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Die Welt · 1899-07-14 · 28 (14.7.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
28 (14.7.1899)
Article
Die neue Orientmacht
Date
1899-07-14
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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„£)ie Weit“ Nr. 28 Seite 3 sind ausgeschieden, Deutschland ist eingetreten; es lud sich keine Verschiebung der Ziele, sondern bloss eine Erneuerung und Steigerung der Mittel vollzogen. Den Vorsprung hat England immer noch, und es hat nicht Len Anschein, dass es ihn so bald verlieren werde. ^Trötz aller erfolgreichen Weltmarkt-Goncurrenz bleibt Deutschland mit seiner Seemacht noch lange auf emsige Arbeit angewiesen, um einst auch nur von fern in die zweite Stelle nach England einrücken zu können. Flotten stampft man so wenig aus der Erde wie Armeen, und die Flotten sind nun doch einmal die nothwendigen Werkzeuge der Weltpolitik. Deutschland ist atliemlos an der Arbeit, um sich, wie sein Staatssecretär im Reichstage sagte, seinen Platz in der Sonne zu sichern, uM es ist dank der ungeheuren Energie, die der Staat, abei, noch mehr der Handel und das Gewerbe entfalten, in verhältnismässig kurzer Frist erklecklich vorwärts gekommen. Aber darüber, dass man trotzdem noch ein grosses Stück hinter England im Rückstände ist, gibt man sich in Berlin gewiss keiner Täuschung hin. Man kann aber auch mit „affenartigerGeschwindigkeit44 eine Entwicklung von Jahrhunderten nicht in zwei Jahrzehnten einholen. Neulich lasen wir, dass die Handelsmarine Hamburgs diejenige Frankreichs um das dreifache übertreffe. Nun freilich, man kann nur staunen, wie kolossal die deutsche Handelsmarine sich binnen kurzem vermehrt hat; aber wenn Weltpolitik im wesentlichen darauf beruht, dass hinter den Handelsschiften nöthigenfalls auch eine Kriegsflotte steht, welche jenen Schutz und ungehinderte Bewegung verbürgt, so bleib! es bis auf weiteres dabei, dass die englische Weltmacht noch vor keiner anderen erreicht ist. Bis auf weiteres. Von diesem Vorbehalt-darf man sich nicht abdrängen lassen. Denn allerdings wechseln die grossen Machtprobleme und Interessenfragen jetzt mit einer Schnelligkeit, dass die Leute, welche vor dreissig Jahren die Vorbereitungen zum entscheidenden Ringen zwischen Deutschland und Frankreich als fürclil - bare, über das Mass des Erhörten hinausgehendo Konvulsionen empfanden, sich förmlich mudenken müssen angesichts der heutigen Expansionen, mittelst welcher die grossen Mächte ihre fnteressenkroise ins Ungeheure erweitern. Ein orthodoxer Nietzscheaner würde sagen, es handle sich eben auch hier um eine Umweitung der Werte. Aber Formeln sind ein armseliger Behelf, um das Wesen gewaltiger historischer Entwicklungen zu ergründen. Dass Russland, England, Deutschland und Frankreich bereit stehen, im gegebenen Moment oder, je nachdem,' auch nach der bekannten Artischocken- Methode China unter sich zu vertheilen, dass sie nicht besorgen, diese vierhundert Millionen Mongolen könnten, nachdem sie den Europäern das Kriegshandwerk abgelernt, sich verheerend gegen alles Europäische wälzen, darin liegt, wie uns dünkt, eine geradezu bewältigende historische Paranomie. Nicht wesentlich anders stehen die Dinge in Afrika, nur dass dort nicht eine uralte Gultur in Frage kommt. Und noch viel interessanter ist die merkwürdige Umbiegung, welche das europäische Orientproblem zu erfahren im Begriffe ist. Seit hundert Jahren und darüber war es ein unveränderliches Gliche; die nächstinteressierten Orientmächte waren Russland, Oesterreich und England, in zweiter Linie stand Frankreich. Der künftige Besitz Gonstantinopels bildete den Kreuzungspunkt der widerstreitenden Interessen. Es bekämpften einander die Einflüsse am Goldenen Horn, aber das galt als unabwendbar, dass die Erbtheilung nach dem „kranken Manne“ nur