Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Article
- Sommerfrischlergedanken
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt44 Nr. 35 fühlbar zu machen scheint, wenn der Leib mit der Umgebung, in der seine Nahrungsquellen liegen, ein elendes Compromiss schliessen muss. Ich glaube, wenn ich mich in der Stadt langweilen müsste wie jener Corsostutzer, so würden tausend gesunde Triebe in mir wach, die aus den Mauern hinaus verlangten. So aber fühle ich mich wohl und zufrieden. Und käme nie der Tag, mich durch einen natürlichen Gegensatz meiner Lebensweise machtvoll aufzurütteln, so fände ich es am Ende für gut und angemessen, meinen armen Leib immer und ewig auf Halb- oder Viertelsold zu setzen. Und durch den unaufhörlichen Besuch des Theaters, die nimmer ruhenden Vereinsdiscussionen, durch die Lectüre der jeweiligen Neuerscheinungen in der Literatur würde aus mir ohne Zweifel ein immer vergnügterer, blasierterer und gebildeterer Mann — mit immer schlechteren Augen und elenderen Lungen. Aber eines Tages im Sommer, da die Theatersaison zu Ende und die Bibliotheken geschlossen sind, setze ich mich in ein Eisenbahncoupe und fahre in die Sommerfrische. Plötzlich befinde ich mich im Gehege eines murmelnden Baches, eines rauschenden Waldes. Und vom Wald, dort wo er seinen mächtigen Fuss aufstemmt, läuft eine Wiese weg, die voll Klee und süsser Blumen, und Felder, die voll schaukelnder Halme stehen. Und der närrische Städter athmet in der reinen, von allen Seiten einströmenden Luft tief auf, n tausend Dingen ergötzt sich sein Auge, nach dem ersten Spaziergang kehrt er mit trunkenen Sinnen heim. Voll gerührten Staunens fragt er sich, wie er es nur so lange in der dumpfen Stadt ausgehalten, fern von Licht und Luft? Und wie ihm dieser grüne Hang hier und der prächtige blaue Himmel dort nicht hat fehlen können P Ihn beschleicht ein seltsames Mitleid mit sich selber, der monatelang hingelebt hat in der Entbehrung vieler Herrlichkeiten, die ihm nach einem Tage des Genusses schon unentbehrlich dünken. Nur der Städter kennt dieses tiefe Naturgefühl, das sich mit Mühe von Exaltationen frei erhält. Nur er liebt mit Zärtlichkeit den bewachsenen Fels, den weiten Horizont, die wehende Luft. Zu diesen Natürlichkeiten allen weiss er sich mit reuiger Innigkeit einen Heimgekehrten... * * * Während das Murmeln des Baches mir die Ohren füllt, kommt mir dieser Gedanke: Es kann wohl einer ganzen Menschengruppe, einem ganzen Volke so ergehen, wie mir, dem Stadt-flüchtigen. Und nun gar meinem Volke wären solche Empfindungen eines Sommerfrischlers wohl zuzutrauen. Jahrhunderte lang ist es von der Natur förmlich ausgesperrt, im Druck und Elend der Städte hat es gelebt, hat im fahlen Lichte stumpfe Augen, in der stickigen Luft enger Gässchen an halben Athem gewöhnte Lungen bekommen; ist ein geistreiches, krankes Volk geworden. Sie, die Nachkommen von Bauern, die auf freien Berghalden die herrlichen Naturlieder des Schir-haschirim gesungen, setzen sich an einem freien Tage, statt ins Grüne zu geh» n und die uralten Instincte wieder zu beleben, lieber ins Kaffeehaus, um Zeitungen zu lesen; und viele von ihnen, die noch keines Sonnenaufganges ansichtig geworden, sind ständige Besucher der Premieren. Im Orient heissen wir das Volk des Buches, man denkt dabei an die einzigartige Bedeutung der Bibel für unser inneres Leben. Aber mit grösserem Rechte dürfte man uns heute ein Volk der Bücher, der Stuben und der Städte