Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- None (sequence 14)
- Language
- German
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8 er als eia Zeugnis der Solidarität aller Juden betrachte. Niemals sei die zionistische Bewegung, welche die Traditionen unserer Religion und unserer Rasse aufrecht erhält, nothwendiger gewesen als jetzt, wo selbst ein antizionistisches Blatt zugebe, dass Freiheit und Sicherheit sich im Osten erfreulich verstärken, während sich die Nadel des antisemitischen Compasses nach Westen richte. In England durfte das neue Buch Arnold Whites erscheinen, das den Judenhass predige, und. auch aus Amerika kommen neuerdings Nachrichten von scandalösen Judenhetzen. Es handelt sich nicht um eine vorübergehende Bewegung, sondern um eine, die sich häuslich einrichtet. Diese Versammlung ist das Anzeichen einer Union der englischsprechenden Judenheit, die hoffentlich bald zur Wirklichkeit werden wird. Mr. J. C o w e n beschäftigte sich mit einem unlängst im „Daily Chronicle" veröffentlichten BriefeMr.O.J. Simons. Die Zionisten, sagte der Redner, respectieren diesen ehrlichen Gegner, der den Argumenten der Zionisten Aufmerksamkeit schenkt und sie zu widerlegen sucht. Mr. Simon's Anschauungen bezüglich der Türkei sind nicht die richtigen. In der Türkei geht es den Juden verhältnismässig noch am besten. Es ist auch für einen Engländer nicht angezeigt die mohammedanische Religion anzugreifen, da so viele britische Unterthanen ihre Bekenner sind. Auch die Moralität der Türkei verdient keinen Tadel. Ihre Frauen gemessen eine bessere Behandlung als — sagen wir manche Frau im Near Est von Whitechapel. Was den so oft an gezweifenen Patriotismus der zionistischen Juden betrifft, so darf die Ansicht eines can adischen Blattes als lehrreiches Analogon herangezogen werden. Dieses angesehene Blatt, dessen Herausgeber ein Freund des Ministerpräsidenten Sir William Lauri er ist, äusserte sich zur Zeit der Faschoda- Krise, die französischen Canadier, die loyale Unterthanen des britischen Reiches seien, müssten von ihren englischen Compatrioten verachtet werden, wenn sie nicht gegenüber dem Mutterlande die Sohnesliebe bezeugten. Diese Sohnesliebe ist es, welche die Juden als Männer von Ehre für Zion hegen müssen. Lauter Beifall begrüsste den folgenden Redner, Dr. Gast er. Er erinnerte an die Haager Friedens- Confererz, die trotz der die Welt freudig aufregenden Trompetenstösse und trotz des guten Willens der Theilnehmer blos minimale Resultate erzielt und eine Rechtfertigung des Zionismus geliefert habe. Da sei der Congress von Basel doch ein ganz anderer gewesen, ein rechter Frieden s- Congress! „Unsere amerikanischen Brüder haben weder Zeit noch Geld gespart, um sich mit uns an dem von armseligen Ironikern sogenannten jüdischen Kreuzzuge zu betheiligen. Wir wirken für einen Zionismus der grössten und edelsten Art. Uns handelt es sich nicht allein darum, die Dulder unseres Stammes der Verfolgung zu entziehen. Wir wollen auch diejenigen, die in Freiheit leben, mit neuer, jüdischer Begeisterung erfüllen. Wir begnügen uns nicht mit einem Zionismus in kleiner Ausgabe. Eine verhältnismässig kleine Menge unserer Brüder nach Palästina zu verpflanzen — das ist eine für unseren Ehrgeiz zu beschränkte Aufgabe. Die alten ^Traditionen möchten wir mit hinüberschaffen und manches, jetzt todte jüdische Element neu beleben. Der Jude soll wieder gross werden. Das ist kein Traum mehr, das ist ein deutliches Ziel, das dank unserer geduldigen Arbeit, von Tag zu Tag näher rückt. Professor G o 11 h e i 1, der nunmehr stürmisch begrüsst, das Wort ergriff, erklärte, er sei um ein Thema verlegen. Spreche er von der materiellen Lage der Juden, so könnte es leicht geschehen, dass man ihn als Pessimisten verschreie. Spreche er von den zionistischen