Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Article
- Der III. Congress
- Date
- 1899-07-14
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die #7 Welt* Nr, 28 russischen sowie auch andere Delegierte, nicht gewusst hätten, worüber abgestimmt worden wäre. Durch Betonung dieser Hinweglassung kann solchen Verdächtigungen von vorneherein die Spitze abgebrochen werden.) Alle Berichte des Actionscomites, sowie alle Anträge, die geschäftsordnungsmässig (§ 13) eingebracht werden — als Sammelstelle möge das Wiener Congressbureau angegeben werden — sind dem Congresse resp. den einzelnen Delegierten nebst einem Exemplare der Geschäftsordnung gedruckt vorzulegen. Die Drucklegung entfällt bei denjenigen Anträgen, die wegen heikler Natur nicht im Plenum, sondern nur in vertraulicher Sitzung einer Commission erledigt werden müssen. Die Woche. Wien, 12. Juli 1899. Der chinesische „Schenpau“ meldet, dass mit Genehmigung der Alleinherrscherin aller Chinesen, der Kaiserin-Witwe Tzu-hsi, die gewaltige chinesische Mauer abgetragen werden soll. Der cyklopisehe Wall ist altersschwach geworden. Tag und Nacht gieng eine Erschütterung, wie ein nervöses Beben, durch die steinalten Steine. Die unermüdlichen leisen Erdstösse, die Tag und Nacht an dem Mauerweik rütteln, kommen von den zahllosen Eisenbahnen des Erdballes. Die Erdrinde, in der früher eine träge Starrheit war, zittert jetzt unter Millionen Eisenrädern, und das können die betagten Bauten, die seit Jahrtausenden an eine ruhige Lebensweise gewöhnt sind, nicht vertragen. Und dann der lästige Rauch aus den 'ungezählten Locomotiven! Regen, Schnee, Hagel — dagegen sind solche wetterfeste Steine gefeit, das kann ihnen alles nichts schaden. Aber der feine Rauch, der jetzt in der ganzen Atmosphäre der Erde ist. der bringt das alte Gemäuer um. Ein inneres Siechthum befällt die Blöcke. Und* die Menschen erbarmen sich der alterskranken Quadern und geben ihnen den Todesstoss. »t» , In den Strassen Wiens gibt es jetzt sehr oft erregte Demonstrationen gegen Lueger und seine Parteigenossen. Arbeiter und Bürger rufen Schulter an Schulter anlässlich der von Lueger geplanten Wahlreform „Pfui Lueger!“ Die nicht-christlichsociale Presse verzeichnet mit Genugtuung diese Demonstrationen und prophezeit den baldigen Auszug Luegers aus dem Wiener Rathhause. Die Juden dürfen dem angeblich bevorstehenden Fiasco der Wiener Christlichsocialen mit beträchtlich skeptischen Gefühlen entgegensehen. Wenn das „Volk von Wien“ auf der Strasse „Pfui Lueger4 ruft, so muss man sich gegenwärtig halten, dass der Protest des Volkes sich weniger gegen den Judenhass der Christlich-Socialen, als gegen jene Wahlreform richtet. Nicht der Antisemitismus des Lueger wird verurteilt, sondern seine Wahlreform. Wenn Lueger bloss Judenfeind geblieben wäre, wenn er sonst keine politischen Dummheiten und Brutalitäten begangen hätte, so hätte das „Volk von\V ien*' niemals dieseheftigen Entrüstungslaute gefunden. Man mag die nahende Entthronung Luegers vielleicht mit einer gewissen Schadenfreude betrachten, die mehr der Person des Feindes gilt; der Mann hat in Wort und That öfter gesündigt, jetzt geht es ihm selbst an den Kragen. — Sonst ist aber kein besonderer Grund zur Schadenfreude vorhanden. Die antisemitischen Grundsätze, denen die Christlich-Socialen huldigen, werden voraussichtlich keinen nennenswerten Schaden leiden. Die Erben stehen schon