nennen. Erst in jüngster Zeit bereitet sich da ein Wandel vor. Alte Sehnsucht nach einem natürlichen Leben wird wieder wach in uns. Wir besinnen uns auf eine nicht nur entfernte, sondern auch fremd gewordene Vergangenheit. Die neue Bewegung, die durch unser Volk geht, will nicht nur eine Rückkehr zur Selbstständigkeit des staatlichen, zur Sicherheit des socialen Lebens, sie bedeutet vor allem eine eigentliche Heimkehr zur Natur. Vielleicht drückt man diese Sehnsucht am besten so aus: Das ganze Volk möchte gerne in die Sommerfrische gehen. Es entwickelt sich, in noch schüchternem Gegensatz zu eingewurzelten Ghetto-Anschauungen, eine tüchtige Wertschätzung körperlichen Lebens. Der arme jüdische Leib regt sich und reckt sich an Barre und Kletterstange. Wie das wohl thut nach der langen Erstarrung der Glieder! Man muss nur einmal die naive Kinderfreude jüdischer Turner über einen gelungenen Sprung beobachtet haben. Jüdisches Kraftbewusstsein — in die Freude mischt sieh eine leise Trauer darüber, dass es uns so seltsam anmuthen darf, uns, deren heiliges Buch mit sichtlicher Genugtuung von der Riesenstärke Simsons erzählt! Freundliche Gedanken lassen sich von da weiter denken. Auf dem Wege in die Sommerfrische blüht viel Trost. Nicht einmal die eigene Scholle vermag ein alt gewordenes Volk so zu erneuern, wie der Wille zur Gesundheit und die schwellende Freude an der Kraft. Das geht nun so: zuerst wird sich der Sommerfrischler seiner Städter-Instincte bewusst, dann sucht er sie aus seinem Blut zu treiben. Er will, dass Licht und Luft ihm Bedürfnis werde. Und wer den Willen hat, sucht Licht und Luft. Und schliesslich leiht er diesem Willen die besten unter seinen strebenden Kräften. Das ist der naturalistische Sinn unserer modernenVolksanstrengung: Der Sommerfrischler möchte Bauer werden. Man braucht deshalb noch nicht an den leidigen Typus des Bauern zu denken, wie er so leicht den Witz des Städters lockt. Die Verbauerung, die Beschränktheit des Pflugnaehtrotters ist nicht nach jüdischem Geschmacks. Und brauchts nicht zu sein: es lässt sich ein jüdischer Bauer vorstellen mit einer Bücherspinde daheim an bevorzugter Stelle. Hören wir nicht, dass die palästinensischen Golonisten einen ständigen Posten für Bücherankauf in ihrem Budget eingestellt haben? Darum darf man uns aber noch nicht die Geschmacklosigkeit Zutrauen, von einem Landmanne zu träumen, der über den Feldrain hinweg mit dem Nachbar wissenschaftliche Disputation pflegt. Nein, solange er Bauer ist, soll er es ganz bleiben. Und wenn er abends bei seinem guten Buche sitzt, soll er manchen Windbeutel von Städter beschämen können. Es ist gewiss, dass unser körperliches Leben einer geänderten Umgebung und einer gründlichen Erfrischung bedürftig ist. Aber das andere ist nicht minder gewiss: dass unser geistiges Leben dabei nur gewinnen kann. Zu sehr ist es der Nervosität und einer zu weitgehenden Verfeinerung verfallen. Unsere Logik ist vom Pilpul, unsere Kritik von spielerischer Dialektik überwuchert und unserem hastenden Denken thäte besonnene Stetigkeit und, man möchte sagen: etwas bäuerische Schwerfälligkeit noth. Zwischen den in mühseliger Arbeit errungenen Garben werden wir eine Cultur der Kraft und Ruhe gewinnen. Neben den glorreichen Jahrhunderten, in denen der jüdische Geist den Samen ethischer Begriffe gewogen und ins Erdreich der Menschheitscultur gestreut, wird die Herrlichkeit d e r Zeit nicht zu erblassen brauchen, da die jüdische Hand