Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Article
- Der Zionismus und die Judenwanderung
- Date
- 1899-07-21
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29 Seite 11 „Die Welt" Der Judenwanderung einer nahen Zukunft weist unsere Bewegung ein Ziel — sollte sie nicht auch der Wanderung von heute eine Richtung geben können? Mir scheint, wir kommen am schnellsten und sichersten zu dem Zweck dieser Ausführungen, wenn wir uns überlegen, wie sich der Zionismus zu den Richtungen verhalten muss, in denen bisher und jetzt noch die jüdische Wanderung aus dem Osten Europas abfloss und abfliesst. Da wird es dann vor allen Dingen deutlich — um von allgemeinen Gesiphtspunkten auszugehen — dass die Judenwanderung bis heute die Tendenz der Zerstreuung hat Das ist schon an und für sich im schärfsten Gegensatz zu der zionistischen Tendenz der Sammlung. Bis jetzt war stets das Auge auf die Länder gerichtet, in denen noch nicht das Volksbewusstsein sich gegen die jüdische Einwanderung wandte, in denen es den Juden noch gut ging, und wohin entsprechend Juden noch sich wenden konnten. War dann das Mass voll — war das Land mit Juden „gesättigt:4 so musste man nach neuen, verhältnismässig noch judenrein eil Ländern ausschauen, bis auch diese sich füllten und so — man wäre versucht zu sagen „mit Grazie ad Infinitum", wenn nicht das Gegentheil so viel richtiger wäre: „ad finitum — und sehr ohne Grazie." Denn die Zahl der Länder, die in Betracht kommen können, ist sehr beschränkt. Und Grazie liegt sicherlich nicht in dieser Wanderung von Beladenen nach Thüren, die man unwillig offen hält und sicher eines Tages schliessen wird. So hat in unseren Tagen des erleichterten Verkehrs die Zerstreuung Israels eine neue Phase begonnen, die Phase der babylonischen Gefangenschaften in Amerika und in England, in Transvaal, Canada und Argentinien. Den Assimilanten und den Schwärmern von der Mission der Juden passt das ja ausgezeichnet in den Kram, aber es ist ein -traurig - lächerliches Schauspiel, wie so ein Comite von beispielsweise deutschen Assimilations-Juden die „durchreisenden Glaubensgenossen" weiter befördert. Hört man die Herren nicht förmlich sagen: Assimilier’ Du Dich ln New-York, und Du werde ein englischer Patriot! Das ist doch der Kern der Sache, und sicher bildet sich so ein Deutscher jüdischer Confession noch ein, damit einem jüdischen Ideal, der „Mission" zu dienen „auf dass alle Völker Dich erkennen und zu Deinem Namen beten." — Die jüdische Mission! — Ist die „göttliche Sendung44 gemeint? Darauf mögen die jüdischen Zustände in Amerika Antwort geben: die Juden, die nach Amerika gehen, sind für das Judenthum (hier im geistigen Sinne) verloren : — darüber herrscht nur eine Stimme. Oder wollen wir Mission als Entsendung durch Menschen — als V e rschic k u n g, als Deportation — au hassen? Auch daun ist sie aufzu geben, das lehren die Gesetze gegen die jüdische Einwanderung, die in England und Amerika von einsichtigen Staatsmännern vorgeschlagen werden. Die Missions-Juden sagen, das seien Vorschläge, die nicht Gesetzeskraft erlangen werden — und sie haben recht, die Missions-Juden — : in den .Ländern mit angelsächsischer Bevölkerung pflegt der Volkswille sich unzweideutig zu äus'sern, bevor der dadurch geschaffene Zustand die Sanction des Gesetzes erhält — nämlich, wenn das dann noch nöthig ist. Gedankenstrich.