Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Article
- Fünf gegen Zwei
- Date
- 1899-09-15
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 Seite 2 „Die s^Welt“ nicht antisemitisch erkrankt sind- Danach waren auch die .Gonclusionen, die man aus dem Urtheilsspruche zog. In Berlin und Rom, in London und Nevv-York war es nur ein Schrei der Entrüstung. Wenigstens konnten wir in denselben Blättern, welche zuerst ihrem Erstaunen über ungerechte. Behandlung eines Juden, dann ihrer Zuversicht auf den Freispruch Ausdruck gegeben hatten, lesen, dass ganz Europa nebst Asien und Polynesien über die von uns vorhin erwähnte Entdeckung sehr entrüstet sei. Auch ein Zeitungscorrespondent kann sich Illusionen hingeben, er kann sie sogar telegraphisch weiter verbreiten. Nehmen wir aber an, dass diese gutgemeinten Schilderungen auf keinem Irrthum beruhen; was geben sie mehr wieder, als die Stimmung eines Augenblicks? Man bedenke doch, was vorgefallen ist. Nach * fünf Jahren der äussersten Qualen wird der Unschuldige durch dreissig blutige Gerichtstage geschleift, kein Schatten eines Beweises wird gegen ihn erbracht, die Ehrenmänner fremder Regierungen zeugen für seine Schuldlosigkeit — und man verurtheilt ihn doch. Ist es da ein Wunder, wenn alle Welt ein Wort des Unwillens findet? Wenn man ein Thier so vor aller Augen quälte, würde da nicht auch ein Schrei des Entsetzens aus der Menge aufsteigen? So und nicht anders ist die Stimmung für Dreyfus in den nichtfranzösischen Ländern einzuschätzen, vorausgesetzt, dass sie wirklich den günstigen Umfang hat, den manche Juden eher mit ihren Wünschen als mit ihren Augen constatieren. Wenn wir unsere Meinung in ein Wort . zusammendrängen sollen, möchten wir sagen: Die - Ungerechtigkeit, die an Dreyfus begangen wurde, ist so gross, dass man vergisst, einen Juden vor sich zu haben. Wer mehr aus der „allgemeinen Entrüstung“ herauslesen kann, ist ein grösser Künstler. Und ist sie wirklich so allgemein, auch ausserhalb Frankreichs? Fünf gegen zwei haben ihn dort verurtheilt. Ist das Stimmenverhältnis dem Juden irgend anderswo günstiger? Wer ist so blind und verbohrt, so unvertraut mit dem Leben, so verrannt in alte Irrthümer, dass er glaubt, anderswo wäre das Verhältnis* besser? Und jene Sieben, die man nur als von ihren Vorgesetzten beeinflusst darstellt, sie standen thatsächlich unter einer furchtbaren Controle der öffentlichenMeinung; jede ihrer Mienen und Aeusserungen wurde geprüft und gerichtet, bevor sie selber richteten. Sie mussten ihren Spruch auf Zeugen, wenn auch auf lügende, auf Beweise, wenn auch auf gefälschte, stützen. Diese Lügner, diese Fälschungen, waren noch ein Tribut, den sie der Oeffentlichkeit entrichten mussten. Aber wie . ist es bei den Sprüchen, Urtheileo und Vorurtheilen, die, täglich überall, in der Stille über den Juden gefallt werden? Wagt. Jemand .. zu behaupten, dass von sieben Leuten zwei,für den Juden sind, ,,ja auch nur einer? In Rennes lagen die Verhältnisse für den Angeklagten noch günstig, wenn man alles bedenkt. Aber unsere bequemen wahrheitsscheuen Juden werden wieder rasch die Augen schliessen, nachdem sie secundenlang durch die Entdeckung von Rennes aufgeschreckt und geblendet worden sind. Man wird sich wieder auf alle mögliche Weisö1 öinlüllen, und sagen, was man gerne hört, und glauben, was mäh gerne glaubt. Alle Welt ist entrüstet, Dreyfus1 erhält Sympathiebeweise von den feinsten Leuten, und schliesslich wird er bald freikommen, wenn auch ohne Uniform. Es muss nicht Jeder bei der Artillerie oder im Gen eralstab sein. Das Raisonnemerit ist sehr beschwichtigend. Nur hat es einen Fehlen, Es antwortet nicht auf die eherne Ziffer: Fünf gegen zwei!; Ärmer Dreyfus! Er ist keine Person; niehr, h nur noch; ein Exempel. Es., ..gibt.