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Die Welt · 1899-09-08 · 36 (8.9.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
36 (8.9.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-09-08
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3(> Seite 15 „Die Welt“ wir auch in Jerusalem, irn Mittelpunkte der Welt und Gott am nächsten!“ „Wenn nur nicht das Brot fehlte“, wendete Chajim ein. Es ist schrecklich, warten zu müssen, was einem fremde Leute schenken!“ „Schenken?“ fuhr der alte Mann auf. „Weisst Du, wie Moses zu Gott gesagt hat? „Das viele Gold und Silber, das Du Israel gespendet hast, war schuld an dessen Ausartung Wenn unsere Brüder in Golus, doch das war es nicht, von Europa und Amerika Gold herschicken, so erleichtert das ihre Sünden. Wir sitzen hier und lernen Thora und Talmud, hier, von wo die Lehre gekommen ist, und unser gottgeweihtes Leben kommt auch denen zugute, die Geld her schicken.“ „Und doch heisst es im Talmud,“ entgegnete der Sohn, „„wer das Gnadenbrot seines Nächsten essen muss, dem verfinstert sich die Welt.““ Dem alten Manne schien die Wahrheit dieses Satzes aufgegangen zu sein; er schritt grübelnd vor sich hin ohne dem Sohne zu erwidern. Doch das war es nicht. Nicht die Wahrheit dieses talmudischen Satzes hatte ihn so schweigsam gemacht: Reb Joine erinnerte sich seines so gestrigen Ganges zur Grabeskirche, der ihn heute erschien wie die That eines Nachwandlers. Wenn ein Vorübergehender ihn grösste, dann schrack er zusammen; ihm war, als müsste er jedem erzählen, was er Schreckliches gethan habe, dass er in dem fremden Heiligthum gewesen sei, an jener Stätte, die jedem Juden, wie er meinte, in der Erinnerung schon das Blut in den Adern erstarren machte. Was war ihm Armut oder Reichthum, was Hunger und Fasten — er trug die Lösung des Räthsels, die Hilfe gegen alles Unheil in sich. Wenn nur die Anderen alle glauben wollten, dass die Römer Jesu gekreuzigt haben, dann würde den Juden ein neues Zeitalter erblühen, sie kämen alle zurück ins heilige Land und Milch und Honig würde fliessen im Lande Kanaan. Lautes Wehklagen lenkte seine Aufmerksamkeit auf eine Frau, die ein ächzendes Kind, mit einem Tuche verhüllt, am Arme trug. Die Menge in der schmalen Judengasse staute sich einen Augenblick. „Was ist geschehen? Was ist geschehen?“ „Das Kind der Rose RebMoischens hat die böse Halskrankheit, sie lauft zum Doctor!“ Die Frau jammerte und stöhnte unter der Last des Kindes. Chajim bat den Vater um Entschuldigung* wendete sich zur Frau und nahm ihr rasch das Kind ab, ein Mädchen von etwa acht Jahren. Er suchte die Frau nach Möglichkeit zu trösten; „Ihr wisst ja, meine liebe Rose, der Doctor Rapp ist ein geschickter Arzt, er ist ein frommer Jude, und Gott ist immer mit ihm.“ Sie drängten sich durch das Gewühl der schmalen Gassen, links und rechts sassen Männer und Frauen bei ihrem Kleinkram, verkauften altes Eisen und frisches Oel, Schaffleisch und zerrissene Kleidungsstücke, weisses Backwerk und alte Schuhe, Früchte und Lederabfälle, so dicht beisammen auf einem Tische, Altes und Neues, Esswaren und alten Kram, wie man es sonst nie zu sehen bekommt und das alles Thür an Thür in schmutzigen kleinen Boutiquen. Links und rechts standen Käufer und feilschten um die Waren. Polnische Jüdinnen mit Tüchern über der Haarhaube, sephardische Weiber mit kleinen Kappen auf dem Kopfe, Männer in farbigen gestreiften Kaftanen, die von Schmutz starrten, Juden aus Bochara in kostbaren Pelzen, Wasserträger, Verneinten, den Fez auf dem Haupte, mit kleinem Kram auf dem Arm oder mit einem Wichszeug beflissen, ihre Dienste als Schuhputzer anzubieten. Ein Araber mit seinem Esel, dem an beiden Seiten eine Last grünen Gemüses herabhieng, drängte sich durch das Gedränge des schmalen Gässchens mit lautem „Abi! ahi!