Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 30 (28.7.1899)
- Article
- Zionismus und Antisemitismus
- Date
- 1899-07-28
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die A Welt44 Kr. 30 die einzigmögliche Lösung dieses fürchterlichen Problems ist — das ist ausser Zweifel. Die einzige Frage ist: wie soll die Haltung der freien, unterrichteten und glücklicheren Juden des Westens gegenüber ihren Brüdern sein, deren Unglück weit grösser ist, als die menschliche Sprache es auszudrücken vermag? Unzweifelhaft können die privilegierten Juden sich von ihrer Rasse loslösen, sie verläugnen, jede Gemeinschaft mit ihren gemarterten Brüdern zurückweisen und hohnlächelnd ausrufen: „Was schert mich ein polnischer, rumänischer, marokkanischer Jude, mich stolzen Franzosen, hochmiithigen Deutschen, vornehmen Engländer! Ich kenne diese barbarischen Vagabunden nicht!“ So beiläufig sprechen ja auch in seltener Uebereinstimmung die hohen und mächtigen jüdischen Finanzbarone und die ästhetischen Schöngeister, die Symbolisten und Mystiker meiner Rasse. Das ist ihre Sache. Aber es gibt noch eine gewisse Zahl von Juden der Kategorie, die ich die privilegierte nannte, die wie wir eine ändere Auffassung unserer Pflichten haben. Wir verläugnen unsere Väter nicht, und das legt uns die Pflicht auf, als Brüder alle Nachkommen unserer gemeinsamen Ahnen anzuerkennen. Das involviert aber auch, dass wir auch andere Verpflichtungen gegen sie fühlen. Die zionistische Bewegung ist nicht durch uns erfunden worden. Sie entstand im Kreise der Juden der Hinterländer. Unsere Brüder da unten leiden und rufen: „Zu Hilfe!“ Wir eilen herbei. Sie sind eine chaotische Masse. Wir organisieren sie. Sie stammeln ihre Klagen in einem den cultivierten Menschen unverständlichen Kauderwälsch. Wir leihen ihnen die civilisierten Sprachen. Sie drängen sich ungestüm, ohne Orientierung. Wir zeigen ihnen den Weg, den sie gehen müssen. Sie haben ein unbestimmtes Sehnen. Wir formulieren es. Sie sind von einem fast rasenden Enthusiasmus ergriffen. Wir massigen denselben. Dann wieder mangels unmittelbarer Erfüllung, ergreift sie wieder Verzweiflung. Wir trösten sie und heben ihren Muth. Ich frage Sie nun, ob Sie in der That unsere Haltung, die Haltung der westländischen Zionisten für weniger würdig, weniger empfehlenswert halten als diejenige der jüdischen Millionäre und Decadenten? Sie zweifeln, ob die Juden eine Rasse sind und bestreiten, dass sie ein Volk sind. Man kann über diesen Punk akademisch endlos streiten. Der Anthropologe zögert sehr lange, bis er d n Begriff der Rasse wissenschaftlich definiert. Aber der Gassenjunge auf den äusseren Boulevards, welcher unter der Nase des von ihm als Juden erkannten Vorübergehenden sein „Nieder mit den Juden“ ruft, bezeugt, dass für ihn diese Schwierigkeit nicht besteht. Und seine ethnographische Diagnose, wenn sie nicht unfehlbar ist — die der Gelehrten ist es wohl auch nicht immer — täuscht ihn doch nur äusserst selten. Die Sicherheit des Blickes der Gassenjungen genügt allein, um festzustellen, dass die Juden wohl eine Rasse, oder wenigstens eine Varietät oder wenn Sie wollen, meinetwegen eine ethnographische Unter- Varietät sind. Sind sie ein Volk? Wenigstens 8 Millionen der Juden werden Ihnen resolut mit „Ja" antworten. Das ist entscheidend. Ich gebe Ihnen zu, dass bei vielen westländischen Juden das jüdisch-nationale Gefühl sehr abgeschwächt ist, dass dasselbe bei anderen bis auf den letzten Zug verschwunden ist, und dass es bei einigen anderen wieder in einen wilden und unedlen Hass gegen alles, was jüdisch ist, sich verkehrt hat. Aber die Abgestumpftheit, die Entartung oder die Abwesenheit des jüdisch-nationalen Geistes bei einer kleinen Minderzahl ea tnationavisierter Hebräer kann doch nicht ein Argument sein in Gegenwart des lebendigen, selbst exaltierten Nationalismus der ungeheuren Mehrheit des Volkes Israel. Ein letztes Wort noch. Wenn die Juden nach Palästina zurückkehren wollen, so soll das nicht geschehen, um in asiatischer Barbarei unterzutauchen, sondern um sich aus der Barbarei des Ghetto zu befreien. Befreit von den Fesseln, aufathmend in einer gerechten und wohlwollenden Atmosphäre werden sie sich intellectuell, moralisch und selbst physisch mit einer Energie entwickeln, welche die Welt in Erstaunen setzen wird. Sie würdigen uns als Mitarbeiter am allgemeinen Fortschritt. Wir werden niemals aufhören, es zu sein. Aber sind Sie nicht auch der Meinung, dass unterrichtete, ihrer Menschenwürde bewusste, glückliche Juden viel wirksamer an dem Werke des menschlichen Fortschrittes mitarbeiten werden können, als die in tiefer Unwissenheit zurückgehaltenen, erniedrigten, mit Füssen getretenen, und in hässlichster Armut steckenden Juden? Wenn ihre Antwort zustimmend ist, müssen Sie dem Zionismus Beifall spenden, sei es aus dem Mitgefühl für Millionen fleissiger Arbeiter, die auf künstliche Weise in Armut gehalten werden, sei es aus Mitleid für ungerechterweise gequälte Menschen, oder wenigstens aus Liebe zum Fortschritt der Civilisation. Der dritte Congress. Der Bedeutung des Congresses entsprechend, ist auch die Theilnahme der Juden in allen Ländern eine sehr grosse. Der dritte Congress wird demnach schon in seiner äusseren Zusammensetzung ein ziemlich genaues Bild von dem Umfange der zionistischen Bewegung bieten. * * ♦ Mit dem Herannahen des Congresstermines hat die Agitation wieder lebhaft eingesetzt. Unseren Freunden bietet sich da Gelegenheit, Missverständnissen und Unwahrheiten über den Zionismus entgegenzutreten. Diese Agitation, allüberall plan massig geleitet und in sachlicher Form gehalten, ist auch eines der besten Mittel zur Propagierung des Zionsgedankens. * * * Die Wahlcomites haben sofort nach vollzogener Wahlhandlung die Delegierten von der auf sie entfallenen Wahl zu verständigen. « * ♦ Ein Delegierter kann auch mehrere Schekelkreise vertreten. Er hat auf dem Congresse jedoch nur eine Stimme. $ * * Eine Uebertragung von Mandaten ist unstatthaft, H * * Bis 31. Juli müssen die Wahlen überall geschlossen sein. Die Wahlergebnisse sind bis längstens 6. August an das Congressbureau in Basel zu melden. * * * Die Delegiertenkarten werden in Basel ausgefolgt. * * *