zionismus und Mitleid. Von 0. Erter. In Hamburg wurde neulich der Parteitag der deutsch-socialen Reformpartei — id est der deutschen Antisemiten — abgehalten. Unter den sieben »Leitsätzen“, auf welche der Schriftsteller Giese sein Referat über die „Verjudung Deutschlands“ gründete, befanden sich zwei, die wir zu Nutz und Frommen nicht bloss unserer Gesinnungsgenossen, sondern namentlich auch aller Juden, welche abwehrend oder gleichgiltig dem Zionismus gegenüberstehen, niedriger hängen wollen. Der eine der beiden „Leitsätze“ verlangte die Ausscheidung des alten Testamentes aus dem christlichen Religionsunterrichte, der andere erklärte mit ausdrücklicher Bezugnahme auf den Zionismus, es sei leider nicht sicher, dass wirklich einmal alle Juden gegen Neu-Zion ziehen werden, dagegen würde die Vertretung der in Deutschland lebenden Juden durch eine staatsrechtlich anerkannte auswärtige Macht völlig unerträglich sein. Gegen den ersten dieser beiden „Leitsätze“ und die Discussion, welche sich an ihn knüpfte, haben die hervorragendsten deutschen Blätter, darunter sogar , die Berliner „Kreuzzeitung“, bereits entschieden Front gemacht. Es ist nämlich von den Rednern, die über ihn debattierten, soviel Widersinn und soviel Unflath zu Markte gebracht worden, dass für jeden gebildeten Deutschen, wie er auch sonst zur Judenfrage stehen mag, reichlicher Grund vorhanden ist, sich der Möglichkeit solcher Roheitsausbrüche um Deutschlands willen zu schämen. Wir könnten unsererseits es also dabei bewenden lassen und schweigend darüber hinweggehen, dass Abraham ein „Schweinhund“ genannt und Martin Luther einer sündhaften Unterlassung beschuldigt wurde, weil er es verabsäumt habe, das alte Testament zu beseitigen. Tatsächlich wollen wir auch nur in memoriam constatieren, dass der Judenhass bereits bis zur Vervehmung der Bibel gediehen ist. Ueberzeugender, als durch diesen Sturmlauf gegen das ehrwürdigste aller menschlichem Geislesdocumente kann der Beweis schwerlich geführt werden, dass die Juden immer wieder sich jeder Art von Unbill zu versehen haben und dass es ihnen absolut nichts nützt, durch demüthige Hinnahme der Fusstritte, die ihnen versetzt werden, sich entwürdigende Duldung zu erkaufen. Gelangen die Gebildeten in Deutschland zu dieser Gonclusion nicht, sondern zu der anderen, dass es für die deutsche Bildung tief beschämend ist, wenn sogar die Bibel von dem Unflath des Judenhasses nicht mehr verschont wird, so haben doch aber wir Juden — und zwar alle ohne Ausnahme —uns noch etwas Besonderes dabei zu merken. Das Besondere nämlich, dass wir nur hoffen dürfen, unser Geschick zu wenden, so wir in treuem Zusammenhalten und tapferem Bekennen uns selbst erringen, was wir zu rechtlich gesicherter Existenz und zu unangefochtenem, menschenwürdigem Dasein nicht entrathen können und nicht entrathen wollen. Und ist das Attentat gegen das Alte Testament — welches sich in der Hamburger Versammlung enthüllt hat — etwa noch nicht ausreichend, um diese Erkenntnis zu schärfen, so kann wahrlich die Art, wie auf dem Parteitage der Antisemiten der direct auf den Zionismus bezügliche „Leitsatz“ discutiert wurde, das Uebrige thun, um alle nichtzionistischen Juden auf den rechten Weg zu drängen. Wir sind, seitdem wir im Kampfe stehen, nicht mehr hypersensitiv, und wenn ein sicherer Müller oder Bindewald auf den Plan treten, um ihre bösartige Weisheit über den Zionismus auszukramen, so lässt uns dies kalt. Wir empfinden nicht einmal darüber Genugthuung, dass der Antisemitismus die zionistische Bewegung als eine Gefahr empfindet, denn unser Weg ist trotz Rennes und Polna vorgezeichnet, wir brauchen, da wir uns immer vor Illusionen gehütet haben, unseren Compass nicht zu ändern und hätten ihn auch nicht zu ändern gebraucht, wenn in Rennes und Polna andere Urtheile gefällt worden wären. Auf dem Hamburger Parteitage der Antisemiten ist aber ein Wort gesprochen worden, das gleichwohl näher beleuchtet zu werden verdient, weites, wie wir vermuthen, auch den Anschauungen mancher nichtantisemitischer Kreise entspricht, denen durch mangelnde Kenntnis unserer Bewegung der Blick getrübt ist. Dieses Wort lautet :

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.