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Die Welt · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Article
Der moderne Künstler in seiner Stellung zur nationalen Geschichte
Date
1899-09-15
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 37 „Die $ Weit« Seite 5 doch, wie vor der Macht des Schönen die Schranken der Völker fallen und wie die Ferne der Zeiten illusorisch wird. Die Sonne Homers und seine Gestalten leuchten auch uns, die wir keine Griechen sind; und die Völker, die sich politisch bekriegen, tauschen gegenseitig die Kunst aus und lassen sie bei sich zuhause recht heimisch werden. Je spätere Zeiten wir ins Auge fassen, je näher zumal wir der Gegenwart kommen, desto umfassender erweist sich die Wirkung der Kunst auf die Gemüther der Menschen. Immer mehr enthüllt sich die universale Natur des Schönen. Dies wird besonders deutlich, wenn man auf das nationale Moment in der Kunst sieht, wenn man die Stellung beachtet, die heute der Künstler zu seiner Nation einnimmt, zum nationalen Heben, zur nationalen Geschichte. Begeben wir uns auf das Gebiet der Dichtkunst, um das zugänglichste zu berühren, so wird man bald einsehen, dass die modernen Schöpfungen in viel geringerem Masse nationales Gepräge haben, als in älteren Zeiten, zumal in jener Zeit und bei jenem Volke, von dem wir Kunst und Kunstanschauung zumeist entlehnt haben. Sophokles ist unter den Griechen mit viel mehr Recht ein nationaler Dichter zu nennen, als Goethe unter den Deutschen. Goethe ist auch national, Sophokles ist es durchweg. Man würde bei so mancher Dichtung unserer Zeit nicht leicht erkennen, unter welchem Volke sie entstanden ist, redete uns von ihrer Abkunft nicht die. Sprache und der Name ihres Autors. Aus welchem Werke hellenischer Dichtkunst aber leuchtete nicht sehr bald der nationale Geist hervor? Der griechische Dichter spiegelt eben die Welt seines Volkes ab. Mag er mit den Ueberlieferun-gen, Sagen, Erzählungen noch so frei schalten, immer beruht er auf dem Boden nationalen Inhaltes. So hoch ihn auch die Phantasie und die Kraft eigenen Denkens tragen mag, zuletzt zeigt er uns stets den Horizont umschlossen von griechischen Heroen und griechischen Göttern. Sie sind es, die den Knoten seiner Dichtungen lösen, die Freuden und Leiden der Sterblichen abwägen, bedenken und entscheiden. Wohl waltet nach einer letzten hellenischen Vorstellung auch über den Göttern noch ein unabänderliches Geschick; aber diese von einer späteren Denkweise zubenannte „Nothwendigkeit ewiger, eherner Gesetze“ vermag die Welt des Hellenen nicht zu entgöttern. Wenigstens nicht die Welt des hellenischen Künstlers. Wenn dann freilich auch in ihm immer stärkere Zweifel sich regen über die Götter, über den Ursprung der Dinge, so scheut er nicht zurück, auch dieser schwankenden Ansicht aufrichtigen Ausdruck zu geben, aber nach wie vor schlingt sich das Band zwischen dem Menschen und der Gottheit durch seine Schöpfungen fort. Es bleibt dann dem besonderen Stand der Philosophen Vorbehalten, das Werk des Göttersturzes fortzusetzen. Und als dies nicht rasch und gründlich genug vor sich gehen will, so kommen, wie man weiss, auswärtige Mächte hinzu, politische und geistige, und führen die Sache zu Ende. Aber solange der griechische Künstler auf freiem Boden zu einem freien Volke spricht, bleibt das Leben, wie er es im Bilde einzelner Gestalten oder der Gesammtheit zeichnet, stets innig verbunden mit durchaus nationalen Eigentümlichkeiten, als deren letzter Ausdruck die religiösen Vorstellungen gelten können. Hinter jeder Erscheinung in der Natur und im Leben steht leuchtend ein Götterbild. Dies ist die Grundanschauung des Hellenen, dies spricht aus der Seele des hellenischen Künstlers, aus einem jeden seiner Kunstwerke. Und dies ist im Hinblick auf das hellenische Volk und im Sinne der hellenischen Kunst national. Versuchen wir nun das Nationale in der späteren Kunst und in der Kunst der Gegenwart zu präcisieren. Wir reden ja von einer deutschen, französischen, englischen Kunst; aber diese Unterscheidung geht in der Regel mehr auf äussere Momente. Sie bezeichnet