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Die Welt · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Article
Ein neuer Ghetto-Dichter
Date
1899-09-01
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 „Die Welt“ Seite 15 in den interessierten, sondern auch in allen gebildeten Kreisen Amerikas grosses Aufsehen erregt. B. Jacobs. Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-SSeiner. Das Mondlicht lag klar über dem Häusergewirr von Jerusalem, der Hauptstadt des alten David-Reiches auf den Bergen von Judäa. Das Liebt war nicht hell genug, um die Falten, Risse und Sprünge im Angesichte Zions hervorzuheben; ein matter Glanz verklärte die alten Mauern und Zinnen, ja selbst die schmutzigen, engen Strassen des Juden Viertels waren in feierliche Farben getaucht. Ruhe, majestätische Stille herrschte in der ganzen Stadt, nur vom Damaskusthore her, wo einige Beduinen lagerten, erscholl es wie ein heiseres Gröhlen: es waren die Karneole, die im Traume aufstöhnten. Man schläft frühzeitig in der heiligen Stadt, wo weder Gesang, noch Musik, noch irgend eine Unterhaltung den Abend verlängern. Das feierliche Bild mit seinen seltsamen Farben und Stimmungen, das die Zionsstadt im Mondlicht bietet, es schwindet dahin, ungesehen, unbeachtet. Nur wenn Vollmond eintritt, dann versammeln sich die Juden auf den freien Plätzen und begrüssen das wechselnde Gestirn. Vor dem jüdischen Hospiz in "der Nähe des Bab el Magharibe, Thor der Moghrebiner, auch Mistthor genannt, versammelten sie sich am späten Abend und riefen ihr Salem Aleikum in die Höhe, den Willkommgruss dem Lichte cles Mondes, das ihnen Zeitmass ist und die Festtage bestimmt. Dann giengen sie auseinander, jeder in sein zellenartiges Heim des langgestreckten Gebäudes. Ein Mann war zögernd zurückgeblieben; die hagere Gestalt in einen kaftanartigen Rock gehüllt, das faltige, schmale Gesicht ganz eingewachsen in einen mächtigen grauen Bart, die Augen lagen tief in den Höhlen unter buschigen Brauen, aber aus ihrer Tiefe blitzte es mit seltener Kraft, fast wie in jugendlichem Feuer. Der Mann gieng durch den Hof mit ungeschickten Schritten, an denen man es sah, dass er seine Beine selten in Bewegung setzte. Er blieb stehen und blickte nach Osten, dort, nicht weit von seinem Platze, wölben sich Kubbet es Sachra und El Aksa, die beiden Moscheen auf dem Berge Moria, dem einstigen jüdischen Heiligthume. Er hob beide Arme langsam-in die Höhe, und blieb verzückt stehen. Er träumte Vergangenheit, Von dort leuchteten die Gebäude des Tempels in die Lande, jenes prächtigen Baues, der zu den Wunderwerken der Welt zählte. Dort rauchten die Altäre zu Ehren Jehovas. Priester und Leviten sangen, und die Orgel ertönte in mächtigen Toriweilen, die bis nach Jericho an den Jordan hinabfluteten.-Vergangenheit. — Er seufzte tief auf rilies zerstört und erstorben. Dann wendete er das Gesicht gegen Norden; sein Gesicht verfinsterte sich, die Arme fielen herab, das Haupt beugte sich tiefer, und ein Schauer fuhr durch seinen hageren Körper: „Dort, dort — Guigoleth — Golgatha!