Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Article
- Unsere Einheit
- Date
- 1899-08-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite i »>öie ganze ungeheure, von Juden bewohnte Gebiet, vorr Europa bis nach Afrika und nach Asien erstreckte. Man tauschte Fragen und Antworten zwischen Narbonne und Jerusalem, zwischen Karthago und Wiener-Neustadt, zwischen Wilna und Alexandrien aus. Damit war’s zu Ende, als die rabbinische Autorität niedergieng und der Gebrauch der hebräischen Sprache im schriftlichen Wechselverkehre der Gemeinden aufhörte. Seitdem besassen wir Juden keine Einheit mehr. Was im Sinne der Assimilation eine Reform war, das war in Wahrheit die Zerstörung der Einheit innerhalb des Judenthumsy und so sehr wir Veranlassung haben, uns Moses Mendelssohns zu rühmen als eines unserer Grossen, der uns die Pforten öffnete zur Theilnahme an der allgemeinen Bildung und Cultur, so wenig dürfen wir iV* andererseits verhehlen, dass „Rabbi Mosche Dessau“ ersten schweren Axthiebe gegen unsere nationale '.Einheit führte, die zu erneuern jetzt ein unajweisliches Gebot der Selbsterhaltung geworden ist. . Der Zionismus hat es auf sich genommen, dieses Gebot zu erfüllen. Und er darf ohne Ruhmredigkeit mit dem, was er bisher gewirkt zufrieden sein. Wied ei*: reicht, wie zur Zeit der Responsorien-Literatur, die jüdische Einheit über alle Wetttheile; die Entwicklung des Judenthums ist wieder in lebendigem Flusse, und. ausserhalb des Judenthums können die erleuchtetsten Geister das Staunen nicht verhehlen, mit dem sie das Phänomen der Erneuerung des Judenthums beobachten. Den feierlichen Ausdruck dieser erneuten Einheit aber bildet unser Gongress. Auch ganz äusserlich, indem wir die Liste der Delegierten überfliegen, empfangen wir ein Bild unserer Universalität und eine Vorstellung von dem wieder zusammengewobenen Bande, das die Juden von einem Weitende bis zum anderen verknüpft. Aber diese Universalität ist nicht mehr das Zeichen unserer Zerstreuung, sondern im Gegentheil das unserer Zusammenfassung. Wir sind wieder eine Einheit, und eine solche nicht bloss im ideal-quietisti- - sehen, nicht bloss in begrifflichem Sinne, sondern im Bewusstsein unseres Lebenszweckes. Das Judenthum weiss wieder, wo die Quellen seiner Selbsterhaltüftg Messen. Noch sind nicht alle Juden auf dem Berge Horeb droben, von dem man, wie einst Moses, das Land der Verheissung erblickt — noch kauert die Mehrzahl in der Niederung und klammert sich an die morsche Planke eines entseelten Beharrungsvermögens. Aber der Weg ist gebahnt. Und die noch vor wenigen Jahren darüber spotteten, dass der Zionismus seine Wegweiser aufpflanzte, haben allgemach den Hohn verlernt; es dämmert, auch wenn sie es noch ängstlich verhehlen, in ihren Seelen, die Ahnung, dass, die Gewohnheit ein Leben unter Demüthigungen und Zurücksetzungen noch lange nicht erträglich macht, die Leugnung des Fremdheitsgefühles den Stolz des Heimatsgefühles noch beiweitem nicht ersetzt. Es darf gesagt werden, dass unser Gongress, in dom er zum driftenmale an die Arbeit geht, sich bereits als eine Institution des Judenthums durchgesetzt hat. Und noch dazu als eine solche, dergleichen es niemals vorher gegeben hat. Die Sache des Schilderers. ist .es, mit leuchtenden Farben das Bild der Verbrüderung zu malen, die zum driftenmale in Basel sich vollziehen — nein, sich erneuern und als vollendete Thatsache sich bestärken und vertiefen wird. Aber