“ Chajim zwängte sich in eine Boutique hinein, um das kranke Kind vor einem Stoss zu bewahren. Das Mädchen hatte ihn umclen Hals genomme n und legte das brennende Köpfchen auf seine Schulter. Endlich waren sie aus der Judengasse in ein ruhiges Seitengässchen gelangtund eilten der Wohnung des Artzes in der Nähe des Hospitals Bikur Cholim zu. Im Hofe sassen Männer und Frauen durcheinander, die meisten mit verbundenen Augen, und die sie frei trugen, an denen hatte die fürchterliche ägyptische Augenkrankheit ihr Zerstörungswerk schon vollendet. Alle riefen und murmelten, ächzten und stöhnten und suchten sobald als möglich zum Arzte zu gelangen. Chajim eilte, ohne zu fragen die Treppe hinauf, vorbei an dem Manne, der ihm wehren wolte. Das Mädchen athmete schwer und tief, ein Rasseln und Röcheln zitterte durch den kranken Körper. Der Arzt stand mit gegen Osten gewendetem Gesichte, die Gebetriemen um die linke Hand geschlungen, in der Mitte der Stirn das kleine Ledergehäuse mit dem Namen des Allerheiligsten. Chajim entschuldigte sich : „Verzeihet, Herr, dass ich Eure Andacht störe, aber Ihr wisst ja, in Lebensgefahr entfällt das Gesetz. Das Kind ist todtkrank.“ Der Arzt, Dr. Rapp, beugte sich über das Mädchen und nickte : „Es ist gut, Ihr könnt gehen.“ Chajim zögerte einen Augenblick. „Ja, wartet noch“, rief der Arzt, nahm eine scharf riechende Flüssigkeit vom Tische, schüttete sie in bereitstehendes reines Wasser und befahl dem jungen Menschen: „Wascht Euch Hände und Gesicht gehörig mit dem Carholwasser und dann geht.“ Inzwischen war der Diener hereingekommmen. „Bringt mir die Instrumente —Kehlkopfschnitt!“ commandierte der Arzt kurz. Chajim eilte dem Vater nach ins Beth Hamidrasch. Er legte die Gebetriemen genau nach Vorschrift um den blossen linken Arm, ordnete sie über dem Haupte, hüllte sich in den blaugestreiften Gebetmantel und begann die Morgengebete zu sprechen. Tag für Tag, mm schon viele Jahre, hatte er diese Lobesgesänge und die Gebete zum Throne Jehovas emporgesandt, so dass er sie auswendig wusste, doch ertappte er sich heute fast jeden Augenblick dabei, dass sein Mund geschlossen blieb und seine Gedanken weit weg wandelten. Er blickte zum Vater empor, der in frommer Andacht immer wieder sein Haupt hob und beugte, mit geschlossenen Augen, in sich versunken, seine Gebete Gott emporsandte. Doch auch hier trog der Schein. Der Vater träumte, er träumte von der Wahrheit der Tragödie auf Golgatha, von der Zukunft seines Volkes. Als das Gebet zu Ende war, setzten sich die Männer auf eine wackelnde Bank, jeder legte einen schweren Folianten vor sich hin und begann surrend mit einem näselnden Singsang das Studium des Talmuds und der Commentare. Neben der ehrfurchtgebietenden Gestalt Reb Joines sass ein kleines, rothhaariges Männchen, das immer wieder seine Aufmerksamkeit vom göttlichen Studium abzulenken versuchte. „Gestern soll wieder Geld gekommen sein; ich war auf der österreichischen Post und hab iünf Briefe weggeschickt zu meine Balbatim *) die mir alle Jahr etwas Geld schicken, und da hab ich gesehen, wie unser Gabbe**) Reb Moische Geld geholt hat. Wieviel *) Hei ms viiter. **) Vorstand.

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