“ Ein schmerzhafter Laut entwand sich sein-.r Kehle, ein Laut, den er im Entstehen zu unterdrücken versuchte. Er bewegte sich über den Hof, langsam, dann etwas rascher, immer schneller; es war, als wenn eine geheime Macht ihn gegen seinen Wilh-n hemmhetzte. Dann zog er langsam durch den Hared elJehud, die Judengasse. Ais er zum buk el Bizar kam, dort, wo das Juden viertel endet, stand er still, wie uni zu überlegen, dann zog es ihn wieder weiter, durch die Bazarstrasse, er wendete sich nach rechts in den Hared en Nazara, in die Christenstrasse. Nun blickte er nach rechts und links, alles ruhig und stille, nichts regte sich in chm schmalen Gassen, nur sein Schatten wandelte mit ihm. Sein Gesicht wurde noch ernster und strenger, die Falten auf der Stirne und in den Mundwinkeln zogen sich enger zusammen, die Lider fielen über die Augen, in sich versunken zog er dahin, langsam, scheu, auf verbotenen Wegen. Niemand sah ihn. Nur Gott, sein Name sei gelobt. Der aber kannte das Begehren seines Herzens und würde ihn nicht verlassen. Nun stand er vor dem Hofe der Grabeskirche auf Golgatha. Was war es, das er hier suchte, das er hier wollte, auf diesem Platze, den noch nie der Fuss eines gläubigen Juden betreten? Er wusste es nicht. Es war über ihn gekommen in dieser stillen Mondnacht, das, woran er schon seit Jahrzehnten gedacht, das, was ihn übers Meer hergetrieben hatte: „Sie hassen uns, sie hassen uns, und doch weiss ich nicht, warum!“ so hatte er oft in seiner Noth gerufen. Friedlos hatte er in Europa seine Tage verbracht, in steter Furcht vor der Zukunft seiner Brüder, denn er fürchtete, dass sie sich nach der blutigen Vergangenheit gestalten werde. Er war hierher geflohen in die Heimat seiner Väter, um Ruhe zu finden vor dem Hasse der Nichtjuden. Hier aber war die Quelle alles Unheils, wie er vermeinte; dort, dort, an dieser unglückseligen Stelle, da war es geschehen. Er legte die Hände über sein Angesicht, als fürchtete er, blutige Gesichter zu schauen. — Und immer vorwärts, leise und zögernd, zog es ihn dann einige Stufen hinunter; nun stand er vor dem Thore der Kirche. Was wollte er hier? Das grosse Räthsel lösen? Die achtzehn Jahrhunderte zurückrolhn? Er hatte alle Bücher, heilige und profane, durchstöbert und immer wieder gesucht und gesucht und nichts gefunden. „Es ist nicht wahr, wir haben es nicht getlian, die Römer, die Römer waren es, die Blutschuld wurde uns aufgedrängt!“ So kam es hastig zwischen den Zähnen hervor. Er lehnte den Kopf an die Schnalle des Thores, um einen Halt zü finden. Eine plötzliche Müdigkeit war über ihn gekommen, es war, als ob das Leid seiner Brüder, die schwere Qual der vielen Generationen eine unerträgliche Last auf seine Schultern bürde. „In unseren Büchern steht alles“, murmelte er, „wir machen keine Götter aus uns und keine Engel, alle Fehler und alle Laster werden bekannt — warum sollten wir das eine verbergen, geleugnet haben, gerade das, was unser Elend verschuldet, und was die ganze Welt uns mit tausend Stimmen ins Gesicht schreit?!“ Sein Blick haftete auf der Erde und — was konnte das sein? — ein Lichtschimmer drang von unten her durch das Thor. Er beugte sich nieder; eine grosse runde Oeffnung war in das Holz geschnitten, und die ewigen Lichter der Grabeskirche warfen einen fahlen Schimmer durch die Rundung. Er beugte sich zu Boden, um in das Innere zu blicken. Der Schein der flackernden Oellampen bewegte sich durch den dunklen Raum. Dem alten Juden engte sich das Herz zusammen. Hier war es geschehen, hier hatte sich das Geschick seines Volkes verdüstert. Von hier war alles Unheil gekommen, das seit fast zwei Jahrtausenden auf Israel lastet. Und das alles eines Missverständnisses wegen. „Die Römer haben es getlian.“ „Warum sprichst Du nicht laut, o Rabbi Jeschua von Nazareth, dass wir unschuldig sind! Wir haben es nicht getlian.“ Er lugte durch die runde Oeffnung. Ein leises Flüstern zog nun durch die Hallen: „ Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!“ Dann wurde es ein Murmeln und immer stärker und endlich ein lautes

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