Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Article
- Die Rede Dr. Herzls
- Date
- 1899-08-18
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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„Die H Welt“ Seite 7 Nr. 33 Wieder andere Zionisten, und zwar die an materiellen Mitteln mächtigsten, wären mit uns vollkommen einverstanden, wenn wir nicht das Verfahren der öffentlichen Discussion wählten. Werden wir aber ein Ergebnis erzielen, so werden sie mit uns sein. Früher brauchen wir sie nicht, dann werden wir sie haben. Es besteht darüber heute kein Zweifel mehr. Welcher Art. soll nun dieses Ergebnis sein? Sagen wir es mit einem Worte: Ein Charter! Unsere Bemühungen sind darauf gerichtet, einen Charter von der türkischen Regierung zu erlangen, einen Charter unter der Souveränität Sr. Majestät des Sultans. Erst wenn wir im Besitze dieses Charters sind, welcher die nöthigcn öffentlich rechtlichen Sicherheiten enthalten muss, können wir eine grosse praktische Golonisation beginnen. Für die Gewährung dieses Charters werden wir der türkischen Regierung grosse Vortheile vermitteln. Das konnte und kann aber nicht vom Congresse aus geschehen, der die hiezu erforderliche juristische Persönlichkeit nicht hat. Es musste für diese Abmachungen ein eigener Contrahent geschaffen werden. Das ist die Jüdische Colonialbank. Wenn noch irgendjemand die Frage aufwerfen konnte, ob die zionistische Bewegung ein ernst zu nehmender Factor sei — die hunderttausend Subscribenten der jüdischen Colonialbank haben darauf geantwortet. Aus Sibirien, von den Grenzen Chinas, und aus dem südlichsten Argentinien, von Ganada und aus dem Transvaal ist die Antwort gekommen. Die Colonialbank existiert beute. Wir alle, die wir unserer Idee mit immer frischer Begeisterung dienen, haben nicht die Gewohnheit, uns der gebrachten Opfer zu berühmen. Indem wir aber dem Congresse diesen beendigten Theil des Werkes vorlegen, dürfen wir uns einmal das Herz erleichtern und sagen, dass es das bisher schwerste.Opfer war, zu dem wir uns entschlossen. Leute, die nie etwas mit Geschäften zu tliun gehabt, agitierten für die Gründung einer Bank und setzten sich den kränkendsten Verdächtigungen aus. Es musste sein, wir haben es gethan. Heute übergeben wir das Werk dem Congresse, dem wir die vollständige Aufsicht über die redliche und den zionistischen Zwecken dienende Verwaltung der Bank gesichert haben. Der Gongress wird durch seine jährlich neugewählten Vertreter über das Institut verfügen. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, dass das Actiencapital nicht zur Landenverbimg verwendet werden soll. Die Bank ist nur ein Zwischenglied. Auf Grund des erlangten Charters wird erst die eigentliche Landgesellschaft gegründet werden, und zwar selbstverständlich mit einem entsprechend grösseren Capital. Die Beschaffung gerade dieses grösseren Erfordernisses kann aber schon -heute als gesichert angenommen werden, und wir werden Ihnen darüber zu gelegener Zeit Mitthcilungen machen, die jetzt nicht gemacht werden können. All dies hat scheinbar den Charakter von Vorbereitungen, von zukünftigen Unternehmungen. Es ist aber tlialsächlich etwas so Praktisches und Gegenwärtiges, wie eine Saat, die man dem Boden anvertraut. Zuerst war es eine Saat von Gedanken, nun ist es eine Saat von Einrichtungen. Es ist heute noch kein Brot, es ist nur das Brot von morgen. Die Allzusatten mit ihrer vom Wohlleben geschwächten Einbildungskraft wollen uns freilich noch nicht verstellen. Umso besser verstehen uns die Annen und Mühseligen. Sie haben