Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Article
- Die Rede Dr. Herzls
- Date
- 1899-08-18
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die H Weit“ Nr. 33 von der Inneren Macht der Ideen kommen und von der Reinheit der Gesinnungen, welche hier verkündet werden; Das muss sich jeder von uns 'beständig vor Augen halten, wenn er hier iur das jüdische Volk und zum jüdischen Volke sprechen will. Auch ein anderes. Wir sind hier nicht, um uns mit den inneren Vorgängen der einzelnen Länder, deren Bürger wir sind, zu beschäftigen. Jeder solche Versuch wäre ein schwerer Fehler und würde nur dazu dienen, falsche Vorstellungen von unserem Gongresse hervorzurufen. Wir sind hier lediglich, um über die Lage unseres Volkes zu berathen und eine ebenso gesetzliche wie menschenfreundliche Lösung unter der Gontrole der öffentlichen Meinung vorzubereiten. Dass wir nichts anderes Vorhaben, das wurde durch all unser bisheriges Thun und Lassen erhärtet. So ziehen wir selbst unserem Wirken die unanfechtbaren Grenzen: wir wollen uns um das Wohl des jüdischen Volkes bemühen. Das ist unser Recht. Es ist auch unsere Pflicht. Dass diese Art, allgemeinen Schwierigkeiten durch einen internationalen, freimüthigen Gedankenaustausch der Betheiligten heizukommen, dem sittlichen Bewusstsein der jetzigen Gulturmenschheit bereits entspricht, das konnte mail wahrnehmen, als der Friedensvorschlag Sr. Majestät des Kaisers von Russland die Welt erfreute. Sie erinnern sich, dass wir hier versammelt waren, als dieser grossgedachte Vorschlag bekannt wurde, und dass der Zionistencongress die erste Körperschaft war, welche ihrer Begeisterung darüber Ausdruck geben konnte. Nun ist ein Jahr verstrichen. Die Friedensidee liat iliren Weg in die Wirklichkeit hinaus begonnen, und das ist schon sehr viel, auch wenn sie noch nicht am Ziel ist. Uns aber mag das Beispiel als eine Lehre der Geduld dienen. Wenn die Grossen dieser Erde sich mit langsamen Fortschritten ihrer höchsten Ideen begnügen, wie zufrieden müssen wir armen Leute sein, wenn wir feststellen können, dass es doch ein wenig vorwärts geht. Wir müssten unsere Arbeit also unverdrossen fortsetzen, auch -wenn es in dem abgelauienen Jahre keine äusserlich merkbaren Fortschritte gegeben hätte. Auch wenn nichts vorgekommen wäre, was ein Erstarken unserer Bewegung, einen Zuwachs ihres Ansehens und ihrer Mittel bedeutete, müssten wir unverdrossen fortarbeiten. Aber dieses Jahr ist kein schlechtes für unsere Bewegung gewesen. Es war ein gutes Jahr. Wir haben einiges erreicht, wir sind um ein Stück weiter gekommen. Ein bedeutendes Ereignis, das von unseren Gegnern wie gewöhnlich tlieils verschwiegen und tlieils entstellt in die Oeffentliehkeit gebracht wurde, war der Empfang der zionistischen Abordnung durch Se. Majestät den deutschen Kaiser in Jerusalem. Schon die Thalsache allein, dass der geniale Kaiser seine Aufmerksamkeit unserem Volksgedanken zugewendet hat, wäre genügend, um einige Zuversicht zu geben. Geringfügige Bewegungen werden aus solcher Höhe nicht bemerkt. Aber es ist mehr als eine blosse Kenntnisnahme erfolgt. Es wurde nicht irgendeine jüdische Deputation, es wurden nicht die Mitglieder irgendeines ,,praktischen" Golonisalionsvor eines empfangen, sondern die Abordnung des zionistischen Actionscomites. Die Gründe und Ziele unserer Bewegung waren vorher genau bekannt, und Se. Majestät der deutsche Kaiser hat uns daraufhin an einem lür das gesummte Judenthum denkwürdigen Tage sein wohlwollendes Interesse zugesichert. Dafür sind ihm alle wahren Juden zur Dankbarkeit verpflichtet. Geehrte