Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Article
- Kol Nidre
- Date
- 1899-09-08
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 Nr. 36 „Die £ Welt“ ganze Jammer unserer Lage fällt mir bei dieser Thatsache aufs Gewissen. Die Frommen und Einfältigen gehen schweren Herzens in den Tempel, um einmal im Jahre sich zu versöhnen mit ihrer Seele und ihrem Gott, und wir bieten ihnen einen Gottesdienst, der — seien wir aufrichtig — für die Unkundigen mit einer grotesken Unwahrheit beginnt! Die Frommen glauben zu beten, und sie plärren eine obsolete, jedenfalls prosaische Litanei! Ich weiss, in einer grossen Anzahl von westeuropäischen Gemeinden wird das Kol Nidre unterdrückt, und der grosse Abend wird würdig mit dem Abendgebete begonnen. Aber ist das Kol Nidre das einzige Stück in unserem Gebetbuche, das für die Einfältigen im Herzen schmerzliche Missverständnisse enthält? Ist der grossen Masse der Frommen wirklich damit geholfen, dass man, ohne sie zu fragen und auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen, eine Operation um die andere an dem Gebetbuche vollzieht? Und noch ein zweiter, unendlich schmerzlicher Gedanke wird durch das Kol Nidre in die Seele gerufen. Die Frommen und Einfältigen legen am Ende auch in die gleich gütigsten Worte ihr andächtiges Herz und erfüllen so die leersten Laute mit reichem Gehalt. Aber die anderen, die Unfrommen, die Weltkinder, die vielleicht ein letzter Rest von Pietät oder ein dunkles, ererbtes Gefühl an dem einzigen Tage in den Tempel führt, wie soll die das Kol Nidre, wie das Gebetbuch überhaupt zur Andacht stimmen, die sie nicht mitbringen, und deren jeder von ihnen doch so dringend bedarf? Denn es nützt nichts, sich blind zu stellen und dem eigenen Herzen die traurige Thatsache zu verschweigen : das Gebetbuch ist der Mehrheit unserer Stamm es genossen mit sieben Siegeln verschlossen. Das ist beileibe keine Klage, noch weniger eine Anklage wegen religiösen Verfalles, durchaus nicht. Die religiöse Seite der Frage möge jeder einzelne mit sich und seinem Gewissen abmachen. Aber die Sache geht weit über den Rahmen einer confessionellen Frage hinaus. Unser Gebetbuch, das in so vielen anderen Beziehungen besser als jedes Geschichtswerk die Schicksale unseres Volkes, und besser als es hundert völkerpsychologische Werke vermöchten, unseren Charakter offenbart, zeigt uns die ganze Trostlosigkeit unserer Gegenwart und die hoffnungsloseste Zukunft, wenn die jetzigen Bedingungen weiter bestehen. Unser Gebetbuch ist seit vielen hundert Jahren etwas Fertiges, Abgeschlossenes, Erstarrtes, wie der biblische Canon es seit zweitausend Jahren ist. Seit den Zeiten der Jehuda ha Levi und Ihn Gabirol haben wir keinen neuen Hymnus unserem Gebetbuche einverleibt, seit den grossen Martyrien am Rhein kein neues Gebet. Haben wir Juden, die wir allen Gulturvölkern des Ostens und Westens ihre Hymnen und Gebete gegeben, haben wir, die Nachkommen der Psalmisten, das Beten verlernt? I Ihr sprecht von der Judennoth und meint damit die von unseren Feinden kommende Verfolgung, die uns in unserem Erwerbe schädigen, uns an der Ehre kränken und gelegentlich an Leib und Leben bedrohen. Ach, es gibt eine viel ärgere Judennoth, jener Verfall alles echten, geistigen Lebens, das erst in allerjüngster Zeit einem englischen Judenfreunde den Vorwurf abpresste: Ihr Juden der neuesten Zeit habt die ganze Erde gewonnen, aber dabei euere Seele verloren I Was ist das für ein „Volk Gottes“, das nicht sein Gebetbuch versteht? Wir sind sonst