Hoffnungen, so würde man ihn als unpraktischen Idealisten abthun. Solle er sich mit dem Trust und den Schekelsammlungen beschäftigen?. Dann würden die Gegner sagen: Die Zionisten betrach ton Geld und Judenthum als Synonyme. „Ich stelle mich lieber," fuhr der Redner fort, „auf die hohe Warte, von welcher aus Dr. Gaster den Zionismus betrachtet. HJnsere Rasse ist dank gewisser Gleichheiten, die sich trotz der Versprengtheiterhalten haben, bis auf unsere Tage rein geblieben. Wir haben das gleiche Blut, wir leiden unter der gleichen Gegnerschaft einer ganzen Welt. Nur die Gleichheit der religiösen und geistigen Interessen ist zweifel- , haft und gefährdet. Hier klaffen gewaltige Unterschiede und sind heftige Kämpfe entbrannt. In Deutschland und in Amerika traten Synoden zusammen, die sich bemühten, einigend zu wirken. Ebenso als ich New-York verliess, sollte eine neue einberufen werden. Die religiösen Differenzen waren aber so heftig, dass eigentlich jede Partei eine eigene Synode hätte einberufen müssen. In diesen Wirren gibt es nur eines, was die Auseinanderstrebenden zusammenführt: Das ist der Zionismus, auf dessen Plattform für alle Juden, sie seien welcher Ueberzeugung und Richtung immer, Platz ist. Als versöhnende Kraft hat der Zionismus auf drei Punkten zu wirken. Er muss die Zionisten mit den Zionisten au ssöhnen, die verschiedenen Richtungen in der Bewegung aufs Gleiche bringen. Es gibt Millionen Zionisten, dagegen bloss einige hunderttausende Schekelzahler. Gegenseitiges Vertrauen ist vor allem nothwendig. Ein erfreuliches Beispiel solcher Aussöhnung bildet der Eintritt der New-Yorker Chovevi-Zion in die amerikanische Federation. Ferner muss es zu einem Ausgleich der Zionisten mit den Juden, die nicht im zionistischenLager stehen, kommen. Kein Jude, dem die Interessen seines Volkes und Glaubens am Heizen liegen, kann sich als Antizionisten bezeichnen. Es hat Missverständnisse gegeben, die sich durch die wachsende Einsicht der Parteien zu lösen beginnen. So haben in Amerika die Sons of Benjamin, eine grosse jüdische Organisation, sich der Bewegung angeschlossen. In Califormen sprach Rev. S. S. W i s e unter den Anspielen der B'nei Brith. Endlich wird der Zionismus eine A u ssöhnung der Juden mit den Ni c h tj u d e n bewirken. Wenn die Nichtjuden sehen werden, dass unsere Liebe zu Zion eine thätige ist, so werden sie sich mit uns am Werke betheiligen. Und so wird der Zionismus für seinen Theil zum Weltfrieden beitragen. Mr. J. H. Mayer sprach sich begeistert über den Congress aus, der sich durch seine Aufrichtigkeit und seinen Muth die Anerkennung selbst der Gegner erzwungen habe. Die Vereinigung der Cultur der wohlhabenden Juden des Westens mit der Begeisterungsfähigkeit der armen Juden des Ostens werde neue Wunder zustande bringen. Es folgte nun die sensationelle Rede Mr. Alexanders, der sich als Neila-Zio nisten bezeichnete. Er habe bloss der letzten Congresssitzung beigewohnt, sei aber als überzeugter Zionist heimgekehrt und. bereit, seine Kraft der gemeinsamen Sache zur Verfügung zu stellen. Drei Jahre lang ein heftiger Gegner der Bewegung, sei er nun zur Erkenntnis gelangt, dass der Zionismus die Juden zum Judenthume zurückbringe. Die Fusion der Chovevi-Zion mit der English Zionist Federation war der Gegenstand einer aus der Versammlung eingebrachten Resolution, die von mehreren Rednern, ebenso vom Vorsitzenden und von Mr. Greenberg unterstützt wurde. Mr. J. de Haas verlangte zunächst Garantien dafür, dass die Insultierungen der Führer aufhören, und dass den lobenswerten Principien, zu denen man sich auf dem Papiere bekenne, nicht in der Praxis widersprochen werde. Die Resolution wurde hierauf zurückgezogen und die Versammlung nach Annahme eines Dankesvotums für die Gäste geschlossen. Buchdruckerei „Industrie", Wien.