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Die Welt · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Article
Der moderne Künstler in seiner Stellung zur nationalen Geschichte
Date
1899-09-15
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die $ Welt** Nr. 3Z der K ünstler nicht nothweirdig hat, sofort mit wuchtigem Gegenstand auf uns einzudmigen, er kann uns auch spielend besiegen. Von selbst schon leitet ihn die Kunst zum Ernst hinüber. Da hängt es denn von seiner eigenen Kraft ab und von den Bedingungen der Welt, in der er lebt, was für Werke er auch dem Inhalt nach bildet, welchen Stempel er der Kunst aufdrückt. Im classischen Alterthum sehen wir das Schöne in inniger Verschmelzung mit dem ganzen Lebensinhalt eines Volkes: so zeigt in nationalem Rahmen die Kunst eine herrliche Harmonie. In neuerer Zeit dagegen, da sich Momente von mehr allgemeiner Natur dem Schönen zugesellen und der Inhalt des Lebens nicht so eigenthümlich national ist, geht die Harmonie zwischen Inhalt und Form zum Theil verloren, aber die Kunst gewinnt an Bedeutung: sie wird mehr universal. Die moderne Welt ist umfassender, reicher, als die antike, aber sie ist auch reicher an Gegensätzen. Der Hellene konnte, für die Zeit wenigstens, die hier in Betracht kommt, Aufschluss übers Leben bei seiner Nation finden, so wie er an seiner Nation Anschluss fand fürs Leben. Da konnte sogar noch der Künstler, der so besondere Wege zu wandeln liebte, der Repräsentant sein eines ganzen Volkes. Das Leben sich zu erklären und es für die Gesammtheit auch zu begründen, sieht sich der moderne Mensch nicht etwa einer einzigen Nation, sondern einer Vielheit von Nationen, der Welt, gegenüber. So ist denn auch der Künstler heute mehr der Sprecher der Menschen undVölker, als der Sprecher eines Volkes. Aber das Universale verdiente seinen Namen nicht, wenn darin irgend ein Moment fehlte, soferne es von Wichtigkeit ist. Wie in der durchaus nationalen Kunst der Hellenen auch sicherlich was Universales, allgemein Bedeutendes zu finden ist, so wird in der modernen Kunst, die mehr universal ist, das Moment des Nationalen mitenthalten sein. Nur so durchgängig national, wie sie bei den Griechen gewesen ist, kann unsere Kunst nimmer werden, aber so, wie sie ist, kann sie in bestem Sinne auch national sein. Und zwar dem Inhalt, wie der Form nach. Denn es richte sich das Streben des modernsten Künstlers auf das Allgemeine; er habe es mit einem Gegenstand zu thun, so bedeutend, dass nicht diese oder jene Nation, sondern das Geschlecht des Menschen überhaupt davon betroffen wird, — was er künstlerisch darstellen will, dafür muss er recht besondere, besonders nationale Mittel in Anwendung bringen. Wohl kann er die Gestalten, die er uns vorführt, aus blosser Einbildungskraft schaffen, aber sie werden umsomehr Leben athmen, je klarer es wird, dass sie einer bestimmten Nation angehören, und die Sprache, die er sie reden lässt — wenn er Dichter ist — wird ja die Sprache des Volkes sein, dem er selber angehört. Gerade dies macht ja der Worte Kraft und Schönheit und, dass sie Zeugnis geben vom lebendigen Geist eines Volkes. Der Begriff der Nation ist auch für die Gegenwart der todte Begriff nicht, den man bei allzu heissblütigem Umfassen der Welt mitunter aus ihm machen möchte. „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt", — ja, ja; aber dieses Umschlingen und dieser Kuss wird in nationaler Form gegeben, verräth eine gewisse nationale Art, ist deutsch, wie man sagt. Und man bedenke : ein Volk ist nicht von gestern und ehegestern es hat eine Vergangenheit, hat einen langen Weg, eine lange Geschichte hinter sich. Und hat eine Erinnerung daran bewahrt, eine Ueberlieferung davon im Geist wie im Leben noch der Gegenwart. (Schluss folgt.) Tribüne. Sehr geehrter Herr Redacteur! Ich halte mich für verpflichtet, den Zionisten in aller Welt eine Erkärung abzugeben, und bitte Sie, dieselbe in Ihrem geschätzten Blatte zum Ausdruck zu bringen. Die Erklärung soll meine Antwort auf die vielgehörte Frage sein warum ich die Idee der Cypern- Colonisation vor den Gongress gebracht habe, dessen Stimmung der Frage gegenüber mir bekannt sein musste. Meine Antwort ist diese:. Ich befand mich in der Lage des Arztes, der ein neues Heilmittel gefunden hat, und der daher die Verpflichtung hat, die Kenntnis davon zu verbreiten, damit den Kranken geholfen werden könne. Die Krankheit, für welche mein Mittel geeignet ist, das ist die. Judennoth. Und an der Krankheit Judennoth verliert das Judenthum in nationaler wie in religiöser Beziehung Hunderttausend jedes Jahr. (Wanderung nach dem Westen ist gleich Zerstreuung.) Und da die Krankheit so wüthet, hatte ich kein Recht, mein Mittel (dessen Nützlichkeit erwiesen scheint) geheim zu halten, weil da andere Aerzte einem besseren Mittel — so sagen sie — auf der Spur sind. Denn sie sind erst auf der Spur — ich bin sogar überzeugt, dass sie auf dem besten Wege sind. — Aber fragt man sie: „Wann werdet Ihr beginnen zu heilen?" so antworten sie: „Habet Geduld! Wir sind auf bestem Wege — vielleicht in wenigen Jahren schon . ..“ Vielleicht in wenigen Jahren schon! — Aber jedes dieser — vielleicht nur wenigen — Jahre bringt uns einen neuen Verlust von Hunderttausend!- Dürfte ich da warten, wenn ich für diese eine Hilfe wusste? Dabei sind die beiden Mittel gegen die Judennoth — meines und das erstrebte der anderen — einander recht ähnlich, und die Erfahrungen mit dem meinigen werden zweifellos den anderen zugute kommen. Die Anwendung meines Mit tels kann sogar zur verhältnismässig mühelosen Erreichung des anderen führen. Und sicherlich werden die anderen Aerzte, die schon auf dem besten Wege sind, ihre Anstrengungen verdoppeln und schneller ihre Arbeit zu Ende bringen. Ich durfte also mein Heilmittel nicht länger den Kranken vorenthalten — es musste vor die Oeffentlichkeit — Ja, aber warum vor die Oeffentlichkeit des Gongresses? Nun, jeder Arzt spricht yon seinen Erfahrungen und Entdeckungen, dem Kreise von Mitärzten zuerst, dem er selbst angehört — und dann erst aller Welt. Im übrigen habe ich meine Idee auch den anderen jüdischen Factoren, so weit sie mir erreichbar waren, mitgetheilt. Auch ein anderer, ganz unmedicinischer Beweggrund zwang mich zu meinem so viel missverstandenen Schritte: Es erscheint mir als gesichert, dass bis zum nächsten Gongress jüdische Golonien auf Cypern sein werden; — Inzwischen wird auch die öffentliche Meinung sich zugunsten meines Projectes geändert haben. Hätte ich dann von der Sache geschwiegen, so hätte ich damit den Argwohn und die Gegnerschaft derer erregt, die es nicht verstehen können, dass jemand — ausser Ihnen selbst, natürlich — aus lauteren und unpersönlichen Motiven für eine Sache eintritt. Ein wichtiger Theil des grös serenPalästina war Cypern, und wird es wieder sein. Hatte ich das Recht, aus der Cyperncolonisation, diy durch ihre sofortige Ausführbarkeit den ersten praktischen Erfolg derjüdisch-nationalenBewegung

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