in so manchen Punkten unserer Weltanschauung und Lebensführung mit den Protestanten strengster Richtung verwandt — was war die erste That der Reformation? Die Gebete und Kirchenlieder wurden dem Volke verständlich gemacht, und vom XVI. bis fast ans Ende des XVIII. Jahrhunderts floss die religiöse Dichtung in protestantischen Ländern wie ein lebendiger Quell. Sollen wir unser Gebetbuch in die Landessprachen übersetzen und den Urtext vergessen? Das wäre so einfach und würde von vielen Gemeindevorständen mit Jubel begrüsst werden. Aber selbst in den modernsten Juden ist der Selbsterhaltungstrieb noch nicht erloschen, und selbst bei jenen beschränkten Leuten, welche einem kurzen Augenblicke bürgerlicher Gleichberechtigung ewige Dauer zuschreiben, ist der Instinct stärker als der Verstand — deshalb wird in unseren Tempeln bei Orgelklang noch immer hebräisch gebetet. Die braven Leute, welche in Frankreich nur Franzosen, in England nur Engländer, in Dänemark nur Dänen sein wollen, können sich doch nicht dazu entschliessen, das Band zu zerreissen, das alle Juden der Erde umschlingt, sie haben nicht das Herz, das alte Losungswort, das Sch’ma, durch Beseitigung des Hebräischen fahren zu lassen. Welch ein trauriges Dilemma! Entweder wir behalten das Gebetbuch und den Gottesdienst wie sie sind, dann entfremden wir ein Geschlecht nach dem anderen dem innersten Geiste des Judenthums, und wir können ohne grosse Anstrengung eine Zeit Voraussagen, da wir wie ein Zerrbild unserer selbst von Land zu Land wandern werden, verfolgt und gemieden, ohne zu wissen warum und wofür, ohne Bewusstsein unserer Vergangenheit und ohne Hoffnung auf die Zukunft, ein zweites Volk von Zigeunern, doch ohne den Leichtsinn dieser nicht ganz unglücklichen Rasse. Es gibt schon jetzt einen und den anderen Fleck, wo solche Exemplare von Juden vorhanden sind, in Persien, in Innerasien und in Neapel. Diese Juden, zu denen man leicht den Weg erfragt, weil die mohammedanische oder christliche Bevölkerung die Parias noch immer sorgfältig isoliert, haben ein Bethaus und wohl auch Ueberreste von Gebetbüchern und Thorarollen, aber sie haben die Buchstaben vergessen, und die Gebete, die sie mechanisch hersagen, sind ein Kauderwälseh von verstümmelten und unverstandenen Ueberlieferungen, ein Schatten vom Schatten des jüdischen Gottes und des jüdischen Volkes. Mit diesen unseren Stammesgenossen, die übrigens im tiefsten, materiellen und moralischem Elende leben — bei uns Juden ist der moralische Niedergang immer der Vorläufer des ökonomischen — haben wir kein Verständigungsmittel mehr, sie sind wie abgestorbene Zweige an unserem Stamme. Um diesem Verfalle aus dem Wege zu gehen, hat man in Westeuropa, namentlich in Deutschland und Deutsch-Oesterreich, die zweite Möglichkeit versucht; gleich der Wiener Gultusgemeinde führten auch andere die Landessprache neben dem Hebräischen ein. Nicht nur wurde im Gebetbuche dem Urtexte eine sorgfältige Uebersetzung an die Seite gestellt, sondern gewisse Gebete sollten in der Landessprache gesprochen werden, und die Predigt sollte den des Hebräischen Unkundigen die Erbauung, welche die anderen aus den hebräischen Gebeten schöpfen, ersetzen. Hand in Hand mit diesem als Uebergang gedachten Compromiss, gieng die pädagogische Massregel, dass beim Religionsunterrichte das Hebräische auf eine geringe Dosis herabgesetzt und auf die Kenntnis der Bibel, Geschichte und Moral das grösste Gewicht gelegt wurde. Die Männer, welche diesen Weg einschlugen, waren vom besten Willen be*