Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Article
- Der dritte Congress
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Was unterscheidet den dritten Congress von den beiden vorangegangenen? Bedeutet er einen Fortschritt, einen Stillstand oder gar einen Rückschritt? Das waren die Fragen, die man mir vorlegte, als ich eine retrospective Kritik der eben verflossenen Congresstage geben sollte. Ich konnte rasch und sicher antworten. Der erste Congress — eine unvergessliche Manifestation von folgenreichster Bedeutung. Der zweite — die legale Fixierung einer empirisch gewonnenen Erkenntnis. Der dritte — ein Congress wohlüberlegter und genau umschriebener Arbeit. Und die zweite Frage erledigte sich durch diese Beantwortung der ersten. Wenn ruhige, sachliche Arbeit, wenn die Sicherung der gewonnenen Erfolge, wenn der Ausbau des Begonnenen als Errungenschaften angesprochen werden dürfen, dann bedeutet der dritte Congress einen unleugbaren Fortschritt. Schon in der äusseren Form unterschied sich dieser Congress von den beiden früheren. Der schrankenlose, jede Gelegenheit zu einem gewaltigen Ausbruche benützende Enthusiasmus des ersten, die nervöse Unruhe des zweiten Congresses, die durch die hässlichsten Scenen hervorgerufen worden war, sie machten einer gleichmässigeren, fast nüchternen Stimmung Platz. Wohl gab es Momente voll aufbrausender Begeisterung und solche tiefgehender Erregung auch wählend dieses Congresses; aber bald kehrte immer wieder jene Ruhe zurück, welche eine unumgängliche Vorbedingung ernster Arbeit ist. Sie gab dem Kongresse eine Würde und eine Arbeitskraft, über die wir Zionisten uns freuen dürfen. Und noch Eines. Die Juden, denen man gerne den politischen Sinn rundweg abspricht, bewiesen auf diesem Congresse wieder einmal, wie weit es mit solchen generellen Urtheilen her ist. Am dritten Congresse hielt der Präsident eine politische Eröffnungsrede. Es wurde darin nicht nur über die bisherigen politischen Massnahmen der Leitung berichtet, sondern auch in klarer, unzweideutiger Weise auf die nächsten politischen Schritte hingewiesen* Es war bewundernswert, mit welchem Verständnis diese Rede aufgenommen wurde. Ueber „die schwankenden Bewegungen des Tages“ hinweg, wussten alle diese Männer aus den verschiedensten Berufen, aus weit von einander entfernten Ländern, mit den aufs schroffste von einander abweichenden religiösen und ökonomischen Ansichten das Eine unentwegt festzuhalten, dass sie nach Basel gekommen seien, um e inmüthig für die Zukunft ihres Volkes zu arbeiten, um ihm vor allem den Boden zu verschaffen, auf dem es sich nach seiner eigenen Weise entwickeln und ausleben könnte. Diese Rede war das Ereignis des heurigen Congresses, sie war auch der Prüfstein für das politische Verständnis der Delegierten. Wir dürfen sagen, dass dieses Ereignis voll gewürdigt, und dass diese Prüfung cum laude bestanden wurde. Diese Einmüthigkeit, die bei den wichtigsten Beschlüssen zutage trat, war eine umso schätzenswertere, weil sie voll des Gefühles der Verantwortlichkeit war. In einer seiner bedeutendsten Reden hat Bismarck einmal erklärt: „Die Furcht vor der Verantwortlichkeit ist eine Krankheit, die unsere Zeit ganz durchsetzt.“ Nun denn, wir müssen gestehen, dass wir diese Krankheit bei den jüdischen Volksvertretern in Basel nicht diagnosticieren konnten. Wie man Producte von Krankheitserregern dem Körper injiciert oder inoculiert, um die Immunität gegen gewisse Krankheiten zu erlangen, so wurde auch den Baseler Delegierten diese Furcht immer wieder eingeimpft. Es hat darum gewiss keinen unter ihnen gegeben, der sich nicht seiner Verantwortlichkeit bewusst war. Aber gerade aus dem starken Gefühle dieser Verantwortlichkeit heraus haben die Delegierten ihre Scheu überwunden und ihrer Ueberzeugung in bindenden Entschlüssen Ausdruck gegeben; denn für längere Zeit ist die zionistische Bewegung durch die Beschlüsse des heurigen Congresses in eine ganz bestimmte Bahn geleitet worden. Richtunggebend für diese Bahn sind nicht nur die widerspruchslos acceptierten politischen Entwürfe der Leitung, sondern auch die Beschlüsse über die Jüdische Colonialbank und über die Organisation. Wir dürfen wohl annehmen, dass diese wichtigen Beschlüsse zur Zeit bereits den Zionisten bekannt sind. Vor allem ist nochmals hervorzuheben, dass das Tätigkeitsgebiet der Bank auf Palästina und Serien