Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Article
- Professor Dr. David Kaufmann und George Eliot
- Date
- 1899-07-21
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315826-3389337--13953-3389431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 „Die Welt“ Nr., 2.9 pflegen in mächtigen Pers ö n lichkeiten gesammelt aufzutreten und diesen eine hinreis s e n d e Kraft zu gewähren, vor der alle Nüchternheit und Kühle zerstiebt wie Blätter vor dem S t u r in e. I s r a e l s G e s e dickte weist eine Anzahl solcher Erscheinungen auf'/4 „Einer englischen Christin wird die Cult Urgeschichte den Ruhm zuerkennen müssen, dass sie am tiefsten in der Gegenwart von diesem Gedanken ergriffen worden und mit dem Seherauge des Genius den Zeitpunkt wahrgenommen, die G r u n d fr a g e des J u d e n t h u m s poetisch zu verwerten und zu lösen.“ „ . . . Die Engländer sind gereift genug, um treue Staatsbürger nicht ihre harmlosen Hoffnungen entgelten zu lassen, wissen sic es doch durch ihr eigenes Beispiel, dass man gar wohl einem fremden Staate angehören könne, ohne die Zugehörigkeit zum eigenen Volke aufzugeben.“ „Nur eine Dichterin, die Ueberzeugungon in Triebfedern, Gedanken in Nervenkraft umzusetzen versteht, hat wagen dürfen, ein der Mehrzahl der Gebildeten bis zur Unverständlichkeit fremd gewordenes Gefühl, wie die Sehnsucht nach der Aufrichtung des jüdischen Reiches, zur Seele ihrer Schöpfung zu machen .... Diese Sehnsucht. nach einer Zu k u n ft Israels als N a t i o n bildet den geistigen M i 11 e 1 p u n k,t. d a s H e r z ihres Buche s.“ Wir haben in dem Vorstehenden nur die .Ansichten des Professors K a u fm a n n gehört. Ansichten, zu denen ihn der Roman des Georg Eliot veranlasste. Wir werden vielleicht noch die Gelegenheit wahrneInnen, in einem zweiten Artikel die unübertrefflich schönen, von poetischer Wärme und kritischer Klarheit durchdrungenen Gedanken der George Eliot über die Zukunft des jüdischen Staates in scharfen Umrissen zu skizzieren. N. Die Woche. 19. Juli 1899. In Berlin ist jetzt eine Ansichtspostkarten-Ausstellung eröffnet worden. Karten aus sämintlichen Ländern sind da zu sehen. Aber trotzdem fehlt eine Karte. Eine Ansichtskarte aus einem Lande, wo es den Juden gut geht. s ... * ln Wien hat ein czechisches Sokolfest. stattgefunden, dessen Theilnehmer von Wiener Deutschnationalen, so weit es möglich war. durchgeprügelt wurden. In Radschitz, in Böhmen, wurden andererseits Deutsche von Czechen nicht unerheblich gebläut. Ein derartiger Gefühlsaustausch ist nun nichts A uss e r ge wohnliches, befremdend war nur eines : Bo wohl in Radschitz als auch in Wien, hat man. wie aus den Zeitungen ersichtlich ist, unbegreiflicherweise vergessen. die zugehörigen Juden als passive Theilnehmer in die Prügelscenen miteinzuheziehen, wie es doch sonst immer Brauch ist. Sonderbar! — Oder sollten nur die Zeitungen unvollständige Berichte gebracht haben? -r- ‘ * * Ein Londoner Erfinder, ein gewisser Newmann, hat, wenn man den Blätter meid ungen glauben darf, eine rauch- und geräuschlose, elektrische Kanone erfunden, auf deren mörderische Wirkungsweise man grosse Hoffnung setzt. Au den Erfinder sind bereits zwei Dutzend anonyme, in den verschiedensten Sprachen al »gefasste Briefe an gelangt, in denen er ersucht wird, freundlich st anzugeben, um welche Summe er sein Geheimnis verkaufen wolle. Die anonymen Briefe weisen zufällig eine merkwürdige Harmonie auf. Sie sind durchgängs aus dem Haag datiert, wohin auch — poste restante — die