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Die Welt · 1899-09-08 · 36 (8.9.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
36 (8.9.1899)
Article
Transvaal-Fragen
Date
1899-09-08
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 36 „Die H Welt“ Antheils“, er hatte auch dadurch schon einen ganz exceptionellen Platz in der Geschichte des Judenthums sich erworben, in dieser Geschichte der Wunder, von der man mit Lessings „Nathan“ sagen kann: Der Wunder grösstes ist, dass die Wunder so alltäglich werden können. Aus dem dunklen Gewölke, das sich über der Transvaal-Republik zusammenzieht, kam ein unheimliches Wetterleuchten, während wir mit unseren zionistischen Brüdern aus Johannesburg in Basel beisammen sassen. Sic haben dessen kaum geachtet, denn mit all ihren Gedanken und Gefühlen waren sie bei dem Regenerationswerke, das wir an uns selbst, an dem Judenthum zu vollbringen trachten. Uns ist — mit dem vulgären Sprichworte geredet — das Hemd näher als der Rock. Wir haben nicht Partei zu ergreifen in dem Gonfliet, der zwischen dem mächtigen England und dem kleinen Transvaal-Staate sehwebt; wir sind auch nicht berufen, darüber naciizusinnen, welche Wirkung ein britischer Streich gegen die steifnackigen Roers auf das Verhältnis zwischen England und Deutschland üben würde. Wenn die civilisiertesten unter den Weltmächten mit ihrer Golonisationspolitik in fernster Ferne aufeinander stossen, so erblicken wir dtirin keine Gefährdung, sondern eine Förderung der zionistischen Idee. Denn an allem, was der Ausbreitung der Gultur zustatten kommt, nehmen wir unseren Antheil, weil wir selbst nichts anderes wollen, ab dass man uns ein selbständiges, sich selbst bestimmendes Element dieser Gultur werden lasse. Sich selbst bestimmend: das will im zionistischen Sinne besagen, dass man uns durch fruchtbare Arbeit auf eigener Scholle, durch autochthone Arbeit beweisen lasse, wie sehr wir nationaler Eigenberechtigung wert sind. Die Roers in Transvaal sind ein Beispiel, das wir wohl für uns mit gutem Grunde citieren dürfen. Nur dass wir uns getrauen, der allgemeinen Gultur noch besser dienen zu können, weil wir mehr als sie in dem grossen Strome der Völkerentwicklung mitgetrieben haben, und weil die Scholle, auf welcher wir uns zu erproben hoffen, älterer Culturboden ist als Transvaal. In diesem Bewusstsein, das von Selbstüberhebung weit entfernt ist, haben wir uns „zu Basel in der Stadt" von unseren Johannesburger Brüdern verabschiedet. Es war das Bewusstsein einer Zusammengehörigkeit über Erdtheile und Meere hinweg, wie sie innerhalb des Judenthums seit fast zweitausend Jahren nicht mehr erlebt worden ist. Eine Zusammengehörigkeit, der seither zum erstenmal wieder das positive Ziel der Erneuerung unseres Volksthums gesteckt ist. Der Erneuerung und Sammlung. Denn nur in freier Volksgemeinschaft wird von uns das Elend der Zerstreuung genommen werden, die ein Exil ist, bitterer und entwürdigender als das Exil, über welches Dante in herzerschütternden Worten sich beklagte. Kol Nidre. Von Leo Rafaels. Nach einem ganzen Monate ungewöhnlicher Andacht und Feierlichkeit, ein Tag athemloser Stille — selbst die kurze Mahlzeit bringt keine Unterbrechung in den schweren Ernst der Stimmung, und wie die Schatten länger und länger werden, und die schrägen Strahlen der Spätherbstsonne das Antlitz des Vaters und der Mutter berühren, sehen sie so fremd, so heiligüberirdisch aus! Die Kinder warten mit geheimer Angst und doch auch mit Sehnsucht auf den grossen, den unvergesslichen