Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Article
- Ein berühmter jüdischer Bildhauer
- Date
- 1899-07-07
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 16 „Die A Welt“ Nr. 27 mittags in dem Atelier des jungen Meisters, betrachtete das Standbild und fasste sein Urtheil in dem Ausspruch „Gut! Sehr gut!“ zusammen. Während Antokolsky bisher denWeiligsten bekannt gewesen war, wurde ihm jetzt plötzlich eine ganze Reihe von Auszeichnungen zutheil. Der Gzar gab den Befehl, das Modell Iwans des Schrecklichen in Erz zu giessen und liess dem Denkmal einen Platz in der Eremitage anweisen. Das Gypsmodell wurde für das Museum der Akademie angekauft und der Schöpfer desselben zum Mitgliede der Akademie ernannt. Zur völligen Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit trat er damals eine Reise nach Italien an. Das Standbild Peters des Grossen hat in den Gartenanlagen von Peterhof unweit des Schlosses, welches er sich als Sommerresidenz erbaut hatte, einen Platz gefunden. In der Nähe des Pavillons, wo an schönen Sommernachmittagen eine Militärcapeile der lustwandelnden Gesellschaft aufspielt, tritt uns die Figur des Mannes, der Russland europäisch gemacht hat, mit zwingender Gewalt und Lebenswahrheit gegenüber. Man staunt über die Kraft, welche in dieser energisch sehr eilenden Gestalt liegt. Die Linke ruht auf dem Degen und hält ein Fernglas, die Rechte drückt den Spazierstock mit eiserner Wucht wie einen Zauberstab in den Boden hinein, dem im Laufe der Jahre so viele Wunder der Natur und Kunst entspriessen sollten. In der Muskelanspannung dieses nach rückwärts ausgestreckten Armes prägt sich ein unendliches Kraftgefühl aus — eine realistische Wahrheit, welche dem Natürlichen die weitesten Zugeständnisse macht und doch mit der Schönheit nirgends in Widerspruch geräth. Wundervoll ist die Behandlung des Soldatenrockes, der von dem Winde theils glatt an den Körper angedrückt, theils in flatternde Falten zurückgeworfen wird. Man darf in diesem Denkmal fürwahr ein mustergiltiges Beispiel für die monumentale Ausführung grosser volksthümlicher Heldengestalten sehen. Ebensolches Aufsehen erregten die anderen historischen Gestalten, durch welche Antokolsky bedeutungsvolle Abschnitte aus der Geschichte seines Vaterlandes charakterisierte. Zu seinen originellsten Schöpfungen gehört das Standbild, welches er Nestor, dem ältesten slawischen Chronisten, gesetzt hat. Dieser ist so dargestellt, wie das Volk sich ihn beim Niederschreiben der russischen Annalen denkt. Die Figur ist mit dem kleinen Tische, vor welchem der Mönch des Kiew'schen Höllenklosters sitzt, gleichsam verwachsen, und doch sehen wir sie in allen Theilen vor uns mit dem Ausdrucke der geistigen Spannung, die sich von der Gegenwart und der unmittelbaren Umgebung zu einer weit zurückliegenden Vergangenheit hinwendet, welche er seinem Volke mit der Feder in der Hand erzählen wall. Dämonisch bis zum Grausigen ist die Gestalt des Satans, der auf einem öden Felsen sitzt, die knochigen Krallenhände und das Kinn auf das Knie des hoch emporgezogenen rechten Beines stützt,' während der Ausdruck der schielenden Augen ein Abbild der Freude an der Vernichtung und an der Macht des Bösen ist. Am poetischesten wirkt unser Künstler mit einer Reihe von Gestalten, die er als Verkünder einer höheren Welt auffasst, in welcher Liebe und Versöhnung über die Wirrsale und Irrthümer des Lebens den Sieg davongetragen haben. So