Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Article
- Der Talmudbauer
- Date
- 1899-09-15
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 „Die $..-Welt“ Seite 15 lässt, so ist es, als ob er ihn zum Slrassenräuber erziehen würde.“. Der Vater lauschte den Einwendungen seines Sohnes nicht wie denen eines Gegners, im Gegentheil, ein gewisses Behagen breitete sich über seine Züge, er legte die Hand wie segnend auf das junge Haupt, schüttelte wohlgefällig den Kopf und sagte: „Fein, fein, mein Kind, Du wirst ein feiner Lerner. Weisst Du aber, wie es im Jehoschua heisst: ,Das Buch des Gesetzes weiche nie von Deinen Lippen1, wie kannst Du zu gleicher Zeit dem Gesetze dienen und der Welt obliegen, der Arbeit? Jetzt wirst Du hämmern, jetzt klopfen, jetzt schneiden, dreschen, und fürs Gesetz bleibt Dir nichts. Wenn wir getreu den göttlichen Vorschriften leben und immer seine Lehre verbreiten, dann werden wir vom Himmel Reichthum und Ueberfluss empfangen, es wird sich immer jemand finden, der für uns arbeitet.“ „Das sagte Rabbi Simon ben Jochai,“ warf der Sohn ein. Rabbi Ismael aber entgegnete ihm: „Das heilige Gesetz stellt auch Gebote für die Arbeit, für die Gewerbe, für den Ackerbau auf; wenn man nur das Gottesstudium betreiben soll, wozu die Gesetze für die Arbeit? Es folgt daraus, dass das Gesetzesstudium sich der Arbeit anschmiegen, dass man beide vereinen muss. Ünd weisst Du, Vater, wie es im Talmud Berachot dann heisst? Wir haben Beispiele von vielen, die dem Rathe des ben Jochai folgen und sich ganz den heiligen Studien hingeben wollten, aber sie kamen nicht zum guten Ziele; viele andere dagegen befolgten den Rath Ismaels und kamen zum guten Ziele.“ * Reb Joines Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit: „Fein, fein, mein Sohn, fein! Mit Dir kommt man nicht auf, Du weisst was Du lernst!“ „Dann seid Ihr einverstanden, Vater, dass ich...“ „Was einverstanden, dass Du...“ „Dass ich mich an Rabbi Ismael halte.“ „Und . . „Dass ich ein Handwerk lerne?“ Reb Joine sprang auf. „Das ist nicht dein Ernst, mein Kind! Du willst mich, Deinen, alten Vater, auf die Probe stellen!“ „Es ist mein Ernst, Vater, ich möchte arbeiten, ich möchte Geld verdienen, für Dich und für die Mutter, dass Ihr nicht immer warten müsst, bis die fremden Leute Euch etwas zutheilen. Du weisst, wie es im Sanhedrin heisst: ,Sieben Jahre währte die Hungersnoth, aber in die Häuser der Handwerker trat sie nie ein;, und dann finden wir im Berachot: ,Gross ist der Wert des Handwerks, es ehrt die, die sich ihm widmen.“ Aber der Alte hörte nicht mehr die weisen Talmudsprüche, er starrte entsetzt nach dem Sohne. „Ghajim, bin ich deshalb aus dem Golus weg, hal/ ich deshalb Deine Mutter und mich jahrelang gepeinigt und gequält, damit Du ein Handwerker wirst, Du, mein Sohn, mein einziges Kind! Willst Du vielleicht in die Allianzshule hinaus, zu den Sephardin, sund dort, wo keine Gottesfurcht ist, bei diesen Weitlingen, bei diesen Spöttern lernen, ein Hufschmied zu sein? Oder willst Du die Steine klopfen wie die armseligen Yemeniten? Oder willst Du gar Dich hinsetzen und auf der Strasse den türkischen Soldaten die Schuhe flicken gleich den hungernden Marokkanern?“ „Aber Vater, sind denn die Sephardim nicht so gut Juden als wir, und sind die armen Yemeniten und Marokkaner nicht auch unsere Brüder?