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Die Welt · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Article
Ein neuer Ghetto-Dichter
Date
1899-09-01
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die Hc Welt“ Nr. 35 zu Gesichte bekommt, und der erschütternde Gedanke drängt sich ihm auf, dass er eines Tages, wenn sein Lohnchen erwachen und nach dem Vater fragen wird, nicht mehr unter den Lebenden weilen wird. Lieblich, wie die Nachtigall, preist er die Schönheit des Frühlings und des Sommers. Was gäbe er darum, wenn er sich an der Herrlichkeit der Natur weiden, sie mit vollen Zügen gemessen könnte! Verzweiflung bemächtigt sich seiner darob, dass dies dem „aremen Gesind“ nicht gegönnt ist, dass der Tod erst ihn in innige Fühlung mit der Natur bringen wird. Er flucht den jüdischen Ausbeutern, welche nur ihrem lieben Ich fröhnen, durch das Mark, das Blut und die Thränen ihrer Sklaven feist werden, in dem Arbeiter keinen Menschen, sondern nur ein Werkzeug, ein Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke sehen, das, was sie sind und haben, jenem „geganvet“ haben. Und den Millionären macht er in dem typischen Genrebilde „Die Lichtvar k ä u f e r i n“ die heftigsten Vorwürfe darüber, dass sie auf „Kowed“ und Luxus enorme Summen verwenden, und die Mühseligen und Beladenen verhungern lassen. Eine Perle der Proletarierpoesie ist das an ein Mädchen gerichtete Gedicht „Wuhin?\ in welchem Anmuth und wuchtiges Pathos sich harmonisch die Hand reichen. Es lautet: Wuhin, wuhin, Du schönes Kind? Die Welt is' noch nit offen! O seh’, wie still da is’ arum! Var Tag — die Gassen stehen stumm, — Wuhin, wuhin aso geschwind? Jetzt is* doch gut zu schlafen: Die Blumen träumen doch noch, — sehst? Es schweigt noch jedes Vogelnest, — Wuhin fort treibt es Dich azünd? Wu läufst Du, sag’, beginnen? „Ich geh’ vardienen!" Wuhin, wuhin, Du schönes Kind, So spät bei Nacht spazieren? Allein durch Finsternis un’ Kalt’! Un’ Alles ruht, es schweigt die Welt, — Wuhin fort tragt es Dich der Wind? Du west doch noch varirren . . . Kaum hat der Tag Dir nit gelacht, Was kann Dir helfen denn die Nacht? Sie is’ doch stumm un’ taub un’ blind! Wuhin mit leichten Sinnen? „Ich geh’ vardienen!“ Den Arbeiterliedern reihen sich nationale Lieder an. Morris Rosenfeld ist ein Sänger des nationalen Judenthums, des Zionismus. Dieser ist ihm der einzige Rettungsanker für seine vaterlandslosen, in der Welt lierumgestossenen, „zu Jessurim gewöhnten“ polnischen Brüder, welche das Lachen längst verlernt haben, denen die Freude ein Märchen aus uralten Zeiten ist, deren Lieder auf den Gruudton: „Wander un' wander!“ gestimmt sind: A zittrige Ikyn, a True, a Schworim — O das ist azünder der jüdischer Gust, A Gust, was erweckt nor Gefühlen zu Kworini, A Gust, was zuschmettert a stahlene Brust. A Tfile — leoni, a Jajle, a Kine — O das is’ die jüdische süsste Musik, Seit dort, in sein heilige B’somim — medine, Verstört is’ gewor’en sein Freud un’ sein Glück. Seinem Weh über das einzig in der Geschichte dastehende Martyrium seines Volkes gibt der Dichter vollendeten Ausdruck in den Liedern: „Auf ’n Busen vun Jam“ und „Der jüdische Mai“. Die Erde hat ihre Wiederauferstehung gefeiert, sie prangt in der bezaubernden Pracht des Wonnemonats, überall blüht und