fasste er das. Bildnis eines Knaben auf dessen Grabmal auf. Das holde Kind scheint nur entschlummert zu sein, wir glauben seinen Athem zu hören, den Hauch seines Mundes zu spüren, zu sehen, wie seine Gedanken und Träume bei den Sternen und Wolken weilen, welche der Künstler mit zarter Hand angedeutet hat Rührend ist sein - Relief bild der Ophelia mit dem Hintergründe der Weiden, die sie ins Wasser locken, und dem ins Unbestimmte schweifenden Ausdrucke der Augen, für welche alles Irdische bereits geschwunden und nur die Erinnerung an nie wieder gutzumachendes Herzleid übrig geblieben ist. Mit diesen Schöpfungen hat Antokolsky das dramatische Moment, das er früher so trefflich zum Ausdrucke brachte, überwunden. Was ihn seitdem begeistert, sind vorzugsweise die Empfindungen eines erhabenen Schmerzgefühls, eines opferfreudigen Mitleids, einer zum Tode bereiten Weltentsagung. So schuf er die herrlichen Monumente des sinnend in seinen Stuhl zurückgelehnten Spinoza, des sterbenden Sokrates und fand endlich den Weg zu seinem Christusbilde, von dem er selbst eingesteht, dass es ihm von allen seinen Werken am schwersten gefallen ist. Er stellt Christus in Fesseln vor dem Volksgerichte dar, wie er, ohne zu murren, alle Ungerechtigkeiten dieser Welt über sich ergehen lässt und ganz von dem Heilsgedanken erfüllt ist, den er in die Herzen der Menschen zu senken gedenkt. Die Kraft der Ergebung, die in der langgestreckten Gestalt mit den an die Hüfte festgebundenen Armen enthalten ist, und das Göttliche des Erlöser- Bewusstseins, dem nichts Irdisches mehr nahetreten kann, sind aus einem tief empfindenden Gemüthe entsprungen. Dieselbe Innigkeit weht uns aus dem als Hochrelief ausgeführten Brustbilde „Der letzte Seufzer“ — Christus am Kreuze — an, auf dem der Schmerz beim Abschiede vom Leben mit dem Bewusstsein des Erlöserthums sich in wunderbarer Weise vereinigt. Antokolsky ist ein reiner, vornehmer Künstler, der ohne Rücksicht auf die Interessen und Erfolge des Tages ruhig seinen von ursprünglicher Kraft und ernster Schönheit umsäumten Weg wandelt und ausschliesslich in den höchsten Aufgaben der plastischen Kunst aufgeht. Alles, was ihn von dieser Höhe herabziehen könnte, liegt ihm so ferne, dass er nicht einmal die Versuchung spürt, einen seinem Herzen fremden Auftrag äusserem Vor!heile zuliebe zu realisieren. In der Durchbildung seiner Gestalten ist er Realist vom reinsten Wasser, welcher der Natur so weit nahezukommen versucht, als es sich mit der Wirkung der Plastik verträgt. Er selbst aber lebt als Russe und als Weltbürger in einem Umkreise von Ideen, welche die Entwicklung der ganzen Menschheit umfassen. B. Jacobs. Gongressbroschüre! Die am zweiten Baseler Congresse gehaltenen Reden der Herren Dr. Herzl, Dr. Nordau, Dr. Gaster, Dr. Mandelstamm sind in einer Separat-Ausgabe erschienen und zum Preise von 10 kr. pro Exemplar und 3 kr. Porto für Inland, 6 kr. für Ausland, durch die Administration der „Welt“, IX., Türkenstrasse 9, oder durch das Congressbureau, II., Rembrandtstrasse 11, zu beziehen. Vereine und zionistische Ortsgruppen erhalten bei einem Bezüge von 50 Exemplaren aufwärts eine 50percentige Ermässigung. n„ I QAIlPfD Specialarzt « « « » Ul. J. OMUULn, » ® für Nervenleiden — . ordiniert in ..— Iraßfenberg, öst. ichlesieii, Ixnßis ftirhaus. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. Buchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösset#. 11