*) *) In einer der angesehensten amerikanischen Zeitschriften, in „Harpers YVeekly", sagt einer der bedeutendsten englischen Schriftsteller, Arnold W h i t e, Folgendes über die Judenfrage: „Es ist nicht schwer, zu sehen, dass da ein neues Problem sich in den grossen Städten herausbiidet, welches, auch wenn es noch nicht gebieterisch nach einer Lösung verlangt, doch einmal gelöst werden wird, und zwar d u r c h a n d e r e M i 11 e 1 als durch die (iesetzgebung. es Also — die plan- und ziellose Judenwanderung mit der Tendenz der Zerstreuung ist nicht nur unzionistisch, sondern antizionistisch. ist nun der Zionismus heute schon in der Lage, der Juden Wanderung eine ihm genehme Richtung zu geben? Die zionistische Bewegung vertritt das Princip der Sammlung. Aber nicht der Sammlung i r g e n d w o. sondern der Sammlung in der alten Heimat unseres V o 1 k e s. i n P a l ä s t i n a u n d sein e i; N a c h b a r- 1 ä ]] d e r. Dorthin aber kann der Zionismus die jüdische Wanderung nicht lenken, bevor die rechtlichen Garantien geschaffen sind, die den vornehmsten Punkt des politischzionistischen Programmes bilden. - Es scheint also, dass die Bewegung bis zur Erlangung dieser Garantien die heutige Richtung der Juden Wanderung nicht ändern könne, und sich damit begnügen müsse, dieselbe zu beklagen. Es scheint aber nur so. U n m i i t e 1 b ar vor den Thoren Palästinas liegt ein Land, wo kein Einwanderungsverbot für Juden besteht, und das sich unter einer geordneten europäischen Regierung befindet, die sogar die jüdische Einwanderung mit Freuden auf nehmen wird. Dieses Land hat das gleiche Klima und die gleichen Products wie Palästina und wartet ebenso der fleissigen Hände wie unser eigentlichstes Heimatland. Es ist dies die Insel Cypern. die zu allen Zeiten unserer alten Geschichte von Juden bewohnt war, die stets im Zusammenhang mit Palästina geblieben, und die zu Zeiten von Juden g enidez u b e herrscht wurde. In Bibel u n d T a 1 m u d ist sie oft erwähnt, unter den Namen C h i 11 i m und K a p h r i s s i m, lind zahlreich sind die Beziehungen unseres Volkes zu der Insel von den Tagen des Exodus an bis in die neueste Zeit. Es Hesse sich eine jüdische Geschichte von Cypern schreiben, die heute zwar wenig bekannt ist, die aber die Insel uns als das historisch j ü d i s c h este Land nach Palästina erscheinen lassen würde. Auch von den geographischen Nachbarländern ist es d a s n ä chst e, d a s in a b s e h b a r e r Zeit zionistisch in Betracht ko m m e n kan n. Auch diese Thatsache ist noch zu wenig bekannt, aber ein Hinweis wird genügen : Palästina ist in gewissem Sinne eine Insel — das heisst, seine Nachbarländer können vorläufig, nämlich bis Palästina dicht bevölkert sein wird, von Juden nicht besiedelt werden. Im Süden des Landes ist die sinaitische Wildnis — im Westen ist das Meer — im Norden ist die christliche autonome Provinz Libanon, in der das Vorherrschen der syrischen Christen von den Grossmächten garantiert wird — daran schliesst sich Damascus, das türkisch zu wichtig ist — und die übrige Grenz,strecke, v o m S t a d t g e b i e t e von Damascus bis wieder zur sinaitischen Wildnis ist die Grenze gegen die syrisch-arabische Wüste. Nach dieser Wüste zu wird Palästina sich sobald nicht ausdelmen. Die Errungenschaften der Neuzeit undspeciell die Fortschritte der Technik haben dazu geführt, dass wir eine Wüste als ein Land betrachten, das bloss der fleissigen Hände und der intelligenten Maschinen wartet, die es bewässern, um zum sei denn, dass die Regierung und die anglisierte jüdische Gemeinschaft sich auf einen vernünftigen Ausweg einigen. — Arnold White ist deshalb durchaus noch nicht Antisemit. Man lese nur, was er im „Ni riete ent Century" (Mai-Nummer 189:2) speeiell von den russischen J uden schreibt. Er spricht dort von der aristokratischen Feinheit des Geistes, die der ganzen Rasse eigen sei. Er rühmt ihr Ehrgefühl, ihr Familienleben und kommt zu der LTeb erzeug trug, dass ihre Unpopularität. zurüekzufiVhren sei auf ihre angeborene Ueberlegenheit gegenüber den Völkern, unter denen sie leben.