grünt es, die Vögel lassen in fröhlichem Wetteifer ihre Lieder erschallen, und in des Menschen bange Brust hält die Freude ihren Einzug. Nur der Jude hat keinen Frühling, denn in ihm erwacht mit den alten Erinnerungen die alte unbezwin gliche Sehnsucht nach der verlorenen paradiesischen Heimat. Doch Glaube, Hoffnung und Liebe lassen den Dichter nicht verzagen. Der Zionismus verheisst ihm einen neuen Mai, er begrüsst ihn als eine Bürgschaft für unsere Rückkehr in das heilige Land, er erkennt in ihm die Feuersäule, die uns den Weg nach demselben zeigt: Wein’ nit, hist noch nit verloren, Chotsch, Du bist vun Leiden müd, — Neue Jahren, gute Jahren Winken schon zu Dir, mein Jüd! Hörst Du durch die Wolken ziehen Himmelreiche Melodien, Süsse Kruwim-harmonien? Hörst Du, hörst dem neuen Lied? Wieder wet Dein Esreg schmecken, Glanzen wet Dein Appelsin’; Wieder wet sich Gott erwecken Un’ wet bringen Dich ahin . . . Singen west Du Hirtenlieder, Pasch endig noch Deine Schaf’; Leben west Du, leben wieder, Leben ebig, ohn’ a Sfof Nach Dein schrecklicher Nessle West Du athemen mit Lust — Unter’m stummen Barg Morie Klappt es noch a Heldenbrust . . . Keiner wet Dich nit mehr treiben Mit Silsulim ohn’ a Zahl! In der Heim west Du varbleiben, Still un’ ruhig, wie a Mal. Von zündender Wirkung ist das Lied von dem tapfern jüdischen Soldaten, dessen Grab nicht weit von Plewna einsam und verlassen liegt. Der Dichter hat eine Vision. Er sieht den Helden mit blankem Schwerte aus dem Grabe auferstehen. Derselbe ruft seine Kriegskameraden zum Gerichte als Zeugen dafür, dass er in der Schlacht treu gekämpft und gleich ihnen für Russlands Ehre sein Leben gelassen habe. Und wie sein Wort verklingt, entsteigen sie ihren Gräbern, erheben ihre Hände und schwören: „Du bist gestorben ehrlich far Dein Land!“ Dann gehen sie wieder in ihre Gräber zurück und der jüdische Soldat stellt auf der Festung und ruft mit donnernder Stimme : Hast mich vun meim Weib un’Kind gescheidt! Gestorben bin ich far Dein Ehre jungerheit! — Far was vrajagsfc Du meine Elende ajiind? Ich schick’ a tiefen, schweren Fluch Dir durch den Wind!“ Kaum sind diese Worte dem Gehege seiner Zähne entflohen, da erhebt sich ein gewaltiger Sturm und trägt mit wilder Hast seinen Fluch nach dem Pa! aste, wo die auf die Juden veranstaltete grausame Jagd ausgebrütet wurde. Rosenfeld zeichnet sich selbst in den Versen, mit denen das dem „Bessolem - ssolomwei“ (Friedhofs- Nachtigall) gewidmete Lied schliesst; Elend seht er, Not un’ Schmerzen, Wunden tragt er tief in Herzen, Nit gelindert, nit gestillt; — Auf dem grossen Welt-bessalmen Krächzt er trauerige Psalmen, Stimmt er an sein Harf un’ spielt. Und dann verklärt ein Sonnenstrahl sein Angesicht, wenn er seiner Leier Lieder zum Preise des Zionismus entlockt. Zum besseren Verständnisse der Jargon-Gedichte, in welche nicht selten slavische Worte eingeflochten sind, hat Leo Wiener, ein gleichfalls nach Amerika ausgewanderter russischer Jude, der gegenwärtig als Professor der slawischen Sprachen an der Harvard-Universität wirkt, sie ins E *glische übersetzt und ihnen im Anhänge ein Wörterbuch beigeben. Die Lieder sind unter dem Titel „Songs from the ghetto“ in Boston erschienen und haben nicht nur

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