“ „Und; ich sage Dir, mein Sohn, Du bringst mich ins Grab, wenn Du nicht bei der Gotteslehre bleibst. Es muss Handwerker geben oder, wie es im Talmud heisst: „Es muss Gerber geben und es muss Erzeuger von Wohlgerüchen geben,“ aber es steht auch geschrieben: „Wohl dem, dessen Vater ein feines Gewerbe treibt“. Ich bin ein Gottesgelehrter, und Du, mein Sohn, wirst auch ein Gottesgelehrter werden. Unser Elend kann nicht mehr lange dauern, „ein Stern wird aufgehen in Jacob,“ der Messias wird kommen, er wird die ganze Welt erlösen, die Heiden werden sich bekehren, und die Christen werden endlich erkennen, dass wir unschuldig sind an dem Tode ihres Lehrers; unser Tempel wird sich in die Lüfte erheben, das „Höre, Israel“ wird stolz erklingen von den Burgen und Zinnen Judäas und Galiläas, und zu den Weisen in Israel, „die mehr sind als Propheten, und die den Königen und Hohenpriestern vorangehen,“ wirst Du gehören, liebes Kind! Hungere und dulde, aber steige nicht herab von der hohen Stelle, auf die unsere Wissenschaft und die Lehre Gottes Dich gebracht haben!“ Der Alte hatte in grosser Aufregung gesprochen, die sich bis zur Ekstase steigerte. Ghajim mochte nicht antworten — so dass eine lange Pause entstand. In demselben Augenblicke stürzten ohne Gruss, aufgeregt und hastig durcheinander spiechend, einige Männer in die Stube, der kleine Rothhaarige aus dem Beth Hamidrasch an ihrer Spitze. Unwillig erhob sich Reb Joine, der immer die Form gewahrt wissen wollte. „Gesegnet sei der Kommende“, sprach er die Leute an, sie waren jedoch zu erregt, um die Verwarnung zu verstehen. „Chillul haschem! — Gotteslästerung!“ schrien sie wirr durcheinander. „Bele Winzeies, Ihr wisst ja, die drüben wohnt im Beth Jakow auf der Jaffastrasse, sie ist in das Missionsspital gegangen, trotzdem der Cherem (Bann) darauf liegt; jetzt ist sie todt, jetzt bringen sie sie auf unseren guten Ort! Es ist der Cherem auf ihr, wir dulden nicht, dass sie begraben wird in der Nähe unserer heiligen Propheten, in der Nähe des Zacharias und Absaloms, des Sohnes David!“ „Was wollt Ihr thun?“ warf Reb Joine ein. Ein schlanker Bursche, etwa im Alter Ghajims, dem auffallend lange, blonde Schläfenlocken über das Gesicht bis zum Kinn herabfielen, rief: „Nicht zugeben werden wir, dass man sie dort begräbt, steinigen werden wir die, die dort ein Grab machen für die Abtrünnige! Unser Kollel ist schon hingegangen, wir verlangen, dass auch Ihr hinkommt!“ Im grossen Hofe des Hospizes hörte man aufgeregte Stimmen durcheinander: „Ja steinigt sie, die Sünder!“ Dazwischen eine beruhigende Stimme, der man es au hörte, dass sie des Befehlens gewohnt sei. „Doctor Rapp, Doctor Rapp, er soll reden! „Wenn ich sprechen soll,“ scholl es durch die Thüre, „dann ist meine Rede Bitte um Frieden. Was fällt Euch ein, vergesst Ihr, dass sie ein Judenweib gewesen ist?“ „Wer weiss, vielleicht ist sie schon getauft worden!“ „Wenn sie getauft wäre, würden die Engländer sie nicht herausgeben und am jüdischen Friedhofe begraben lassen!“ „Nein, nein, nein, steinigt sie, steinigt sie!“ schrie es wild durcheinander. Reb Joine öffnete die Thüre und gieng auf den Arzt zu. Dieser schien sehr erfreut, ihn und Ghajim zu sehen, dem er rasch zurief: „Das Kind ist gerettet, gelobt sei Gott, ich hoffe es wenigstens“. Er meinte das Mädchen, das der junge Mann ihm gebracht hatte. Der stattliche Mann mit dem vollen Gesichte und dem spärlichen dunkelbraunen Barte fand trotz der Aufregung noch Zeit, an seine kleine Patientin zu denken, dann aber nahm er Reb Joine zur Seite.