Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Article
- Der Talmudbauer
- Date
- 1899-09-08
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 16 „Die H Welt“ Nr. 2 6 haben Sie noch von der Chaluka***) zu bekommen* Reb Joine?“ Reb Joine liess sich nicht ablenken, aber Chajirii; entgegnete: „Wir haben wenig zu bekommen, wir haben sehr viel im vorhinein genommen. Im ganzen bekommen wir für das Vierteljahr zweiundfünfzig Franken, vierzig haben wir schon heraus.“ Inzwischen hatte sich der Gruppe ein kräftiger Mann genähert, der etwas sorgfältiger gekleidet war als die übrigen. Sein Kaftan glich mehr einem modernen Rock, auf dem Kopfe trug er einen sauberen Hut und das schneeweässe Hemd war von einem schwarzen Halstuche zusammengehalten. Er legte vor Reb Joine zwei Silbermedschidje und ein Häuflein Blechpara hin. „So, Reb Joine, da ist der Rest von Ihrer Chaluka.“ Reb Joine blickte nicht auf, sondern schob das Geld seinem Sohne hin, der höflich mit „Danke Reb Moische“ das Geld quittierte. Chajim flüsterte dann dem Vater etwas zu, dieser wehrte zwar unwillig ab, schliesslich gab er nach, legte ein Zeichen in das Buch ein, küsste es inbrünstig, klappte es zu und wendete sich zum Gehen. Inzwischen hatte der stattliche Mann den meisten der Anwesenden grössere und kleinere Häuflein Silbergeld auf das Pult gezählt. Die beiden Männer waren nach Hause geeilt, Frau Malke setzte ihnen ein Töpfchen warmer Ziegenmilch vor. „Brot haben wir heut' keines,“ entschuldigte sie sich zögernd. „Reb Schmule, der Bäck,“ warf Chajim ein, „wird Dir sofort Brot geben, hier sind 12 Franken“. Die Frau huschte zur Thüre hinaus und brachte nach einigen Augenblicken ein längliches Weissbrot, dessen Oberfläche ganz mit Sesamkörnern bedeckt war. „Ein feinrs Brot,“ rief sie in der Thüre. „G-lobt sei Gott,“ seufzte sie erleichtert auf, „dass wieder ^twas Geld im Haus ist!“ Ihr Mann blickte finster bei diesen Worten. „Bist Du schon verhungert?“ warf er ruhig hin. „Nein,“ wandte sie sanft ein, „aber gehungert haben wir schon genug. Der Mensch kann sich ja an alles gewöhnen, sogar ans Nichtessen,“ warf die Frau bitter ein, als ihr Mann ein unwilliges Grollen hören liess. „Du weisst ja, wie man bei uns zuhaus in Tamnitz erzählt : Ein Bauer hat seinem Pferd das Fressen abgewöhnen wollen, hat ihm jeden Tag weniger und weniger Hafer gegeben, das Pferd hat sich ans Nichtessen auch gewöhnt, aber grad', wie es sich angefangen hat, am besten daran zu gewöhnen, ist es crepiert“. Reb Joine, der eben den letzten Tropfen der Ziegenmilch binuntergetrunken hatte, entgegnete unwillig: „Was erzählst Du für weise Geschichten! Geh' zu Deiner Wirtschaft,“ fügte er milder hinzu. „Im Talmud Sanhedrin heisst es: „Der Frau ziemt keine andere Weisheit als der Spinnrocken“. Aber Malke liess sich nicht abweisen: „Recht hast Du, aber wenn die Frau keinen Flachs am Spinnrocken hat, ist sie mit ihrer Weisheit zu Ende“. ***) Chaluka werden jene Gelder genannt, die von den Juden der Diaspora gesammelt werden, um die frommen und gelehrten palästinensischen Juden zu erhalten. Die Vertheilung wird nach den Landsmannschaften vorgenommen, so dass das, was die Deutschen geben, den deutschen Juden zugute kommt, die Polen und Russen den polnischen und russischen, und die Landsmannschaften sind wieder in Districte getheilt,Kollel genannt.Die Sephardim, das sind die spaniolischen und die orientalischen Juden; sie sind weniger bemittelt im Verhältnis zur Zahl ihrer Armen in Palästina, die daher die kleinste Chaluka beziehen. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. Kaum hatte Chajim sein Frühstück beendet, da nahm sein Vater einen Talmudfolianten aus dem Kasten und legte ihn auf den Tisch: „Jetzt wollen wir Gott danken für unser gutes Frühstück und dann wird gelernt.