Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Article
- Der Zionismus und die Judenwanderung
- Date
- 1899-07-21
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 „Die"'#'Weit“ Nr. 29 Paradiese zu werden. Der Optimismus ist die Vorbedingung der Energie. Ich möchte ihn nicht entmuthigen. Aber ich sehe ihn lieber sich Gebieten zuwenden, aui denen erspriessliche Thätigkeit eher zu erwarten ist. Wie wertlos die syrisch-arabische Wüste ist, wird wohl am besten d araus hervorgehen, dass sie bis heute niemandes Land ist. Man ziehe die Karte zurathe, und man wird finden, dass Syrien türkisch ist, nur bis unmittelbar östlich von Damascus, und dass von da an die Grenze sich mit der alten Grenze unseres Ostjjordanlandes so ziemlich deckt. (Schluss folgt.) Weltchronik. Die jüdische Bevölkerung von Tripolis beziffert sich aur circa li.OOO. Ihre Beschäftigung besteht hauptsächlich in der Goldschmiedekunst, Schlosserei. Eisengiesserei und Schuhmacherei. Ferner befindet sich in ihren Häqden ein grosser Theil von Handel und Gewerbe, sowie der Restaurants und Weinschänken. Sie unterscheiden sich in ihrem Aeusseren kaum von den Arabern, nur dass die jüdischen Frauen unversehleiert gehen. Samstags ruht das Geschäft vollständig. Tripolis zählt 20 grosse Synagogen nebst zahlreichen kleinen Betstätten. Im allgemeinen sind die tripolitanischen Juden arm, nur wenige sind wohlhabend oder reich zu nennen. Irrthum. Unter dem Rufe „Nieder mit den Juden“ stürmten in Paris Studenten den Trödlerladen eines gewissen G a d b o i s, eines waschechten — Antisemiten. Sepher-Thora-Spende. In B 1 a c k b u r n (England) hat sich eine jüdische Gemeinde gebildet, die natürlich auch einiger Siphre-Thora bedarf. Die erste wurde, wie „J. W.“ berichtet, von Mrs. Sh i e 1 d, einer Christin, geschenkt, eine zweite von einem Mitgliede der Gemeinde. Die Unabhängigkeitserklärung im Jargon. Eine merkwür dige Thatsache hat sich bei der letzten Unabhängigkeitsfeier des J. Juli in New-York zum erstenmale abgespielt : Die Verlesung der „Unabhängigkeitserklärung“, die einen Theil der religiösen Feier bildet, erfolgte in den Synagogen und Versammlungen des New-Yorker Ghettos im Jargon, damit der Text von allen verstanden werden könnte. Hierbei soll ferner bemerkt worden, dass „die Constitution der Vereinigten Staaten“ schon seit mehreren Jahren, in den Jargon übertragen, zur Kenntnis der jüdischen Bevölkerung gebracht wird, natürlich nur der älteren, welche der englischen Sprache nicht mächtig ist. Für die jungen Leute und die die Schule besuchenden Kinder der Eingewanderten ist die Uebertragung nicht nothwendig. Unter der Anklage der schweren Körperverletzung stand der Kaufmann Jacob Dotiert vor der 130. Abtheilung des Berliner Schöffengerichts. In der Mittagstunde des 23. Februar d. J. gieng der Angeklagte durch die Friedrichstrasse. Hier betrieb der. Zeitungshändler Neumann sein Geschäft in der Weise, dass* er mit lauter Stimme ausrief: „Juden, Anarchisten und Socialdemokraten!“ und dabei den Vorübergehenden seine Bioschüren entgegenhielt. Dollert nahm als Jude Aergernis an diesem Geschäftsgebaren, er wandte sieh an einen Schutzmann und verlangte die Verhaftung des Broschürenhändlers. Der Schutzmann weigerte sich anfangs mit dem Bemerken, dass der Betreffende ihm bekannt sei, gab aber schliesslich dem Drängen des Dollert nach und führte Neumann zur Wache. Der Angeklagte, welcher hinterher gieng, liess sich plötzlich hinreissen, dem Neumann hinterrücks zwei wuchtige Schläge mit dem Schirm gegen den Kopf zu versetzen, ohne dass der Schutzmann es zu hindern vermochte. Nun erklärte der Beamte dem Angeklagten, dass auch er verhaftet sei, worauf dieser cs, vorzog, die