die Phantasie der Noth. Sie wissen von heute und gestern, wie weh auch morgen der Hunger thun wird. Und in dieser Lage sind viele, viele Hunderttausende unseres Volkes. Das aber sind die verlässlichsten unserer Genossen, die nicht einmal imstande sind, den jährlichen kleinen Beitrag für die Agitation zu leisten. Sie sind die besten Zionisten, weil bei ihnen die alte Volkstradition noch unvergessen ist, weil sie ein starkes religiöses Gefühl haken und weil sie bittere Noth leiden. Schrecklich sind die Berichte aus vielen Gegenden. Das Judenthum ist eine Massenherberge des Elends mit Filialen in der ganzen Welt. Auch das soll man von dieser Tribüne hören, wie es die traurige Wahrheit ist. Und diese Zustände schreien nach einer Abhilfe. Aus der tiefen Noth entstehen Krankheiten und sittliche Verwahrlosung, und die verdüsterten Gemüther werden ein Nährboden für alle äussersten Umsturzgedanken. Da wollen wir bessernd eingreifen. In der gesunden Arbeit auf einer geliebten Erde, glauben wir, ist das Heil zu finden. Die Arbeit soll unser em Volke das morgige Brot verschaffen, und auch die Ehre von morgen, die Freiheit von morgen. An die Gerechten aller Confessionen und al ler Nationen ergeht unser Ruf um Beistand. Wir brauchen keine andere Hilfe Von aussen, als eine moralische. Es gibt Juden genug, die innerlich mit uns eines Sinnes sind. Nur tragen manche ein Bedenken, das zu zeigen, weil sie fürchten, man würde es ihnen übel auslegen. Wer uns nun die moralische Hilfe leisten will, weil er findet, dass wir etwas Rechtschaffenes unternehmen, der möge in seinem Wirkungskreise verhüten, dass Missverständnisse über unsere Bewegung entstehen, und dass man aus diesem Titel wieder neue falsche Beschuldigungen, wie schon so oft, gegen uns erhebe. Diese heilsame Bewegung würde sonst eingeschüchtert werden und geriethe vielleicht ins Stocken. Welcher Gerechte will das? Hier ringt ein Volk um seine Existenz, Ehre und Freiheit. Es will aus einer Stickluft hinaus in den Sonnenschein. Die jetzigen Zustände der Juden können nach drei Wegen führen. Der eine wäre das dumpfe Ertragen von Schimpf und Noth. Der andere die Auflehnung, die Feindschaft gegen eine stiefmütterliche Gesellschaft. Unser Weg ist der dritte : aufschwingen wollen wir uns zu einer höheren Stufe der Gesittung, Wohlfahrt verbreiten, dem Verkehr der Völker neue Strassen bauen und für die sociale Gerechtigkeit einen Durchbruch suchen. Und gleichwie unser lieber Dichter aus seinen Schmerzen Lieder schuf, so bereiten wir aus unseren Leiden einen Fortschritt der Menschheit, der wir dienen. * * * Herzl sprach in festem, energischem Tone. In dem Passus der Bede, der die A u dien z i n J e r u s a 1 e m besprach, legte ec auf jede Silbe nachdrückliche Betonung. Die markantesten Stellen der Rede, besonders die Ausblicke auf die Landgesellschaff, wurden von dem Congress mit athemloser Spannung angehört. Die lautlose Stille wurde nach einigen Momenten von dröhnendem Beifall abgelöst. Interessant war es, das Mienenspiel Nor d a u s während der Rede Herzl s zu beobachten. Nord au sass zur Rechten Herzls. Er folgte mit sichtlicher Gespanntheit den Ausführungen Dr. Herzls. Bei den markanten Sätzen der Rede nickte er lebhaft zustimmend. Im Congresshause wurde nach der Vormittagssitzung Herzls Rede von den Delegierten lebhaft discutiert. Die Stimmung war eine gehobene. Die ernste Hoffnungsfreudigkeit hatte sich auf die Delegierten fortgepflanzt. Man bedauerte es, dass einige Leuchten der sogenannten Opposition es vorgezogen hatten, den Congress diesmal nicht zu