Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Article
- Kol Nidre
- Date
- 1899-09-08
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315833-3390341--14646-3390453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Nr. 36 „Die # Welt“ seelt: den Geist des Judenthums wollten sie retten, da sie daran verzweifelten, den Leib am Leben zu erhalten. Diese Methode, die bei uns hier Zeit genug gehabt hat, ihre Berechtigung zu erweisen, wird heute von keinem Menschen mehr ernst genommen, denn diese Methode hat ein Geschlecht erzogen, welches überhaupt keines Gebetbuches bedarf. Man kann am lebenden Organismus die Seele nicht vom Leibe trennen, nicht am einzelnen Menschen und nicht an einem Volke. Welcher Zukunft geht nun das Judenthum mit seinem Gebetbuche und seinem Gottesdienste entgegen? Das mögen alle ehrlichen Leute, wenn sie in der weihevollen Stimmung des Kol Nidre den Tempel betreten, in ihren jüdischen Herzen erwägen. Die Woche. Wien, 7. September 1899. Aus Rennes. Es wird der nächste Zeuge vorgerufen. Er sieht nicht besonders wohlgenährt aus, das Farbenmuster seiner Cravatte ist unmodern und geschmacklos, und auch sonst macht er keinen glaubhaften Eindruck. Als er bei Bertillon vorbeigieng, machte er eine tiefe Verbeugung. Viel bemerkt wurde auch, dass er während seiner Aussage den Hut verlegen in den Händen drehte. Zeuge: Im Mai 1899 weilte ich in einer ausländischen Hauptstadt. Da — Regierungscommissä r Carridre (erregt unterbrechend): Ich lasse absolut über Deutschland hier nicht sprechen! Sagen Sie : In B. Zeuge: Im März 1899 weilte ich in B. Da bemerkte ich nun eines Abends „Unter den Linden“ einen Officier, der ein sehr auffälliges Benehmen zur Schau trug. L a b o r i: Der Zeuge behauptet einmal, er sei im Mai in B. gewesen, dann behauptet er wieder, er sei im März in B. gewesen. Wie will das der Zeuge in Einklang bringen? (Sensation! Mercier und Roget melden sich zum Wort.) Präsident Jouaust (streng): Ich werde diese Frage nicht zulassen. Lahor! (heftig): Ist es nicht mein Recht, bis zum letzten Athemzuge, bis zum letzten Blutstropfen die Fahne der Wahrheit und Gerechtigkeit hochzuhalten? P r ä s i d e n t J o u a u s t (energisch): Ich werde auch diese Frage nicht zulassen! Maitre Lahor!, überschreien Sie mich nicht! (Murren.) Labori : Ich füge mich, aber es muss Licht werden im Lande. (Sensation.) Z e u g e: Dieser Officier eilte mit hastigen Schritten dahin, aus seiner Rocktasche schauten eine Rolle Festungspläne und Landkarten heraus. Von Zeit zu Zeit nahm er den Strohhut ab und wischte sich die Stirne. Ich war ihm immer dicht auf den Fersen. Labori (nachdem er mit Demange einige erregte Worte getauscht): Der Zeuge hat soeben von einem Strohhut gesprochen. Ich bin zu bewegt, um sofort alle Conclusionen zu ziehen, ich frage nur : Tragen jene Officiere Strohhüte? (Andauernde Sensation.) General Roget (der empört auf die Tiibüne gesprungen) : Man will den Zeugen verwirren. Er sprach von einem Officier im Civil. Oberst Jouaust; Das Wort erbittet Herr Bertillon. Bertillon (mit Nachdruck): Ich habe nur zu bemerken, dass, wenn man das Wort „Strohhut“ mit Hilfe des Gabarit dem Reticule unterwirft, so ergibt dann die Wahrscheinlichkeitsrechnung mit Bestimmtheit, dass die 431. Permutation der tangential behandelten Consonanten die Zeugenaussage bestätigt. Ein Mitglied des Kriegsgerichtes (ehrerbietig) : Sind Sie Ihrer Sache sicher? Bertillon: Ich kann es