gefällige Antwort erbeten ist. . -r- * In Reichenberg in Böhmen hat dieser Tage eine Versa mm Um g „deutse hv ö I k i sc h e r Schrift! eit er“ statt gefunden. Was das für Leute sind? „Shriftleiter“ bedeutet soviel wie Redacteur, lind das geläufige Fremdwort für „deutschvölkisch“ lautet: „antisemitisch“. Also in Reichenberg haben sich die antisemitischen Redacteure Deutschböhmens zusainmengefunden. und über einander Heerschau gehalten. Zur allgemeinen Freude hat sich herausgestellt, dass in Deutschböhmen dreiundzwanzig Blätter existieren, deren Antisemitismus über jeden Zweifel erhaben ist. Es wurde ein Verzeichnis der authentisch beglaubigten deutsch-völkischen Blätter aufgestellt, um Irreführungen des Public ums hintau zuhalten. Das Verzeichnis soll den Leser darüber informieren, ob er es mit einem antisemitischen Blatte zu thun habe. — Keine üble Idee, dieses Verzeichnis! Wenn also jetzt ein Jude in einem deutschböhmischen Blatte die herkömmlichen wüsten Hetzartikel gegen die Juden lesen und im Zweifel sein wird, ob er es wirklich mit einem antisemitischen Blatte zu thun habe, so wird ihn das Verzeichnis aus allen Zweifeln und Missdeutungen befreien. Erwin Rosen berge r, Der Zionismus und die ludenwanderung von Ben-David *) Die Judennoth in ihren verschiedenen Formen hat zu allen Zeiten zur Judenwanderung geführt — zu einer plan- und ziellosen. Der Zionismus — die letzte Folge der Judennoth — gibt einen Plan und weist auf ein Ziel. Das Ziel ist die alte Heimat unseres Volkes, Palästina und seine historischen Nachbarländer: und die Planmässigkeit im Vorgehen der zionistischen Bewegung liegt darin, dass Garantien geschaffen werden, durch die der Willkür auch für alle Zukunft vorgebeugt werden soll - so weit man eben kann. Diese Garantien werden geschaffen. Es vergeht kein Tag. möchte ich sagen, an dem diese Garantien nicht weiter ausgebaut werden, an dein nicht, auf diesem oder jenem Wege, Erfolge. Portschritte zu verzeichnen sind. Zur Schaffung dieser Garantien gehören die politischdiplomatischen Schritte, die schon recht nahe den Erfolg gestreift, und die sicherlich zur öffentlichen Anerkennung unserer Bestrebungen geführt haben. Es gehört auch zu diesen Garantien die Schaffung des Jewish Colonial Trust, es gehören dazu die Schekelsammlungen und last not least — die Stärkung der zionistisc11en OrgrmisaIion. Die Zionisten sind ihres Erfolges sicher und haben ein Recht dazu. Eine andere Frage ist der Zeitpunkt des Erfolges — diese kann nicht vorsichtig genug beantwortet werden. Es kann sehr bald sein, aber es ist gefährlich, eine noch so grosse Wahrscheinlichkeit agitatorisch zu verwerten. Die Argumente des Zionismus sind zwingend genug — wir haben es nicht nöthig, Hoffnungen zu erwecken, deren ganz zufälliges Fehlschlagen, die verhängnissvollsten Folgen haben könnte.**) Wir sind einfach nicht in der Lage, einen Zeitpunkt zu nennen. Inzwischen bestehen die zwingenden Ursachen der Juilenwanderung fort, und die Wanderung nimmt ihren Fortgang, wenig beeinflusst von den veränderten Anschauungen, die der Zionismus in die jüdischen Massen geworfen hat. *) Wir bringen den lesenswerten Artikel, ohne uns mit dem Tenor dei; Vorschläge zu identificieren. **) Ein anekdotisch anniuthender historischer Fall könnte liier erwähnt werden : Als Lord Wolseley nach Aegypten gieng. um den Oberbefehl über die Truppen zu übernehmen, erklärte er. dass der Feldzug in 12 Tagen beendet sein würde. Und das englische Publicum wurde sehr ungemüthlich als er 15 Tage brauchte. —