Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 30 (28.7.1899)
- Article
- Zionismus und Antisemitismus
- Date
- 1899-07-28
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 30 „Die H Welt44 Seite 3 die Menschenrechte,, welche die grosse Revolution proclamiert hat, für die unsterblichen liberalen Ideen. „Trennt Euch nicht von uasr wie wir uns von Euch nicht trennen wollenden n wir haben eine gemeinsame theure Sache zu . vertheidigen : die Freiheit.“ So lautet der Schluss der schönen Melodei, die wir so oft schon gehört haben . . . Darauf antwortete Max Nord au in folgendem Schreiben an Yves Guyot, das wir in wortgetreuer Uebersetzung ans dem „Siede“ reproducieren: In Ihrer Nummer vom 4. Juli, beschäftigen Sie sich mit dem Zionismus. Der gute Wille, die edle Gesinnung und das Wohlwollen treten in dem Artikel deutlich zutage, aber ebenso der Umstand, dass Sie nicht genügend und nicht richtig informiert waren. Da Sie aber im guten , Glauben handelten — was Sie von unseren jüdischen Gegnern unterscheidet — kann man mit Ihnen discutieren. Ich will es im Folgenden thun und mich bestreben, so kurz als möglich zu sein, da das Interesse der Welt heute anderwärts gerichtet ist. Doch muss ich Sie schon im Vorhinein um Entschuldigung bitten, wenn ich hierbei .zeitweilig dogmatisieren muss: es ist das eine unvermeidliche Klippe, wenn man auf Lakonismen einen Gegenstand beschränken muss, der von allen, die sich mit ihm ernstlich und eingehend beschäftigt haben, als unendlich vielfältig und weitreichend erkannt worden ist. Die fast überall unterdrückten, verleumdeten, misshandelten Juden in normale Lebensbedingungen zu bringen — das ist das Ziel des Zionismus. Ihre Uebersieht der Lage der Angehörigen meiner Rasse in den verschiedenen Ländern ist weit davon entfernt, der traurigen Wirklichkeit vollkommen gerecht zu werden. Sie nennen das, vor den Antisemiten, vor dem Feinde die Flucht ergreifen; implicite beschuldigen Sie uns also der Feigheit. Wohlan, wenn also eine Volksgruppe, bedroht von der unabänderlichen Feindseligkeit einer ungnädigen Natur, oder tyrannischer politischer oder socialer Institutionen oder übelwollender Gefühle einer immensen Majorität, die männliche, wahrhaft heroische Anstrengung macht, um sich unerträglichen Existenz-Bedingungen zu entziehen und in schwerem Kampfe jenes Partikelchen von Wohlergehen sich zu erringen, welches die armen Menschenkinder vernünftigerweise beanspruchen dürfen — so Messe das also feige fliehen. Die „Pilgrimfathers“, die Pilgerväter, jene erhabenen Reisenden, welche auf der „May Flower“ auszogen, um in den jungfräulichen Wäldern Amerikas die Gewissensfreiheit zu suchen, welche ihnen ihr englisches Vaterland verweigerte, wären also Ausreisser gewesen; die französischen Hugenotten, welche infolge der Widerrufung des Edictes von Nantes ausgewandert sind, diese grosse Rasse, deren Nachkommen noch heute das Salz der brandenburgischen Erde bilden, Feiglinge; clie Holländer, welche die Civilisation nach Südafrika getragen haben, die Deutschen, welche sich an den Ufern des Neckar übel befunden haben, die Stammväter der Riesen von Kentucky geworden sind, die Söhne der Normandie, welche Canada bevölkert haben, die Waadtländer, welche sich nach Piemont geflüchtet haben, mit einem Worte, alle Idealisten, welche mehr auf ihre Ueberzeugung als auf ihr Land und Gut gehalten haben, alle diese Pionniere, welche ein unbekanntes Geschick dem sicheren und hoffnungslosen Elend vorgezogen haben — sie alle waren Hasenfüsse, F ciglinge. In solcher Gesellschaft der Feigheit geziehen zu werden, ist