-eine- -MyÜRibMM Auffassung seines Falles, die nachzufühlen .versucht, was er auf der einsamen Insel in den Jahren gelitten hat, von denen jeder Tag ein Jahrzehnt war. Das ist eine kindische, zugleich übertriebene und ungenügende Vorstellung. Das menschliche Leiden dieses Falles ist einfach unermesslich. Man kann es nicht ausrechnen, so wenig man die Qualen eines Patienten ausrechnen könnte, an dem fünf Jahre lang die Chirurgen ununterbrochen herumgeschnitten hätten. Es ist etwas Phantastir sches. Fühlt er noch etwas, wann ist die Fühllosigkeit eingetreten? Doch es heisst den Fall verkleinern, ins Läppische und Gemeine herunterziehen, wenn man ihn so betrachtet. Dreyfus ist nur noch eine Abstraction. Er ist der Jude in der modernen Gesellschaft, der versucht hat, sich der Umgebung anzupassen, ihre Sprache redet, ihre Gedanken denkt, ihre Schiiüre an seinen Rock näht — und dem diese Schnüre mit Gewalt wieder herabgerissen werden. Dreyfus bedeutet eine Position, um die gekämpft worden ist, um die noch gekämpft wird, und die — täuschen wir uns nicht I — verloren ist. Der dritte Zionisten=Congress. Blätterstimmen. Ausser den in Nummer 34 unseres Blattes erwähnten Zeitungen' brachten noch folgende Blätter kürzere oder längere, in den meisten Fällen sympathisch gehaltene Berichte über den dritten Baseler Congress und den Zionismus: „Budapest! Naplö" (Budapest), „Westungarischer Grenzbote" (Pressburg), „Gazetta del Popolo" (Turin), „Liberte (Freiburg), „Messager" (Bruxelles), „Correspondencia Espana" (Madrid), „Dep§che Tunisienne" (Tunis), „Unita Cattolica" (Firenztz), „Corröo" (Madrid), „Credente Cattolico" (Lugano), „Bien Public" (Dijon), „Hamburgischer Korrespondent", „Elbinger Zeitung", „Chronique" (Bruxelles), „Rheinisch - Westfälische Zeitung" (Essen), „Independant" (Constantina), „Observer“ (London), „Hamburger Zeitung", „Danziger Zeitung", „Elberfelder Zeitung" „Financial Times" (London), „Courrier du Centre" (Limoges),;Berlinische Zeitung", „Berliner Tageblatt", „East Anglian Daily Times", „Berliner Neueste Nachrichten", „La Rdforme" (Bruxelles), „II Rocciamelone“ (Susa), „Patriote Republicain" (Chambery), „Le Petit Centre" (Limoges), „La Verite" (Paris), Wie Moderne" (Paris), „Revue des Revues" (Paris), „Petit Temps" (Paris), „Impartial" (Boulogne-sur-Mer). -Fänfulla" (Rom), „Literature" (London), „Nagyvärad“ (Grosswardein), Revue En cyclo pädique" (Paris), „Pesti Hirlap“ (Budapest), „English-American Gazette" (Paris), „LasNoticias" (Barcelona), „Le Salut Public" (Lyon), „Petit Caporal" (Paris), „Päix" (Paris), etc. etc. * § * Im Congressberichte Nr. 34, S. 6 ist Folgendes richtig zu stellen: Die Herrn Rabbiner Seff in den Mund gelegten Worte „vergleicht die Lage . . . . glaublicher Weise“ hat ein früherer Redner gesprochen. . 1 ' '':: ■'' •' ’ : - * , H , * -Der Zionismus im Lichte der Griechen. Das. grösste . griechische Tagblatt, der in Athen und Constantinopel erscheinende „N e o l o g 6 s" widmet in;seiner Nummer vom 13 /25. August dem Zionismus einen längeren Artikel, dem-wir die nachfolgenden Stellen entnehmen : : . .; Es gibt Ereignisse von weittragendster Bedeutung, wel^h^ tmtzdem von der grossen Menge wenig oder gar;nichi he^cffteit werden. iMan keimt die Episode des Pontius Pilatusj , welche das Sujet einer der schönsten’ Erzählungen