eine Frage verhältnismässig kurzer Frist sei. Kaiser Nikolaus I. liess sich durch seine Ungeduld in den unglücklichen Krimkrieg hineintreiben, dann .führte England am Bosporus das grosse Wort. Nun sind seit dem Berliner Gongresse erst einundzwanzig Jahre verflossen und die orientalische Frage zeigt eine von . Grund aus veränderte Physiognomie. An dem „kranken Manne" hat ein Wunderdoctor erstaunliche Proben seiner Kunst abgelegt; dieser Wunderdoctor ist Deutschland. Zugleich aber ist der Schwerpunkt der sogenannten orientalischen Frage ganz anderswohin verlegt worden. Am Balkan sucht und findet man ihn nicht mehr. Die Balkan Völker haben, seitdem sie auf ihre unabhängigen Staatswesen angewiesen worden, aufgehört, „interessant" zu sein. Als sie noch unglückliche Rajali waren, fühlte das christliche Europa die Verpflichtung, sich ihrer dem „unspeakable Turc" gegenüber anzunehmen; jetzt ist dazu kein Anlass mehr vorhanden, es handelt sich nur noch darum, sie zur Ruhe zu verhalten. Dagegen ist die Türkei, halb widerstrebend, in die Weltpolitik hineingezogen worden, und zwar durch Deutschland, dem sie — wenn der Ausdruck erlaubt ist -— passiv assistiert. Deutschland ist eine Oi ientmacht geworden, und der Schwerpunkt der orientalischen Frage ist über den Bosporus hinüber nach Asien verlegt. Die eigentliche orientalische Frage liegt jetzt zwischen der kleinasiatischen Küste und dem persischen Golf. Es vergeht jetzt kaum ein Tag, an welchem nicht, in englischen oder russischen Blättern von Bendor- Abbas, der Hafenstadt am persischen Golf, die Rede ist. Hat Russland, fragt man in London, sich inTeheran die Erwerbung dieser Hafenstadt gesichert? Und wenn ja, was hat England zu tluin, um diese Bedrohung seines indischen Besitzes von der Seeseite her abzuwenden? In England liebt man die alten Methoden; man hat früher, solange die orientalische Frage eine wesentlich europäische war, immer die Trennung der österreichischen und der russischen Interessensphäre empfohlen. Jetzt klammert man sich an den Gedanken, es könnte eine solche Trennung der Interessensphären in Persien platzgreifen: Nordpersien für Russland, Südpersien für England. Daneben aber schiebt sich Deutschland in aller Stille vorwärts, und es hat allem Anschein nach Frankreich in sein Schlepptau genommen. Von Haidar Pascha nehmen die mit deutschem Oelde und unter deutscher Bürgschaft gebauten anatoüschen Bahnen ihren Ausgang, und da es in der Natur der Dinge liegt, dass sie keine Sackbahnen bleiben können, so ergibt sich ihre -allmähliche Fortsetzung durch das Euplirat- und Tigrisland bis zum persischen Golf von selbst als künftige Nothwendigkeit. An territorialen Gewinn ist dabei nicht gedacht, aber heutzutage hat das Capital, das starken nationalen Impulsen dient und durch den Rückhalt einer grossen nationalen Macht gestützt ist, eine ungeheure werbende Kraft, eine viel grössere als Kanonen und Rayonnette. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass Herr Siemens, der Lenker der Deutschen Bank, seine Bahn vom levantinischen Littorale bis zum persischen Golf früher zustande bringen wird, als Herr Gecil Rhodes die seine von Capstadt bis Kairo. Und für den Welthandel, für den grossen Austausch zwischen dem Occident und dem äussersten Orient ist in der That auch die Erschliessung der asiatischen Türkei und Persiens viel bedeutsamer und verheissungs voller als das Project des Rhodesiens, dem Deutschland miss* iranisch und behutsam g«'genüberstellt. Zweifellos ist dieses Einrücken Deutschlands in die Reihe der Orientmächte, und zwar in die vorderste Reihe, eine der merkwürdigsten historischen Thatsachen des letzten halben Jahrhunderts. Schon deshalb, weil es die Gefahr des streitigen türkischen Erbfalls weit hinausscliiebt. Der Sultan ist nicht mehr der „kranke

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