Congressmitglieder! Sie werden verstehen, dass es ein Gebot der Schicklichkeit ist, die glückliche und bedeutsame Thatsache des unter solchen Umständen erfolgten Jerusalemer Empfanges nicht agitatorisch auszunützen. Wir wollen uns daher enthalten, hier irgendeine Discussion daran zu knüpfen. Eines müssen wir in unserer freudigen Dankbarkeit aber dennoch hervorheben: Die vollkommene Legalität und Loyalität unserer so hoch geehrten Bewegung ist nach diesem Ereignis wohl für immer ausser Frage. Natürlich legen wir das grösste Gewicht darauf, diese Loyalität vor Allem der türkischen Regierung gegenüber zu betonen und zu beweisen. Von uns wird kein Schritt unternommen, der auch nur entfernt das gerechte Misstrauen des souveränen Besitzers von Palästina erwecken könnte. Wir wollen und können dem osmanischen Reiche die grössten Vortheile bringen, folglich können wir ganz offen auftreten. Wer sich irgendwo einschleicht, hat gewöhnlich nicht die Absicht, etwas zu bringen. Dies war das Raisonnement, das wohlverständliche, welches zu den jetzt in Palästina bestehenden Einwanderungsschwierigkeiten führte. Wir haben sie nicht hervorgerufen; sie sind bekanntlich älteren Datums als die hier vertretene Bewegung. Aber wenn man uns auch nicht beschuldigen darf!, das Einwandemngsverbot verursacht zu haben, so wollen wir doch deutlich angeben, wie wir uns dazu stellen. Wie? Man wollte eine Bevölkerung in einem Lande ansässig machen, ohne vorher den ganzen Plan offen erklärt zu haben? Kommt einer bei Nacht und Nebel heimlich heran, so darf er sich nicht wundern, wenn man ihm „Halt! Wer da?“ etotgegenruft. Und umso schlimmer für ihn, wenn er darauf keine gute, klare Antwort geben kann. Uebrigens ist das auch gar nicht die Situation, in der irgendeine Antwort unverdächtig klingt. Wir machen es darum anders. Wir erklären unsere Absichten am hellen Tage, den wir Gott sei Dank nicht zu scheuen haben, und wir wollen die Billigung erwirken, bevor wir etwas unternehmen, was sonst das verantwortungsschwerste aller Experimente wäre. Denn es handelt sich nicht nur darum, die Leute hinzukriegen, sondern sie auch dort zu behalten. Und zwar in guter Sicherheit. Leider gibt es viele unserer Brüder, denen es nicht mehr schlechter gehen kann, und die darum alles acceptieren. Aber um den Kranken nur von einer Seite auf die andere zu legen, brauchte nicht so viel Scharfsinn, Mühe und Geld aufgewendet zu werden. Versuchen wir lieber, ihn zu heilen. Das ist ein so grosser Zweck, er ist so vernünftig und einleuchtend, dass niemand mehr nach geheimen Beweggründen forschen wird. Warum sollten wir das also nicht gerade heraussogen? Es wird ja dadurch alles mit einem Schlage verständlich, was wir Vorhaben. Es gibt kein Misstrauen mehr. Wir betreten den Boden der Verhandlungen, die früher oder später zu einem Ergebnisse führen werden, wenn wir nur einig vergehen und unsere Kräfte Zusammenhalten. Darum haben wir vor allem den elektrischen Strom unserer Einheit erzeugt und wollen ihn immer noch verstärken. Und es soll niemand einen Th eil dieses Stromes abzweigen und ableiten. Es wäre ein Frevel an der Gesummtlieit. Auf diesem Gongresse sind bekanntlich noch nicht alle Zionisten vertreten. Unsere Bewegung ist noch viel grösser, als sie hier in die Erscheinung tritt. Eine ansehnliche Gruppe hochverdienter Zionisten der älteren Richtung hängt noch an der vor uns befolgten Methode. Wir geben die Hoffnung nicht auf, sie brüderlich zu unseren Anschauungen zu bekehren. In der Idee trennt uns nichts. Die beste Form der Ausführung müssen wir gemeinsam suchen.