Augenblick: jetzt ist er da! Der Vater legt die rechte Hand dem Knaben, die linke dem Mädchen aufs Haupt und segnet sie mit den uralten Worten des Erzvaters, während die Mütter eine Thräne um die andere in den geschlossenen Augen zerdrückt. Wir gehen zu Kol Nidre. Das ist eine einzige, unentbehrliche und unersetzliche Stunde, da die Sonne hinter den Bergen verschwindet, und wir uns anschicken, vierundzwanzig Stunden unserem ureigensten Ich, unserer innersten Seele zu lauschen. Die Aussenwelt mit ihren lockenden, ablenkenden, lärmenden Geschäften versinkt, wie wir die Schwelle des Gotteshauses betreten, das Schicksal, das uns das ganze Jahr über nach seinem Gutdünken jagt und hetzt und formt wie der Töpfer mittelst der Drehscheibe seinen Thon, hält still in seinem Laufe, unsere eigenen Leidenschaften, die sonst nach ihrem Willen mit uns spielen, uns umherschleudern und abnützen wie Ebbe und Flut das am Meeresufer liegende Gestein, weichen für die Dauer von Nacht und Tag ehrerbietig zurück und lassen uns unangefochten allein mit unserem Gemüt he, unserem Gott. Alle, die Wissenden wie die Ungelehrten, sehen voll dieser seraphischen Stimmung dem Kol Nidre entgegen. Wunderbare Töne aus einer alten, wundersamen, verschollenen Welt schlagen an unser Ohr, und das letzte Stäubchen Alltäglichkeit wird, durch die himmlische Melodie von unserer Seele genommen. Bliebe es doch bei den Tönen in diesem weihevollen Moment! Aber das Kol Nidre besteht aus Worten, und mit dreimal wiederholter Nachdrücklichkeit drängen sie sich unserem Gemüthe auf: welch seltsame Worte am Eingänge dieses einzigen Abends! „Alle Gelöbnisse, Versagungen, Bannsprüche, Verbote, Verwünschungen, Selbstpeinigungen und Schwüre, die wir angeloben, beschwören, uns verbieten und auferlegen, von diesem Versöhnungstage an bis zum nächsten Versöhnungstage — ich widerrufe sie aliesammt, sie seien gelöst, aufgehoben, vernichtet, verfallen, ohne Wert und Bestand. Unsere Gelöbnisse sind keine Gelöbnisse, unsere Versagungen sind keine Versagungen, unsere Schwüre sind keine Schwüre.“ Der Gegensatz zwischen Text und Melodie ist ebenso verblüffend, wie der räthselhafte Inhalt dieses in juristisch-pedantischen Ausdrücken abgefassten Vorbehaltes, und das Allerseltsamste an der Sache ist es, dass ein so auserwählter Moment, wie es der Eingang des einzigen Abends ist, darauf verwendet, man kann ruhig sagen: verschwendet wird, einen unverständlichen Brauch am Leben zu erhalten I Wir sind weit davon entfernt, die beneidenswerte Sicherheit jener Reformer im Judenthume zu theilen, welche mit Entschlossenheit alles aus dem Gebetbuche und dem jüdischen Leben ausmerzen, was ihnen unverständlich erscheint. Wir wollen dem Kol Nidre nicht den Proeess machen, wie es von clirstlicher Seile aus Bosheit oder Unkenntnis, von jüdischer aus Aengstlichkeit geschehen ist. Es ist auch nicht unsere Absicht, an dieser Stelle die geschichtlichen Umstände zu schildern, aus denen vermut blich das curiose Denkmal einer selbst im Judenthume unterfiegangenen Lebensführung entsprang. Nein, das Kol Nidre erregt Gefühle und Gedanken ganz anderer Art. Die armen Leute dort in den letzten Bänken und die empfindsamen frommen Frauen auf der Gallerie vergiessen heisse Thränen beim Kol Nidre, sie nehmen das Curiosum offenbar fhr das, was es nach der Gelegenheit und der Melodie sein sollte, ein inbrünstiges Gebet — das mag komisch nehmen, wer will, mir schneidet dieses Missverständnis ins Herz, und der

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