Flucht zu ergreifen. Ein anderer Schutzmann nahm seine Verfolgung auf, und nach längerem Bemühen gelang es ihm auch, den Flüchtling zu stellen. Im Termin gab der Angeklagte den Thatbestand zu. Er entschuldigte sich nur damit, dass er durch das Gebaren des Neu mann in hochgradige Erregung versetzt worden sei. Der Vorsitzende, Amtsgerhhtsrafc Bröstel, erkannte in der Urtheilsverkündigung an, dass das Geschäftsgebaren des Zeugen Neu mann wohl geeignet sei, auch andere Leute als Juden zu beleidigen, aber nimmermehr durfte dies den Angeklagten veranlassen, hinterrücks über den Verhafte teil, der sich unter dem Schutze der Staatsgewalt befand, herzufallen, und völlig unverständlich sei es, dass der Angeklagte dann die Flucht ergriffen habe. Das Urtheil lautete auf zwei Wochen Gefängnis, der Staatsanwalt hatte 200 Mark Geidstrafe beantragt. — Die Morgue in Paris trägt, in mächtiger Steininschrift die Worte: „Freiheit Gleichheit, Brüderlichkeit!“ Ein Amerikaner, der unlängst da vorbeigieng, besah sich die Inschrift und bemerkte sodann: „Die Morgue ist heute in ganz Paris die einzige Stelle, wohin diese Worte passen!“ Die „Palästina-Exploration Fund“, eine englische Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung Palästinas, hielt zu Beginn dieses Monats in London ihre Jahresversammlung, in der über die Thätigkeit der Gesellschaft im abgelaufenen Jahre Bericht erstattet wurde. Als das bedeutsamste Ergebnis der vorjährigen archäologischen Forschungen wurde die Ausgrabung vieler Festungswerke aus der Zeit des Königs Rehabeam bezeichnet. Generalmajor Sir Charles Wilson hielt eine Vorlesung über seine Reisen in dem Gebiete der einstigen Königreiche Mo ab und Edom. Er erzählte, das die Gräber- und Antiquitätenspeculanten, die bisher Egypten unsicher gemacht haben, neuerdings mit Vorliebe Palästina aufsuchen und nun dort die Arbeiten der berufenen Alterthumsforscher erschweren. Sir W i 1 s o n gedachte in seinem Vortrage auch der jüdischen Ackerbaucolonien und hob hervor, dass die jüdischen Colonisten zur Ueberwachung und Civilisierung des Landes viel beigetragen haben. Zangwill in New-York, Z a n g w i 11 s „Kinder des Ghetto“ sollen am 2b. October im Herald-Square Theater in New- York zur Aufführung gelangen. Sollen — denn man fürchtet einen Zwischenfall, und nicht ohne Grund. Der Schauspieler James A. Herne, welcher die Inscenierung besorgt, verlangt nämlich im Interesse des Stückes und des Erfolges eine kleine Abänderung und man fürchtet — und mit Recht — der Dichter werde dieselbe ablehnen. Man verweist dabei auf ein Vorkommnis des vorigen Jahres in England, wo ebenfalls eine von Zangwills Erzählungen dramatisiert auf die Bühne kommen sollte.|Die Schauspieler waren engagiert, und die Proben hatten begonnen. Da stellte sich die Nothwencligkeit einer kleinen Abänderung heraus, die Zangwill absolut nicht zugestehen wollte. Die Folge war, dass die Schauspieler entlassen wurden, das Stück nicht zur Aufführung gelangte und das bereits gemiethete Theater geschlossen blieb. Die Juden in Transvaal. Eine Massenversammlung jüdischer Einwohner von Johannesburg hat dem „Standard“ zufolge nachstehende Resolution gefasst: Angesichts der vorgeschlagenen Ausschliessung aller derjenigen Personen vom Stimmrecht, die keinen Beweis dafür liefern können, dass sie in dem Lande, von dem sie gekommen sind, volles Stimmrecht und Bürgerrechte besessen haben — welche Einschränkung die Interessen der russischen, rumänischen und anderer Juden beeinträchtigen dürfte — wünscht diese Versammlung die Aufmerksamkeit des Präsidenten, der Executive und des Raad darauf zu lenken, wie wenig wünschenswert!! und billig die Aufnahme einer solchen Bestimmung wäre.