Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Article
- Unsere Einheit
- Date
- 1899-08-11
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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f-i Redaction > Erscheint jeden Freitag. ' >-4 Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petit¬ Wien IX., Türkenstrasse 9. an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkeristrasse Nr. 9, zu richten. zeile 10 kr. Telephon Nr. 14199. *---- Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und r Manuscripte nicht zurückgesendet. < Einzelne Nummern 15 kr. >--- Oester reich- Ungarn: ganzjährig 6 fl. 12 Kr., halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Für das Ausland: De fand ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 8hg., Rus ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kpp., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegyp ganzjährig IV Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Ct. Bezugspreise: Nr. 32 Wien, II. August 1899 3. Jahrgang Unsere Einheit. Zur Begrüssung des Congresses. Von 0. Erter. Unter dem tausendjährigen Drucke lag unser nationales Bewusstsein verschüttet. Und als der Druck im Namen der Toleranz gemildert wurde, war es schier bis zur .Unkenntlichkeit verkümmert. Die wenigsten bekannten sich dazu, die meisten verleugneten es. Rings umher bei allen Völkern, auch bei den kleinsten, erwachte der nationale Gedanke, aufgeküsst wie Dornröschen aus dem Schlafe, in den er durch das Weltbürger-Ideal versenkt worden war; nur uns Juden rüttelte die Nationalitäts-Idee nicht auf. Im Gegentheil, es schien sich an uns eine ganz widersinnige Entwicklung vollziehen zu wollen. Während im Umkreise die Nationen und Natiönchen sich die Augen rieben im jungen Lichte ihres wachgewordenen Volksgefühls, träumten wir den dummen Traum der Amalgamierung, der Assimilierung, der Vermischung, welcher niemals sich verwirklichen konnte. Wir wähnten, es sei ein Gebot unseres Schicksals, uns mit leidenschaftlicher Freiwilligkeit zu entnationalisieren und mit der verächtlichsten aller Parolen, mit dem „Ubibene ibi patria“, den Proteus Zuspielen, der in jedem Lande zu einer anderen Nationalität sich bekannte. Die Besten unter uns haben eine Weile von diesem Wahne sich bethören lassen, aber je besser sie waren, desto schmerzlicher empfanden sie seine vermeintliche Unontrinnbarkeit. Männer wie Graetz und Leopold Kompert konnten sich begreiflicherweise nicht mit der albernen Ausflucht bescheiden: Die Juden sind eine Uonfession, keine Nation. Es ist auch für diejenigen, welche nicht in persönlichem Verkehr mit ihnen standen, aus ihren Werken ersichtlich, wie sehr sie unter dem Dilemma litten, als unerschütterliche Bekenner der jüdischen Nationalität sich in fast verschwindender Minorität zu wissen gegenüber einer Mehrheit, welche Jas nationale Gefühl lärmend verleugnete, aber auch das confessionelle Gefühl nur mit den Lippen — sozusagen bis auf weiteres und auf Kündigung — bekannten. Es ist auch nicht wahr, trotzdem manche es behaupteten, dass Graetz oder Kompert die Frage, ob das Judenthum eine Nationalität oder eine Confession wäre, mit einem „Non liquet“ beantwortet hätten. Wer jemals mit unserem grossen Historiker in seiner Gelehrtenstube auf der Breslauer Wallstrasse oder mit unserem liebenswürdigsten Ghetto-Dichter in seinem Arbeitszimmer am Wiener Franziskaner-Platz ein Stündchen vertrauten Gespräches gehabt, der weiss es, wie unsagbar geringschätzig die beiden über die atliemlose Assimilationsjagd dachten, die ringsher um sie soviel Unheil anrichtete. Aber es war der Moment noch nicht da, um mit Aussicht auf Erfolg den nationalen Gedanken zu erneuern, ihn hinauszurufen und wieder lebendig zu machen. Das sahen sie, und darum schwiegen sie. Von aussen her musste der Stachel kommen, unter Geisselhieben musste der durch alle Entwicklungsphasen moderner Bildung hindurchgegangene Jude sich winden, aufschreien in wildem Schmerze und unerträglicher Beschämung musste der „jüdische Mensch“, bis die wahre Emancipalion. beginnen konnte, die Emancipation der Selbstbesinnung, das Erwachen des Besonderheitsgefühles, das doch, auch unverleugnet und so erst recht, in das allgemeine GulturgelTihl mündet und ein Theil desselben ist. Nur die stagnierenden Gewässer aut der Erde haben keinen Antheil am Meere; was flies st, der grosse Strom wie der winzigste Bach, strebt zum Meere und erreicht es. Darum ist auch das Judenthum nur als Nationalität ein grosses Gulturelcment, nur als solche kann es in lebendigem Flusse und vor tödtlicher Stagnation erhalten bleiben. Was uns fehlte, bevor diese Erkenntnis sich uns erschloss, war die Einheit. Durch die Beschränkung auf die Confessionalität war die Einheit zum Phantom herabgesunken, und je bewusster diese Beschränkung wurde, desto wesenloser und nichtssagender wurde das Phantom. Im Mittelalter, als die frevelhafte und selbstmörderische- Unterscheidung zwischen Nation und Confession von den Juden noch nicht gemacht wurde, gab es eine Einheit im Judenthum; es war der Glaube an die IJnveräusserlichkeit der Zukunft, indem sie wurzelte. In unserer Responsorien-Literatur besitzen wir ein unvergängliches Denkmal dieser Einheit. Jede rituelle Zweifelfrage von grösserer Wichtigkeit, jede Interpretations-Controverse, die in einer Gemeinde auftauchte, bot den Anlass zu einem Austausche von rabbinischen Gutachten, der sich über Länder und Meere, über das