Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Polna
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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<0... -.-.-—- ■"< Redaction > Erscheint jeden Freitag, < ► ♦ Preise der Anzeigen: lind Administration Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petitzeile WIEN an die Redaction oder Administration: Wien, IX., IX., Türkenstrasse Nr. 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Dör Inseratentheu wird Dienstag abends geschlossen. Telephon 14199. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. 4-:-< ► Manuscripte nicht zurückgesendet. , >-4 Rp7UrfG1W0ic0" Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl.== 12 Kr., halbjährig 3 ü. ----- 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- DuZillgopiDloCi land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England’ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Ct. Nr. 38 Wien, 22. September 1899. 3. Jahrgang BMT Da Ende dieses Monats eine grössere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Polna. Von 6. Marcus. Und wieder, unheimlich kurz nacheinander, hat die gepriesene Civilisation von heute eine schwere Demüthigung erfahren. In einem Gerichtssaale ist das blutige Gespenst des Ritualmordes aufgetaucht und es hat sich nicht verscheuchen lassen, sondern grinsend im Hintergründe gestanden, bis ein Todesurtheil gefällt war. Bevor das Jahrhundert zu Ende geht, das sich selbst so gern als ein Jahrhundert der Humanität und der Erkenntnis ansieht, will es sich in einem grossartigen Spiegelbilde erblicken. Die Pariser Weltausstellung soll Zeugnis geben von dem Fortschritte, den die Menschheit dem neunzehnten Jahrhundert zu danken hat. Wird in diesem Spiegelhilde auch die schauerliche Fratze zu sehen sein, die wie zu welthistorischem Hohne sich ebenfalls so ganz knapp vor dem Ausgange des Jahrhunderts eingestellt hat, um die Physiognomie desselben zu verzerren? Wir kritisieren das Urtheil des Schwurgerichtes von Kuttenberg nicht, wir sprechen auch nicht von der Anklagerede des Staatsanwaltes. Es scheint uns dies alles so klein und bedeutungslos im Vergleiche mit der Thatsache, dass das Blutmärchen im Gerichtssaale wieder aufgelebt ist. Und dass über einen Juden ein Todesurtheil verhängt wurde auf Grund von Indicien, welche nicht ausgesprochenermassen, aber deutlich genug mit der Voraussetzung eines Ritualmordes in Zusammenhang gebracht wurden. Kein Lustmord, kein Raubmord, kein Mord aus Rache oder Eifersucht; aber ein Mord, zur Osterzeit an einem christlichen Mädchen vollbracht, und der Angeschuldigte, wegen „Mitschuld" Verurtheilte ein Jude — wozu bedarf es da noch der Erinnerung an die entsetzliche Behauptung des Dr. Baxa, es gebe eine Secte, welche zu ihrem Osterfeste christliche Jungfrauen tödte und ihr Blut verwende, um den Zusammenhang zu ahnen zwischen dem Blutmärchen und der Stimmung, welche die Atmosphäre in dem Gerichtssaale von Kuttenberg inficierte? Fürwahr, es verlohnt die Mühe kaum, von neuern, wie es der Vertheidiger des Leopold Hilsner gethan, die Schmach zu beklagen, die der ganzen Menschheit angethan wird durch diese Erneuerung des Blutmärchens, dessen feierlicher Colporteur im Gerichtssaale zu sein sich ein czechischer Doctor und Politiker nicht für zu gut erachtete. 0, man spricht das Wort Ritualmord nicht mehr aus, wie es in halb vergangener Zeit noch mit gefälschtem wissenschaftlichem Beweiskram der Professor Rohling gethan hat! Dazu ist man seit der Erfahrung im Processe Tisza-Eszlar zu vorsichtig geworden. Aber das Wort thuts nicht; man macht. Andeutungen, man bedient sich versteckter Anspielungen, die viel vergiftender wirken als das Wort. Und so ist das schmähliche Gespenst doch wieder da — hic et ubique, wie der Geist von Hamlets Vater — und verwirrt die Köpfe und erhitzt die Gemüther bis zum Wahnwitz und zur Blindheit. Leben wir denn also trotz allem noch im Mittelalter? Die Frage ist leider nicht so paradox, wie es den Anschein hat, und einem Juden kann man sie gewiss nicht verargen angesichts der Zeichen, welche an der Wende des Jahrhunderts am Horizont stehen. Nur die. Formen haben sich geändert, nicht die Dinge. Und tiefer gerade deshalb als in vergangenen Zeitaltern empfindet der Jude die Härte seines Geschickes, weil er, endlich zugekssen zu den Quellen der fortschreitenden Civilisation, sich an ihnen mit seinem unersättlichen