beeiden. Präsident Jouaust: Gut!j Der Zwischenfall ist erledigt. Zeuge, fahren Sie fort. Zeuge: Der Officier liess sich endlich auf einer Bank in einem kleinen entlegenen Parke nieder. Hier zog er, ohne mich zu bemerken, ein in Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen hervor und öffnete es. Es enthielt Sardinen. Der Unbekannte verzehrte, indem er fortwährend scheu um sich blickte, die Sardinen. Plötzlich hörte man in der Ferne Schritte, der verdächtige Unbekannte erhob sich und gieng raschen Schrittes davon. Ich nahm das Zeitungspapier, das er in der Eile vergessen hatte, an mich, und was sah ich zu meinem grenzenlosen Erstaunen? Es war ein deutsch gedrucktes Blatt und enthielt in gesperrten Lettern mindestens 30mal das Wort-Dreyfus. (Anhaltende, grosse Bewegung, die Mitglieder des Kriegsgerichtes machen sich eifrig Notizen.) Präsident Jouaust: Capitän der Gendarmerie, sorgen Sie für die Ordnung im Saale. Capitän Dreyfus: Ich bin unschuldig, ich betlieuere es, ich bin unschuldig. (Ironisches Gelächter.) - Präsident Jouaust: Zeuge, haben Sie noch etwas zu bemerken? Zeuge: Zur Bekräftigung meiner Aussago möchte ich noch anführen, dass ich ein Nachkomme von Ramses dem Grossen bin und daher ein Anrecht auf den Thron von Aegypten habe. (Freudige Bewegung auf den Generals- ■ banken.) Ein Mitglied des Kriegsgerichtes: Wie viel Sardinen verzehrte der Ausländer? Zeuge: 8 Stück. (Bewegung.) General Mercier (triumphierend): Ich frage Herrn Labori, ob er die Wahrheit der Zeugenaussage bestreitet. Wenn ja, dann ist er auf einer Lüge ertappt, denn das beweisende Zeitungsblatt ist vorhanden, es ist Nr. 97 des geheimen Dossiers. General Gonse: Ich beantrage, das Kriegsgericht möge das beweisende Zeitungsblatt prüfen, man kann vermittelst des Geruchsinnes die Echtheit des Papieres teststellen. (Das Zeitungsblatt wird hervorgesucht, die Richter riechen der Reihe nach dazu und nicken.) Labori: Ich bitte um das Document (nachdem er das Zeitungsblatt zur Nase geführt, mit eisiger Ruhe): Das Document ist gefälscht, es riecht nicht,nach Sardinen — es riecht nach geräuchertem Häring. (Allgemeiner Tumult, andauernde Sensation, stürmische Gabarit-Rufe Bertilions, die Journalisten stürzen athemlos zum Telegraphen amt, Schluss der Sitzung.) * * * Berlin. (Tel. d. „Welt“.) Ihr Korrespondent hat bei zahlreichen Parkwächtern der hiesigen Anlagen in der eingehendsten Weise Umfrage gehalten, ob dieselben sich eines Officiers in Civil, der im März oder Mai in der vom Zeugen so eingehend charakterisierten Weise Sardinen gegessen, erinnern. Dieselben erklären in übereinstimmender Weise, sich nicht zu erinnern. [Ahm. d. Red.: Man sieht, auf was für thönernen Füssen die ungeheuerlichen Verleumdungen der Gegner der Wahrheit aufgebaut sind ] Rennes. (Tel. d. „Welt“.) „Du reticule auridicule il lTy a qu’un päs,“ sagte heute Ihr Cörrespondent mit Recht beim Verlassen des Lycees; eine Bemerkung, welche nicht verfehlte, so oft sie von Ihrem Correspondenten wiederholt wul’de, von den zufällig Umstehenden mit nicht geringer Heiterkeit aufgenommen zu'werden. [Anm. d. Red.: Unser (Korrespondent variiert hier ein vielleicht nicht unbekanntes Wort Napoleon I. (geb. 15. August 1769, gest. 5. Mai 1821 an Magenkrebs), das derselbe auf seiner Flucht aus , Russland mehrmals zu seinem Gesandten de Pradt in Warschau (December 1812) wiederholte. — Es muss übrigens wehmüthig stimmen, angesichts der derzeitigen Generäle an den