die politische Besonderheit, den Stammesunterschied; nicht aber drückt sich darin, oder nur selten, ein wesentliches Merkmal der Kunst aus. Die griechische Kunst konnte ihrem ganzen Umfange nach national sein; denn was sie in die Erscheinung stellte, war ja der Ausdruck des Volksbewusstseins, war ein besonderer Lebensinhalt, mit dem der Hellene vertraut war, mit dem er sich in Uebereinstimmung wusste. Die moderne Kunst kann nicht so exclusiv-national sein: bei keinem einzigen Volke; weil der Inhalt, den sie darstellt, schon an sich über den Rahmen des Nationalen sie hinausweist. Es ist freilich nicht zu vergessen, dass der Ursprung von dem, was wir, im Gegensatz zur Antike, modern nennen, in recht entlegener Zeit zu suchen ist. Aber gleichviel, wann: es ist das Ergebnis geschichtlicher Entwicklung, dass die Völker heute nicht so abgesondert dastehen, ein jedes mit einer besonderen Welt für sich; es sind gar manche Mächte wirksam, die eine gemeinsame Stimmung erzeugen, eine ähnliche Grundlage bilden fürs Leben aller. Das Erbe der Vergangenheit, festgehalten im historischen Bewusstsein der Gegenwart, die Religion des Jüdenthums, dazu die Philosophie und die Wissenschaft der neueren Zeiten, — das sind Elemente, die den europäischen Culturvölkern gemeineigen sind. Wie nun in ihnen, so äussert sich auch in der Kunst, die von ihrer Einwirkung nicht unberührt bleiben kann, sehr deutlich ein universelles Moment. Man darf wohl sagen: es bereitet sich für die Kunst im allgemeinen ein Zustand vor, wie ihn für die Poesie Goethe in seinem Traum einer Weltliteratur geträumt hat. Immer mehr kommt das Allgemein-Menschliche zum Ausdruck, nicht in den Formen starrer Typik wiederkehrend, sondern in lebensvollen Gestalten ungemein zart individualisiert. Die bildende Kraft des Künstlers steht in schönem Ebenmass zur Grösse des Gegenstandes. Denn selbstverständlich bleibt das Moment des Schönen das wichtigste in der Kunst. Vom Schönen gebt der erste Eindruck aus. Wohl regt sich unser Interesse auch für anderes: wir wollen wissen, welcher Nation der Künstler angehört, der uns soeben mit einem Kunstwerke beschenkt hat, wollen die näheren Bedingungen kennen, unter welchen er es geschaffen hat Und bei einiger Geduld und Ausdauer wird uns auch schon die Bedeutung des dargestellten Gegenstandes klar werden. Aber vor allem wirkt ein Kunstwerk durch die Form. Sie ist es, die den Künstler als solchen legitimiert und was er auch vorführe, adelt. Auf ihr beruht das wesentlichste Moment der Kunst. In der Prägung der Form besteht die eigentliche Macht des Künstlers. Was gilt dem Moment des Schönen gegenüber jedwedes andere? Wenig, zunächst sehr wenig. Es sind für den Künstler Zeiten vorhanden, wo die Lust des Schaffens in ihm so gross ist, dass er, ohne erst lange zu überdenken, ergreift und gestaltet, was der Augenblick ihm in den Wurf legt. Wie es, mit Cervantes zu reden, dem Himmel eignet Sterne zu haben, so eignet es der Künstlerseele in Schönheit zu leuchten. Und es ist nichts so gering in der Welt, das der Künstler nicht könnte in wunderbarem Lichte strahlen lassen. Gestehen wir es nur ein : wir finden Gefallen auch am Unbedeutenden; wir lassen uns vom Künstler zu Nichtigem, zu allem verführen. Es ist der Zauber des Schönen, dem wir erliegen. Man sehe nur, wie sonderbar! Welche Freiheiten der Künstler sich uns gegenüber herausnehmen darf, gleich bei der ersten Begegnung. Wir gehen durchs Leben, beladen mit Sorgen und Pflichten. Von dem persönlichsten nicht zu reden,'was alles verlangt nicht die Zeit von uns, diese so ernste Zeit. Und nun kommt dieser Mensch, Künstler nennt er sich, und malt uns vor, in Bildern, in Worten, irgend was. Es betrifft ganz und gar nicht die Sorgen und betrifft nicht die Pflichten gegen die Zeit, überhaupt nichts Ernstes. Und weiss der Himmel, wir fühlen bei diesen Bildern und Worten den Druck von unserer Seele weichen, fühlen uns frei. So wirkt das Schöne, bloss weil es schön ist. Unsere Empfänglichkeit für so vieles Flüchtige in der Kunst zeigt deutlich genug, dass es

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