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Die Welt · 1899-07-21 · 29 (21.7.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
29 (21.7.1899)
Article
Professor Dr. David Kaufmann und George Eliot
Date
1899-07-21
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 29 „Die A Weit“ Seite 9 Professor DK David Kaufmann und George Eliot. „In der Ruhmeshalle des jüdischen Volkes wird unter all den Huldigungen, die ihm in der Abfolge der Zeiten von den Seinen aller Jahrhunderte dargebracht wurden, als stolzestes Zeugnis englischer Anerkennung Daniel D eronda eine Ehrenstelle ein nehmen." Genau vor 20 Jahren schrieb diese Worte einer cler hervorragendsten jüdischen Gelehrten unserer Zeit, Prof. Dr. David Kaufmann über „Daniel Derond a", das grossartige Buch des genialen George Eliot. Die umfangreiche Studie, die der jüdische Gelehrte vor zwei Decennien über die englische Schriftstellerin in der F r ank e l ’schen Monatsschrift veröffentlichte, hat dasselbe merkwürdige Schicksal, wie der Roman selbst, dem sie galt; sie hat heute eine Actualität, wie sie bei ihrem Erscheinen kaum besass, denn sie wirkt heute mit einer Nachdrücklichkeit und Eindringlichkeit, die keiner literarischen Arbeit, sondern nur einer politischen That innewohnten. Die Ausführungen K a u f m a n n s, die wir auszugsweise hier reproducieren wollen, werden die Richtigkeit dieser Behauptung am besten beweisen. Die Ideen, die Kaufmann über Gegenwart und Zukunft des Judenthums entwickelt, sind so geistvoll und originell, dass die Wiedererweckung derselben gewiss allgemeines Interesse erregen werden, wenn wir dieselben auch nur in aphoristischer Form miltheilen. Prof. Kaufmann spricht zu Beginn seiner Recension nicht von dem Werke, das ihm vorliegt, sondern er entwickelt seine eigene Meinung über die Aufgabe des Judenthums und d«i sagt er: „Mehr aber als das Räthsel dieser wunderbaren Erhaltung fordert die Frage von der Zukunft der Juden das öffentliche Nachdenken heraus. Man glaubt gar nicht, wie viele Köpfe ernstlich diese Sorge beschäftigt. Soll das Ziel und Ergebnis ihrer glorreichen Geschichte ihr Auf gehen unter den Völkern der Erde sein? Wozu dann all der Liebe Mühe, wozu die Kette der Leiden, wozu die Ströme von Blut und Thränen? Ist diese vielgeschmähte Minderzahl, die aus ihrer Mitte die Religionen entlassen hat, die clen Erdball erobern, vielleicht noch einmal berufen, vom Grabe ihrer Töchter der verzweifelten Weit Trost und Erhebung einzuflössen?" „Sind die Juden noch ein Volksganzes, ein siecher Leib, in den wieder Gesundheit und Juden kraft einziehen kann, oder bleiche, auseinandergeworfene Gebeine?" „Wie denken zunächst die Juden selbst darüber? Es ist das Kennzeichen eines gesunden Leibesgefüges, dass seine Glieder ohne Bewusstsein von ihrer Arbeit thätig sind. So wird denn auch keine Anklage gegen die Juden daraus abzuleiten sein, wenn die Behauptung aufgestellt wird, dass sie im Grossen und Ganzen bisher ohne ein deutliches Bewusstsein von ihrem nationalen Berufe in unentwegter Treue ihrer Lehre angefangen haben. Aber mehr ais bloss eine Religion war das Judenthum seinen Bekennern zu allen Zeiten sicherlich. . . Neben aller Anhänglichkeit an das jeweilige Land ihrer Geburt, lebte in ihren Herzen das Gefühl der verlorenen Heimat, zu der sie ein stilles Sehnen in herzentströmten Liedern und Gebeten, aber niemals in aufrührerischen und verr ätherischen Befreiungsgelüsten, in Wünschen und Hoffnungen, aber nicht in Thaten und Versuchen