Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Article
- Der dritte Congress
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die £ Welt“ Nr. 35 beschränkt wurde. Diese Bestimmung wurde in so exacter Weise getroffen, dass wohl selbst die Besorgnisse der Furchtsamsten und Misstrauischesten dadurch zerstreut worden sind. Von grosser Bedeutung war auch die Debatte über die Verleihung von sieben Gründershares an die sieben Bankdirectoren. Diese Verleihung sollte nach dem Versprechen des Actionscomites auf Lebenszeit erfolgen. Da zeigte es sich denn, dass selbst das grosse Vertrauen zum Actionscomite nicht genügte, um die schärfste Kritik dieser Massregel hintanzuhalten. Es war einer der erregtesten Momente des Gongresses, als das Actionscomite seinen Beschluss durch Androhung der Demission im Falle der Desavouierung durch den Gongress durchsetzte. Bekanntlich haben die Bankdirectoren auf diese erzwungenen Actien verzichtet, trotzdem oder weil diese Männer einsahen, dass der starre Widerstand des Gongresses nicht ihrer Person, sondern nur dem Principe galt, diese höchste Ehrung nur durch den Gongress selber verleihen zu lassen. So hat auch dieser Zwischenfall wieder unserer Sache Nutzen gebracht. Die Leitung lernte die Grenzen ihrer Machtsphäre kennen, und der Gongress bekundete einfür allemal, dass er gesonnen sei, über seine Prärogative eifersüchtig zu wachen. In diesem Zusammenhänge sei auch einer anderen Thatsache gedacht, welche von allen Delegierten und auch von der Leitung aufrichtig begrüsst wurde. Aus der Mitte des Gongresses .erfolgte die Aufforderung an die Führer der Bewegung, geduldig zu sein und sich nicht durch Intriguen oder Machenschaften, von welcher Seite sie immer kommen mögen, zu einem übereilten Tempo verleiten zu lassen. Und gerade ein Delegierter aus dem Hauptcentrum der Bewegung, aus Russland, war es, der die Erklärung abgab, die Massen des jüdischen Volkes hätten volles Vertrauen zu ihren Führern, sie würden geduldig ausharren, wenn auch die Realisierung derzionistischen Pläne noch lange Zeit erfordern sollte-, und wenn man ihnen auch nichts verspräche. Es war ein schönes Zeugnis für den Ernst des Gongresses, dass diese Erklärung als etwas Selbstverständliches, allgemein Anerkanntes von allen Seiten bestätigt wurde. Die gleiche Einmüthigkeit machte sich auch geltend, als der Organisationsentwurf im Plenum zur Sprache kam. Der Entwurf des Actionscomites war von dem aus Vertretern aller Landsmannschaften gebildeten Organisationsausschüsse lange berathen und vielfach geändert worden. Das Actionscomite acceptierte die hauptsächlichsten Aenderungen, und so konnte eine Organisation geschaffen werden, welche durch ihre Klarheit und Zweckmässigkeit die Anerkennung selbst strenger Beurtheiler des Gongresses erlangte. Durch diese Organisation ist der denkwürdige Bau der jüdischen Volksvertretung im grossen und ganzen beendet. Die ersten beiden Gongresse zeigten wohl das Aeussere des Baues in stolzen und kraftvollen Linien, die innere Einrichtung aber ist in ihrer definitiven Form erst dem dritten Gongresse Vorbehalten geblieben. Die folgenden Gongresse werden vielleicht noch einzelne Details am Aeusseren und im Inneren ändern. Fundamentales werden sie kaum mehr hinzufügen können. Ihre Aufgabe wird es sein, die Pracht des Baues und seine Wohnlichkeit mit jedem Jahre zu erhöhen, bis er einst imstande sein wird, das ganze jüdische Volk aufzunehmen, wie er bereits jetzt den eifervollsten seiner Söhne ein heissersehntes