nicht gerade das ärgste. Ich glaube, dass Sie nach Wohlüberlegung selbst bedauern werden, diesen Ausdruck gebraucht zu haben. Doch setzen wir fort. Wer ergreift, um Ihr Wort zu gebrauchen, die Flucht vor dem Antisemitismus P Sind es wir Juden der vorgeschrittenen Länder, denen — wenigstens in der Theorie — die Menschenrechte, die bürgerlichen Rechte und die Gleichheit vor dem Gesetze zugestanden sind? Wir denken nicht daran. Wir bekämpfen manche unserer fanatischen Feinde, wir verachten andere, aber wir vertheidigen unsere Position gegen alle. Wir verlangen von keinem Juden, der das Glück hat, ein Vaterland zu besitzen, es zu verlassen. Der Zionismus will in erster Reihe für jene Juden wirken, welche dieses Glückes nicht theilhaftig sind, für welche das Geburtsland kein Vaterland, sondern ein Gefängnis oder ein Verbannungsort ist, und für welche — wenn diese Bewegung Erfolg haben wird — die Befreiung und das Heil kommen wird. Von den zehn Millionen Juden, welche man gegenwärtig in der ganzen Welt zählt, sind nun mehr als sieben und einhalb Millionen in dieser Lage. Ja, sie sind vaterlandslos, sie sind es, weil man ihnen grausam und unbarmherzig das Vaterland verweigerte, trotz ihrer unendlichen Sehnsucht, eines zu besitzen, um es anzubeten, wie nur je ein Patriot sein Vaterland angebetet hat. Wir Zionisten wollen ihnen helfen, das Ziel ihres heissen Sehnens zu^erreichen, und Sie tadeln uns und beschuldigen uns der Feigheit?! Wenden Sie doch Ihren Blick den sechs Millionen Juden in Russland zu, die verurtheilt sind, in einigen Gouvernements, eingepfercht wie die Verbrecher, sich gegenseitig aufzureiben, in einem endlosen Elend an Körper und Seele verderben und verkommen; sehen Sie doch die 500.000 Juden in Rumänien an, welchen man verbietet, auf dem Lande zu leben und ihre Kinder in die Schule zu schicken, und welche man — wenn sie auch seit Generationen im Lande leben — officiell als Fremdlinge bezeichnet, um sie — falls sie das Missfallen der Regierung, oder auch nur eines untergeordneten Organes desselben aus irgendeinem Grande erregen — binnen M Stunden über die Grenze setzen zu können; blicken Sie endlich auf die 780.000 Juden Galiziens, die durch dieselben Polen gemartert werden, welche vor dem Auslande die süssen Worte von der Freiheit, Brüderlichkeit und den unwandelbaren Völkerrechten so schön zu flöten verstehen. Sagen Sie doch diesen unter verächtlichen Lebens- Bedingungen erniedrigten Nachkommen einer edlen Rasse, diesen Bettlern, denen man verbietet, sich zu bewegen, sich zu unterrichten, zu arbeiten und ihre natürlichen Fähigkeiten zu gebrauchen und zu entwickeln — und die Menschenwürde zu erreichen — sagen Sie ihnen doch, sie sollen nicht „vor dem Antisemitismus fliehen, sie sollen Stand halten den 130 Millionen Russen, den 5 Millionen Rumänen, den 7 Millionen galizischen Polen, sie sollen in muthigem Kampfe die Gleichheit vor dem Gesetze anstreben oder geduldsam die spontane Grossmil tli ihrer unverhältnismässig mächtigeren F einde abwarten, sagen Sie es Ihnen doch! Sie riskieren nichts, denn sie werden Ihnen nicht antworten, da sie überzeugt sein werden, dass Sie einen grausamen Spott mit ihnen treiben. Dass diese Millionen von unterdrückten Juden elend zugrunde gehen werden, wenn ihre Lebensbedingungen nicht unverzüglich sich ändern; dass keine Wahrscheinlichkeit einer baldigen Aenderung in ihrem G eburtslande vorhanden ist; dass die Auswanderung ihr einziges Heil ist; dass diese Massenauswanderung nicht nach dem Westen sich richten kann,, der sie nicht aufnehmen würde; dass die Rückkehr nach Palästina