hinzog...." *) Wir haben in unserer letzten Nummer die Kunde von dem plötzlichen Hinscheiden des grossen jüdischen Historikers und Professors am Budapester Landes-Lehrerseminar Dr. David.Kaufmann gebracht. Obiger Artikel gewährt einen interessanten Einblick in die Anschauungsweise des verdienten Gelehrten. . (Die Red.) . Man darf bei dieser Untersuchung nicht übersehen, dass der Gedanke der Nationalität in seiner antiken Schärfe erst in diesem Jahrhundert wieder auf gelebt ist, und dass es noch am Ausgange des vorigen Jahrhunderts als Blüte der Entwicklung galt, die nationale Beschränktheit durch die Ahnung des allgemeinen Menschenthums überwunden zu haben. Das Mittelalter, das in der alten Welt noch über die Zeit der französischen Revolution hinausreicht, war nicht in unserem Sinne national; man kann darum von den Juden nicht verlangen, was ihrer ganzen Umgebung abgien g." . . Erst in diesem Jahrhundert hat der Hass und nachher die Wissenschaft auch in denJuden ein eNationalitätanzuer kennen a n g e f a n ge n." . . Man kann es kühn behaupten: Das Judenthum von heute ist im Erwache n und E rstarken seines nationalen Selbstbewusstseins begriffen...“ . . Was folgt aber aus diesem Erwachen? Wird der staatenbildende Drang derNationaiität, der* die Landkarte Europas binnen kurzer Zeit so wunderbar um gestaltet hat, auch die Juden dazu fortreiss en, mit ihren Jahrtausende alten Hoffnungen Ernst zu machen und ihr zahmes Sehnen in ein ungestümes Handeln zu verkehren?“ „Die Judenheit hat über diese Frage sich in zwei Lager gespalten. Den einen ist die Hoffnung auf die Wiederherstellung des alten Staates eine knabenhafte, belächeln sw ü r d i g e Sc h w ä r m e r e i, der Wunsch nach einer Rückkehr gen Zion eine leere Lüge .... Aber trotz aller Polterhaftigkeit und alles Gezänkes kann "die Thatsache nicht geleugnet werden, dass dem grössten Th eile des jüdischen Volkes auf der Erde Palästina mehr ist, als ein geographischer Begriff, dass alle Entwöhnung der Jahrhunderte und alle Verständigkeit der Neuzeit nicht ver m o ch t haben, das Sehnen nach diesem Lande aus d e m Herzen zu bannen und den Geistern in Vergessenheit zu bringen." „Wer will sich vermessen und sagen, was aus dieser Hochfluth schwebender Gefühle im Innern der Judenheit noch einst hervorgehen werde, wer will es wagen zu behaupten, die unwägbare Masse unbestimmter Ahnungen, dunkle n Drange s, die im Laufe der Jahrhunderte in der jüdischen Volksseele sich eher vermehrt als vermindert hat, werde wirkungslos sich verflüchtigen?" „ ... Haben nicht die Neunmalweisen der babylonischen Gefangenschaft das Feuer der Propheten hohnlachend angegrinst und mitleidig auf die Jammergestalten herabgesehen, die an der Schrulle krankten, den Tempel wieder aufrichten zu wollen? Aber aus dem Kreise dieser Dulder sind die Geister hervorgegangen, die Judäa seine neue Blüten, dem Judenthume seine UnVergänglichkeit schufen." „Haben sie umsonst geblutet die Verthei di ger Jerusalems, die Helden von Bethai? Sollte aus der löwenmuthigen Erhebung Judäas, aus der friedlich wunderbaren Heimkehr der Verbannten aus dem babylonischen Exil nicht einmal diese Lehre für alle Zeiten folgen, dass die Sehnsucht nach dem Besitze Palästinas im Herzen des jüdischen Volkes mehr ist, als eine veraltete Abenteuerlichkeit, eine unfruchtbare Schwärmerei? Gefühle, die in einer Volksseele gehegt und dem Einflüsse der Zeiten widerstrebend bewahrt werden,

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