“ Der Sohn, der sonst ohne Widerspruch seinem Vater gehorcht hatte und der von den ersten Tagen deiner Denkfähigkeit es nicht anders wusste, als dass man morgens aufzustehen habe, um sich zu waschen, beim waschen Gott dafür danken müsse, dass er das Waschen anbefohlen habe, dann ins Beth Hamidrasch gehen, die Philacterien umlegen, beten, ein Blatt Talmud lernen, nach Hause gehen, ein karges Frühstück einnehmen, dann wieder lernen und von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, von Woche zu Woche von der kargen Chaluka das Lehen herauszuschlagen suchen; die meisten Menschen seiner Umgebung hielten es so und sie sahen mit einem anmassenden Bedauern auf jene herab, die im Handel ihr Leben fristeten oder ein Handwerk übten — es traf daher Reb Joine wie ein plötzlicher gewalttätiger Streich, als sein Sohn ihm sagte: „Wäre es nicht besser, ich hätte irgendeine Arbeit gelernt?“ Schon, dass Chajim die Chaluka, diesen pflichtgemässen Tribut jener, die in der Sünde der Diaspora lebten, als Almosen ansah, hatte ihn tief bekümmert, aber dass sein Sohn, sein Chajim, lieber ein Arbeiter sein wollte als ein Gelehrter Gottes, das traf ihn hart. „Weisst Du nicht, wie es ihm Talmud heisst: „Selbst ein Heide, der sich mit Wissenschaft beschäftigt, ist dem Hohenpriester gleich zu achten?“ (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. A. Lüboschützki, Warschau. Besten Dank für freundliches Schreiben. E. F. in J., Rumänien. Besten Dank. Leider nicht geeignet. J. B, Frankfurt. Ein derartiger Winkelzug, wie Sie ihn güiigst vorschlagen, würde den Zionismus entwürdigen. Schönw., Krakau. Ausser den in der „Welt“ namentlich angeführten Delegierten waren selbstverständlich noch hunderte in Basel. A—m K—z, Dorna. Ja. Cand. jur. 8. 8., Kviomea. Besten Dank. Emi! Schw., Friedland. Demnächst. In der „Welt“ wird eine Anzeige sein. - . - Das deutsch-isr. Bicur Cholim Hospital; Araham Benjamin, New* York; M. J. Cohen, Wien; Akademische Verbindung Kadimah, Wien; Dia Grünberg, Paris; E. Caleb, Paris; Verein „Moria“, Wien; R. Tilles, L Jaffe, B. Epstein, N. Schwarz, — „Von den Ufern des Niemen"; S. Meiseis, Przemisl; G.SeidemannPrjedow; Julius Hochfeld, Lemberg; N. Teller, Lemberg; Moriz Ihr; T. M. Schlepski, Wien; I. Wiilheimer, J. F. Lauterbach, J. D. Bally, Lieberman Manö, I. L. Goitein u. Frau, Frankfurt a. M.; Ben Zion Kadimah, Frumusica; M. H. Dorosteanu, Krajova; Dr. Mayer-Ebner; J. Bujes, Constanfa; M. Aschkenasi, Zbaraz; Albert Smolensky, Aggsbach; Rüben Brainin, Marienbad; L. Morgenstern, Krajova; L. Katz, Basel; J. Neumann, Monasterzyska; H. Jaffa. Randfontein; F. Waschitz, S. Waschitz, Zloczow; G. Meinik, Bialystok; David Kopeliovitz; Herr und Frau Dr. D. Alkalay, Belgrad; J. Schwadron, Zloczow; L. Breuer, Craiova; H. Auerbach, Neustadta. M.; Ä Vaintraub, Caracal; A. M. Riczker, 8. Hirsch, Radautz; A. H. Zupnik, Drohohycz; Rabb. Dr. Niemirower, Jassy; Dr. A. Korkis, Lemberg; D. Rosenfeld, Wien; N. W. Winitzky, Nowokrainka; L. L. D. Chitl, Szczerzec; E. Turnschein, Drohohycz; Max Bernhard, Wien; 8. Zimmermann, Borszczow; „Makkabäa“, [Krakau; Moriz Keiner, Temes Kubin; L. Litwak, Dolna; Benei Zion, Falticeni. Besten Dank und herzlichste Glückwünsche. -bunw p« D'jnm-:-- Esrogim aus Palästina! Soeben sind von dem ehemaligen Präsidenten des Vereines „Zion“, Herrn Paul Löbl aus Jaffa, mit vom Grand-Rabbiner und dem in Jerusalem versehene Esrogim an den hiesigen Verein „Zion“ angelangt. Verkaufsstelle: 8. J. Willner, I., Judengasse 14. Bucbdruckerö .Industrie* (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11