das Bild ist allemal nur ein Gleichnis. Der Gongress ist Wirklichkeit, von fünfzig Generationen ungeahnte und doch lebendig gewordene Wirklichkeit. Er stellt unsere Wiedergewonnene Einheit dar,'sie verkörpert sich in ihm als das Bewusstsein des Zieles, das leibhaftige Gestalt angenommen M „E Welt44 Nr. 32 lmt, i des .einen Zieles*- in Kessen Angesicht alle vorhandenen Unterschiede der rituellen Glaubensübung aufgehoben sind. Der Zionismus hat den Gegensatz zwischen liberalen und orthodoxen Juden überwunden, weil er die Einheit ist, die über allen Gegensätzen steht. Diese Einheit, die nicht mehr zu zerstören ist, manifestiert sich feierlich und einleuchtend auf unserem Gongresse als der wahre Genius des Judenthums, sie ist die Bürgschaft seiner Zukunft. Wir haben wieder unser eigenes Leben, unsere eigene Geschichte, wir haben: das: Ziel —: : was wir längst nicht mehr waren, wir sind es wieder, wir sind wieder Juden. Der Grossherzotj von Baden Uber den Zionismus. S t. M o r i t z, deil 4. August 1899. Der bekannte jüdische Gelehrte und Geschichtsforscher Dr. A. B e r 1 i n e r, Docent am Rabbinerseminar in Berlin, würde am 25. Juli vom Grossherzog von Baden in St. Moritz, wo Se. königl. Hoheit jetzt zum Gurgebrauche weilt, in Audienz empfangen. Die Audienz währte zJ-4 Stunden lind, da der Grossherzog dem Herrn Dr. Berliner unter anderem auch.seine volle Sympathie für den Zionismus und dessen Führer Dr. Herzl ausgedrückt, nahm ich sofort Veranlassung, Herrn Dr. Berliner hier zu interviewen, und er tlieilte mir von der Audienz Folgendes mit: : „Nachdem ich am 19. Juli dem Grossherzog ein Exemplar von meinem Werke „Geschichte der Juden in Rom“ zugesandt und brieflich Se. königliche Hoheit untertliänigstgebeten, hatte, mein Werk in Seine Bibliothek aufzunehiiien, Würde mir am 24 Juli im Namen des geheimen Legationsrathes B ab o gemeldet, dass der Grossherzog mich am folgenden Tage in besonderer Audienz zu empfangen wünsche. Ich habe mich zur bestimmten Stunde in ehr grossherzoglichen Villa eingefunden und wurde sofort von Sr. königlichen Hoheit sehr freundlich empfangen. Der Grosslierzog fragte mich, woher ich meine Materialien für die Geschichte genommen habe, dankte für die Freude, die ich Ihm mit meinem Buche bereitet und ging dann gleich zum Zionismus über. Sie kennen doch gewiss die zionistische Bewegung, Herr Doctor, sagte der Grossherzog, wie auch deren Führer Dr. Herzl. Ja, Herr Dr. Herzl ist ein edler Mann, der ohne jede Selbstsucht, aus den .reinsten Motiven, sich an die Spitze gestellt hat. Die Bewegung ist von Bedeutung und bedarf einer kräftigen Unterstützung. Leider haben die Regierungen noch nicht das ganz richtige Verständnis für die Sache, aber es m u 's s ffl i t d e r Z e i t k o m m e n. Für unsere deutschen Juden brauchen wir gottlob solche Zufluchtsstätten nicht, aber für Ihre Glaubensgenossen im Osten und . Norden > . . . Der Grosslierzog erkundigte, sich dann nach der Gemeinde Berlin, nach den verschiedenen RabMnerseminarien,. sprachlänger über die Gemeinden: Badens, lobte sehr die deutschen Juden und sodann zum ■ .Antisemitismus übergehend, bemerkte., er: Auch in unserem Vaterlande haben. sich gewisse Personen zusammengeftian und sich zur-politischen Partei gemacht, aber nur aus Eigennutz und Interesse, ein Verderbnis unserer Zeit. Diese Bewegung wird aber nicht mehr schaden, denn sie hört a.uf und verschwindet", m ,,; . rj: . R. K?a t z e m %]$ o h n.