Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Polna
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die & “Welt“ Seite 2 Nr. 38 Bildungsdurste vollgesogen hat und nun doch erkennen muss, dass ihm versagt wird, was er sich redlich verdient zu haben glaubte. Versagt, warum? Weil er Jude ist. Humanität, Gerechtigkeit, Wahrheit machen Halt bei dem Juden und sogar das Blutmärchen bleibt ihm wie ein grauenhafter Schatten auf den Fersen. Im Lyceums-Saale zu Rennes haben es Männer, wie Picquart, Freys läiter, Cordier, unverdächtige Zeugen, frei herausgesagt, dass auf Dreyfus der Verdacht der Hochverrathes sich lenkte, weil er Jude war, und im Gerichtssaale zu Kuttenberg durfte der Dr. Baxa ungehindert von dem Blute christlicher Jungfrauen sprechen, das eine »Secte“ sich durch Mord verschafft, während es sich darum handelte, das Urtheil über einen Juden zu finden, dem die Ermordung eines christlichen Mädchens zur Last gelegt war. Und immer noch sind die Juden nicht belehrt, dass sie vergebens darauf warten, ein Plätzchen in der Sonne der modernen Humanität und Givilisation zu erhalten? Wie weit sind sie denn damit gekommen, dass sie ihr Volksthum verleugneten, ihrer geschichtlichen Ueberlieferungen vergassen, die so ehrwürdig und geheiligt sind, sich äusserlich transformierten und innerlich verödeten? Haben sie darum aufgehört, die Fremdlinge zu sein in den Augen der anderen, unter denen sie leben? Es gibt nichts Beglückenderes als das Heimatsgefühl und gerade dieses haben die Juden in zwei Jahrtausenden sich nirgends ersitzen können; es gibt nichts Ertödtenderes als den Mangel des Heimatsgefühles und gerade diesen haben die Juden zu empfinden nicht aufhören dürfen in all der langen Leidenszeit, welche ilire Geschichte ist. Und sie leben dennoch fort und wundersam keimt in ihnen auf, was durch Jahrtausende verschüttet lag, die Sehnsucht nach der Erneuerung ihres Volksthums. Das ist ein strahlendes, historisches Phänomen, dessen Glanz durch die Erfahrungen von Rennes und Polna nur erhöht werden kann. Ja wohl, der Spruch der französischen Kriegsrichter und die Unausrottbarkeit des Blutmärchens sind nur demüthigend für die anderen; für die Juden sind sie ein neuer Ansporn, um Heimat und gesichertes Volksthum zu ringen. Die Wege, auf denen sie bisher gewandelt, waren Irrwege. Um aufzuhören, die Weltfremden zu sein, müssen sie sich ein Heim bestellen, und wo dieses Heim ist, steht auf den Blättern ihrer Geschichte geschrieben. Es wird kein Polna und kein Rennes mehr geben, wenn von den Juden der Fluch »unstet und flüchtig“ genommen ist, und nur sie selbst können ihn von sich abwälzen durch Arbeit, die sie für die Givilisation verrichten im Besitze ihres freien Volksthums, das einst den übrigen Völkern die Fahne der Givilisation vorangetragen hat. Die deutsch-französische Annäherung. Von Max Arara. Durch die Blätter gieng vor nicht allzulanger Zeit die Nachricht, dass in Berlin mit Befriedigung Act genommen würde, dass die französische Flottenliga, eine Privatgesellschaft zur Förderung der französischen Marine, beschlossen habe, ilire diesjährige Excursion ausser nach Rotterdam und Antwerpen auch nach deutschen Häfen zu richten. Die Liga würde Köln mit seinen neuen grossartigen Hafenanlagen besuchen, sodann Bremen und Hamburg bis zum Nord-Ostseecanal, und von hier aus zu Schiff nach Rotterdam gehen. Der Besuch würde als ein neues, wertvolles Symptom für das Nachlassen der jahrzehntelangen Spannung in den deutsch-französischen Beziehungen angesehen. Andere Anzeichen waren vorangegangen, wie der Besuch des Kaisers auf der »Iphigenie“, wie die gastfreie Aufnahme des französischen Avisos »Ibisin Geestemünde durch deutsche Marinekameraden. Andere folgten: der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Münster, der mit so vorsichtigem Takte diese Annäherung vermittelt hatte, wurde in den Fürstenstand erhoben. Es hatte den Anschein, als wollte durch die bekannten Ereignisse der allerjüngsten Zeit ein leichter Schatten auf diese Beziehungen lallen. Doch steht zu erwarten, dass die französische Regierung, die soeben durch die Begnadigung des Dreyfus ihre gegensätzliche Stellung gegenüber einer gewaltthätigen Soldateska klar zum Ausdruck gebracht hat, entstandene Dissonanzen wieder mählich auflösen wird. Diese Perspectiven mögen auch für den Zionismus von erheblicher Bedeutung sein. Zwar das, worauf er vornehmlich sein' Augenmerk richtete, das überaus herzliche Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland, mochte durch die französisch-deutsche Spannung niemals irgendwie berührt werden; es steht über alle diplomatischen Einflüsse erhaben da. Erst jüngst bei dem Unfälle, der der deutschen Kaiserin in Berchtesgaden zustiess, hatte sich der Sultan als einer der ersten telegraphisch nach dem Befinden der hohen Patientin erkundigt; und ein andermal liess der Sultan der deutschen Botschaft mittheilen, dass die Angrifte türkischer Blätter gegen das deutsche Project einer Bahn nach Belgrad ihn unangenehm berührt hätten und dass er Befehl gegeben habe, diese Angriffe einzustellen. Aber immerhin konnte es bei den Zionisten eine gewisse Beklemmung hervorrufen, als Frankreich den bis zur Rücksichtslosigkeit energischen Gonstans als Botschafter nach Gonstantinopel sandte. Denn gerade in Palästina und Syrien kommt ein alter, traditioneller, übrigens auch durch die Alliance israelite gestärkter Einfluss Frankreichs gar sehr in Frage. So kann es jetzt die Zionisten auch freudig berühren, wenn die Spannung zwischen Frankreich und Deutschland sich zu lösen scheint. Und diese Anzeichen friedlicherer Gesinnung zwischen den beiden Mächten reichen in ihrer Bedeutsamkeit noch weiter in die allgemeine Weltlage. Sie stehen in überwältigender Fülle da; auf allen Wegen kommen sie heran, und ohne dass man es ahnen konnte, bemerkt man plötzlich mit freudiger Ueberraschung, dass sie, wie die zahlreichen Symptome einer langsamen Gesundung den Kranken, wie der Zauber eines wunderbaren Sommermorgens den Dichter, alle Nationen mit der Stimmung süsser Friedseligkeit durchsetzt haben. Sie mögen in dieser Beziehung allenthalben eine weit grössere Wirkung thun, als die schmächtigen Ergebnisse der Haager Friedensconferenz. Zunächst können sich diese heiligen Hallen der internationalen Beziehungen, in denen man die Rache nicht mehr kennt, nur erheben über den lichten Wolken friedfertiger, sänftigender, innerer, nationaler Zustände. In Frankreich vollzieht sich ja auch eine entsprechende Entwicklung. Zwar aus Anlass des Dreyfus-Processes schreibt Roclxefort im „Intransigeant“; »Ist es möglich? Wegen dieses Scorpions? Wegen