Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Article
- Die neue Orientmacht
- Date
- 1899-07-14
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315825-3389140--13804-3389260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 „Die H Weit« Nr. Z8 Mann“, seitdem er den deutschen Freund zur Seite hat. Aber darauf allein beschränkt sich die Wandlung nicht. Mit der Reorganisation der türkischen Armee durch deutsche Instructoren war nur der erste Schritt gethan, allerdings ein Riesenschritt. Nun kann die Türkei, auch in ihrer materiellen Wohlfahrt gefördert, in das ungeheuere Netz des internationalen Handels und Verkehres hineingezogen werden, wenn sie aufrichtig und guten Willens den Intentionen der neuen Orientmacht ihre Mitwirkung leiht. Die Türkei war von tiefem Misstrauen gegen die alten Orientmächte erfüllt, in jeder sah sie einen Feind und einen Erbschleicher. Die neue Orientmacht flösst ihr Vertrauen ein, das ist das grosse Novum, welches ihr selbst noch gar sehr zustatten kommen kann, vorausgesetzt, dass sie den Muth hat, in der Erkenntnis vorzudringen, wie sehr ihr fremde Arbeit noththut, um sie innerlich zu festigen und äusserlich. zu erhöhen. Das heutige Verhältnis der Türkei zu Deutschland beruht ganz ausschliesslich auf dem Principe, dass die Türkei nicht aus eigener Kraft, sondern nur mit aufrichtiger freundschaftlicher Unterstützung sich die Bedingungen verschaffen kann, an welche heutzutage die Existenz eines grossen Staatswesens geknüpft ist. Diese Unterstützung findet sie bei Deutschland, das selbstverständlich sie nicht um Gotteslohn leistet, sondern seine Aequivalente im Auge hat. „Wenn Du nehmen willst, so. gib“, sagt der Dichter. Eine gewaltige Macht wie die deutsche setzt natürlich den Orient nicht in ihr Programm, ohne sich zu vergewissern, wieviel sie dadurch gewinnt. Gleichviel, es ist die Civilisation, welche allgemach friedlichen Eingang in die Türkei findet. In ihrem Gefolge befindet sich auch der Zionismus. Seine Wiege steht auf der civilisatorischen Seite der Weltpolitik. Er bietet der Türkei kostbare Arbeitskraft in jeder Richtung moderner Gulturbethätigung, in Handel und Ackerbau, in Verkehr und Industrie, und er begehrt dafür nichts als die rechtlich gesicherte Heimstätte auf dem Boden, auf dem einst unsere Väter sassen. Man kann für geringeres Begehren kein grösseres Angebot machen. Und man kann es nicht ehrlicher, nicht williger, nicht aufrichtiger machen. Der Zionismus ist zur Willenskraft fortgeschrittene zweitausendjährige Sehnsucht. Auch er ist ein Stück Weltpolitik, aber nicht im Sinne der unfreiwilligen Expansion, die ein Fluch des Judenthums war, sondern im Sinne der Goncentration zu eigener Kraft und auf eigener Scholle. Die jüdische Colonialbank. Von mehreren Freunden kommt die Anfrage, wie gross die Zahl der bisher subscribierten Shares ist. Eine genaue Antwort lässt sich auch heute noch nicht darauf geben, weil die Registrierungs-Arbeiten in London mit ungeheuren Schwierigkeiten verbunden sind und der Einlauf noch fortwährend stattfindet, so dass das starkvermehrte Personal, welches in den bedeutend vergrößerten Bureaus der Bank von Früh bis in die Nacht arbeitet, noch nicht fertig werden konnte. Der Beschluss des Venvaltungsrathes, die Aetien zuzutheilen, erfolgte an dern Tage, wo die Zahl der ersten 250.000 Shares in den Londoner Subscriptions- Registern voll war. Das ist am 29. Juni. Schon damals war dem Verwaltungsrathe eine weit höhere Ziffer von Subscriptionen »aus den Berichten der Agenten sicher bekannt, und auch die in London gesammelten Baranzahlungen von circa 60.000 Pfund Sterling Hessen erkennen, dass das geforderte Minimum bereits wesentlich überschritten war. Die genaue Feststellung der Subscriptionsziffer wird wohl noch einige Wochen auf sich warten lassen müssen. Als Curiosum theilen wir mit, dass der Auditor der Bank, der nach englischem Rechte mit der Prüfung der Register betraut ist, erklärt hat, eine solche Subscription sei ihm in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen; es handelt sich darum, mehr als 100.000 Shares-Zeichner zu registrieren, und es liegt geradezu kein Präcedenzfall vor, dass jemals eine Gesellschaft in England mit einer so grossen Zahl von Subscribenten registriert worden sei. * * * BEKANNTMACHUNG. Im Aufträge des Venvaltungsrathes des „Jewisli Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) Limited“ beehrt sich der ergebenst Unterzeichnete hiermit bekannt zu machen, dass auf Grund des § 62 der Statuten und des § 39 des Gesetzes vom Jahre 1867, betreffend Actiengesellschaften, die erste ordentliche Generalversammlung (Statuarversammlung) der oben erwähnten Gesellschaft am Donnerstag, 20. d. M., um 2 Uhr nachmittags, im Saale vom Winchester House, New Broad Street, London E. C., stattfinden wird. Alle Subseriptionen, welche bis zum 29. Juni eingereicht wurden, sind im vollen Betrage acceptiert worden, und die Zutheilungsbriele (Leiters of Allotment) werden zur Zeit .ausgesandt werden. James H. Loe w e, Generalsecretär. Broad Street Avenue, London E. C. Der III. Congress. Kommende Woche beginnen in allen Ländern und Erdtheilen die Delegiertenwahlen zum dritten Congresse. Die Vorbereitungen sind vollendet und die Aufstellung der Wahlcadres in Oesterreich, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Italien, Aegypten, England und in der Schweiz bereits erfolgt. Zum erstenmale gelangt das Princip der Hundertschaften zur vollsten Geltung. Das bedeutet die Beseitigung vieler Unzukömmlichkeiten. Aber gerade dieser Umstand ist Grund genug, um alle Gegner, heimtückische- und offene, zu den tollsten Sprüngen zu veranlassen. Sie sind durch die Erfolge der ersten beiden Congresse gewitzigt worden und arbeiten nun nach einem anderen Plan. Sie protestieren nicht mehr öffentlich gegen den Zionismus, sie bekämpfen ihn nicht mehr, nein, sie selbst sind die heissesten Verfechter des Zionismus geworden und beschützen ihn — gegen die Zionisten. Ihre Absicht war löblich, missglückte aber vollkommen. Mit dem Schlagworte „Praktischer Zionismus“ wollen sie einen Keil in die junge Bewegung treiben. Unsere Gesinnungsgenossen blieben ihnen aber die Antwort nicht schuldig. Und dass diese kräftig ausfiel, ist nicht die Schuld der Zionisten, sondern der Herren, die sie pr ovo eierten. * * * Das Sekretariat des Actionscomites versendet folgende Verlautbarungen : „Da eine grössere Anzahl von Schekelblocks noch, ausstehen, machen wir unsere Vertrauensmänner und Schekelblockinhaber darauf aufmerksam, dass auch nicht ausgefüllte Blocks an das Bureau des Zionistencongresses in Basel eingeschickt werden müssen, da dieselben zur Controle und Rechnungsablegung dringend benüthigt werden. Alle Schekelblockinhaber, welche die Namen dei' Schekelzahler nicht angegeben haben, werden dringend aufgefordert, umgehend die Namensliste an das Congressbureau in Basel zu senden, damit in der Zustellung der