an der Rathhausthüre, mit Kornblumen im Knopfloch — „der christlich-sociale Antisemitismus ist todt, es lebe der deutschnationale Antisemitismus P In New-York ist am 8. Juli das Hein e-Denkmal, der Loreleibrunnen von H e r t e r, enthüllt worden. Ein typisches Judenschicksal hat den Loreleibrunnen nach Amerika ver- . schlagen. Auf dem Schüfe, auf dem das Modell des Denkmales in die neue Welt gebracht wurde, befanden sich vielleicht Auswanderer jüdischen Stammes, die gleichfalls in ihrer europäischen „Heimat“ kein Ruheplätzchen finden konnten und nach langem Herumwandern übers Meer giengen. Wie mit bewusster Ironie hat man gerade einen Loreleibrunnen als Denkmal erkoren. Den deutschen Rhein hat der Dichter zeitlebens geliebt und im Liede gefeiert, — der Dichter der unglücklichen Liebe hat auch da ohne , Gegenliebe geliebt. Das germanische Volk will von der Lurlei nichts mehr wissen, man jagt sie hinüber nach Amerika, weil sie sich mit einem Angehörigen des jüdischen Volkes eingelassen hat. Die Nixe mit den germanischgoldenen Haaren wird nach New-Yqrk abgeschoben, weil sie sich von einem Juden besingen liess. Erwin Rosenberger. „Amateur-Landwirtschaft“. Von Ben David. In einem früheren Artikel habe ich versucht, das Vorurtheil zu zerstreuen, welches vielen Juden den Gedanken an die Wahl eines landwirtschaftlichen Berufes als so hoffnunglos erscheinen lässt. Trotz aller zutage liegenden Gründe, mit denen mau sich das Zustandekommen dieses Vorurtheiles erklären kann, muss uns diese Zaghaftigkeit wundern bei einem Volke, dem sonst doch jedes derartige Gefühl fremd zu sein scheint, ja dessen Unternehmungsgeist auf allen anderen Gebieten lind dessen Anpassungsfähigkeit ilun den ersten Platz unter den Nationen anzuweisen geeignet ist. Ein stark ü b e r t r i e b e n e rltespect vor d e r 8 u in m e d e r z u r L a n d w irtschaft n ö t h i g e n Kenntnisse ist in erster Linie s c h u 1 d d a r a n — u n d in z w eitel* Linie der R e s p e c t vor einer a n d e r e n S u m m e, d e r 8 u m in e Geldes, die n ö t h i g ist, u in Jude n als Ackert a u e r zu et a b 1 i e r e n. Wenn man hört, dass die R o t h s c li i 1 d’sche Verwaltung hierfür per Familie 0000—10.000 Francs als niedrige Schätzung rechnet, und dass in dieser Ziffer die grossen und kostspieligen Kellereien und anderen Anlagen nicht mit inbegriffen sind, die doch auch zum Prosperieren der Colonien nöttiig sind, so wird man zugeben müssen, dass das Geldargument eine grosse Berechtigung hat. Jemanden in einer westeuropäischen Stadt zum industriellen Arbeiter oder zum Kaufmann heranzubilden, macht keine derartigen Kosten. Selbst das Studium pflegt mit erheblich geringerem Auf wände verbunden zu sein. Ich will an der Hand eines zuverlässigen und massgeblichen Beispieles darthun, wie wenig obige Bedenken am Platze sind, wo es sich um Landwirtschaft im Oriente handelt und um ein Mensclienmaterial, dem diese Beschäftigung bisher fremd war. Ein palästinensischer Fall ist es nicht, auf den ich hier exemplificiere, sondern es handelt sich um einen landwirtschaftlichen Versuch, den Hamilton Lang in den Jahren 1864—1874 in Gypern machte. Aber schliesslich hat ja die Insel Gypern ungefähr die gleiche Bodenbeschaffenheit wie Palästina in seinen fruchtbaren Theilen und ist auch dem Heiligen Lande so nahe, dass es von den Nachbarländern Palästinas zionistisch als erstes in Betracht kommen dürfte.