und mit ganzer Seele geliebtes Gedankenasyl bereitet hat. So hat dieser Gongress in vollem Masse seine Aufgaben erfüllt. Ausser diesen wichtigen Aufgaben hat er aber auch andere erledigt, die, wenn auch weniger auffallend, so doch nicht bedeutungsloser waren. Es sind dies namentlich die sogenannte Gultur- und die Colonisationsfrage. Diese beiden Fragen zählen zu den heikelsten, welche der Gongress aufzuweisen hat. Es zeigt von der Loyalität und dem gegenseitigen Vertrauen der Parteien, dass auch in diesen Punkten eine vollständige Einigung erzielt werden konnte. Hier vor allem hat gegenseitiges Entgegenkommen einen modus vivendi geschaffen, der eine ruhige Entwicklung verspricht. Die Namen der Männer, die in die ständigen Cultur- und Colonisations- Commissionen berufen wurden, haben guten Klang bei Freund und Gegner. Sie zeigen, dass die Vertretung der Zionisten bestrebt ist, allen Meinungen Spielraum zu ihrer Betätigung zu gewähren. Bedenkt man ausserdem, dass der Gongress sich auch in voller Harmonie in Bezug auf die religiöse Frage befand, dass von der Leitung und von den Delegierten entschieden betont wurde, der Zionismus werde nie etwas gegen irgend eine religiöse Richtung im Judenthum unternehmen, weil alle gleichen Anteil, gleiches Anrecht haben an der Zukunft unseres Volkes, so muss man zugeben, dass der dritte Gongress auch in dieser Beziehung der Anerkennung aller ehrlichen Juden sicher sein kann. Gerade diese Harmonie in all den Fragen, die schon soviel Streit und Unglück in der Judenschaft aller Länder hervorgebracht haben, beweist von neuem, welche gesunde Bewegung der Zionismus ist, wie er alles Kleinere und Nebensächlichere leicht dem grossen Hauptzwecke unterzuordnen versteht: der endlichen Erlösung unseres Volkes. Dieses Sich-verstehen-wollen, diese Schätzung des anders gesinnten Volksgenossen, ohne seine eigene Ueberzeugung preiszugeben, ist einer der schönsten Züge im Zionismus, Ein kleines Beispiel, das alles sagt. Engländer, Russen, Amerikaner, Rumänen, alle sprachen sie deutsch, um allen anderen verständlich zu sein. Und dieses holperige, oft komische Deutsch, es hat doch kein Lächeln hervorgerufen. Es war ein kleines Opfer auf dem Altäre unserer Bewegung. Ein einziges Mal während des letzten Gongresses schien es, als ob plötzlich alles Entgegenkommen, alles Tolerieren den Delegierten abhanden gekommen wäre. Das war, als ein Redner die Colonisation Cyperns befürworten wollte, dabei aber eine abfällige Aeusserung über Palästina machte. Diese ganz überflüssige Provocation rief einen solchen Sturm des Unwillens hervor, dass der Redner überhaupt nicht mehr zum Worte zugelass«>n wurde. Das war aber auch der einzige Fall, wo die „Tyrannei der Majorität“ empfindlich merkbar wurde; sonst war ihr Joch wahrhaftig leicht zu tragen. Ich würde keinen vollständigen Ueberblick über den Gongress geben, würde Hi nicht der hundertzehn Journalisten gedenken, welche die Berichterstattung nach allen Theilen der Welt besorgten. Es ist nichts Verwunderliches, dass die Presse aller Länder unserer Bewegung eine immer grössere Aufmerksamkeit schenkt. Es gibt noch einige wenige .Journale, welche den Gongress ignorieren zu können glauben. Ob sie dies noch lange werden tun können, darf man heute bereits sehr bezweifeln. Sicher ist es, dass jeder Gongress, gerade unter den Berichterstattern dem Zionismus neue Freunde gewinnt, der dritte, wie es scheint, mehr noch als die früheren. Und das wird nicht sein geringstes Verdienst sein.